Die Aufregung schien groß, jetzt hat sie sich erledigt: SPD und CDU haben sich nach dem Spitzelstreit im Senat wieder vertragen. Mario Czaja, Sozialsenator von der CDU, ließ am Dienstag nach der Senatssitzung mitteilen, es sei auf seinen Wunsch der Tagesordnungspunkt „Aussprache über die in den Medien berichteten Aktivitäten der Senatskanzlei zur Amtsausübung des Sozialsenators“ aufgerufen worden. Senatschef Michael Müller (SPD) habe dabei „klarstellende Hinweise“ gegeben und sich distanziert. „Irritationen konnten ausgeräumt werden“, so Czaja. „Damit betrachte ich die Angelegenheit als erledigt.“

Die Angelegenheit – der ausführliche Bericht eines Mitarbeiters der Senatskanzlei über einen Czaja-Auftritt vor Publikum, im Auftrag von Müllers Sprecherin Daniela Augenstein – hatte der Senatschef schon zuvor als „dusselig, aber unschädlich“ bezeichnet.

Wie der fünfseitige Vermerk die Senatskanzlei verließ und zur empörungsbereiten CDU gelangte, ist dabei unklar. Der Generalsekretär der Union, Kai Wegner, und auch Czaja fühlten sich jedenfalls – ausdrücklich und allen Ernstes – an „Stasi-Methoden“ erinnert. Darauf ging Müller nicht ein. Derlei komme nicht mehr vor, versicherte man einander. Was aber nicht heißt, dass öffentliche Veranstaltungen nicht mehr besucht werden dürfen.

Das Geplänkel zeigt am Ende einmal mehr, wie es um die rot-schwarze Koalition im Land steht. Das Vertrauen zwischen den einstigen Bündnispartnern ist komplett dahin, sonst hätte man eine solche Lappalie intern geregelt. Wenn stattdessen Lagerreflexe („Stasi!“) bedient werden, stellt sich eher die Frage, wie weit diese Koalition noch von akuter Arbeitsunfähigkeit entfernt ist. „Die kriegen nichts mehr miteinander hin“, sagt die grüne Fraktionschefin Ramona Pop – und weil jeder weiß, dass es genug zu tun gäbe, klingt derlei inzwischen nach mehr als klassischer Oppositionsrhetorik: „Da droht der absolute Stillstand.“

Das allerdings wäre gut neun Monate vor den regulären Wahlen misslich, fordert doch insbesondere die Flüchtlingskrise eine vereinte Kraftanstrengung. Wie die feindlichen Brüder Michael Müller und Frank Henkel, die auch persönlich wenig miteinander anfangen können, dies gemeinsam und ab 2016 auch im Wahlkampf schaffen wollen, bleibt ein Rätsel.

„Wird Zeit für Rot-Grün oder Rot-Rot“, seufzt der SPD-Jugendpolitiker im Abgeordnetenhaus, Björn Eggert, auf Facebook. Damit werden er und viele andere Sozialdemokraten, die das Bündnis mit der CDU gründlich satthaben, allerdings bis zum Herbst warten müssen. Am 18. September ist die Wahl, bis dahin sind Müller und Henkel aufeinander angewiesen.

Und das, obwohl es jetzt schon eine rot-grüne Mehrheit im Parlament gäbe. 76 Mandate haben SPD und Grüne im Abgeordnetenhaus, 75 sind nötig für die absolute Mehrheit. Im Jahr 2011 scheiterte Rot-Grün vor allem an Klaus Wowereit und der Autobahnfrage – Wowereit hat abgedankt, die A?100 spielt keinerlei Rolle mehr. Doch weder können die Grünen, immer beschäftigt mit dem Ausgleich zwischen Realos und Linken, eine sichere Mehrheit garantieren.

Noch hätten sie ein Interesse, das letzte halbe Jahr an der Regierung auszuhelfen, denn die Zeit ist viel zu kurz, um punkten zu können. Die Erinnerung an die Schmach von 2001 ist noch lebendig: Damals wählten Grüne Wowereit zum neuen Regierenden mit – flogen aber nach der Wahl sofort wieder raus aus dem Senat.

Kurioserweise würde allenfalls der CDU ein fliegender Wechsel auf Rot-Grün nützen: In der Opposition könnte sie genüsslich zusehen, wie der neue Senat an Problemen scheitert, für die die Union mitverantwortlich ist. Allein deshalb wird Müller seinen ungeliebten Partner Henkel nicht aus der Verantwortung lassen.