Nach Tod des Sohnes: „Warum mich der Beruf der Bestatterin glücklich macht“

Es war ein Tag im November 1999, der Nicoles Leben veränderte: An diesem Tag starb ihr Baby. Vier Tage vorher hatte sie es zur Welt gebracht. Heute, am 3. November würde Leon-Paul 18 Jahre alt werden.

Was macht es mit einem Menschen, wenn plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist, wenn ein Schicksalsschlag von heute auf morgen alles verändert? Diese Fragen stellt Nicole Rinder in ihrem Buch „Der Tod bringt mich nicht um – warum ich Bestatterin geworden bin“, das jetzt im Patmos Verlag erschien. Denn das ist passiert: Die Trauer um ihr Kind öffnete die Tür zu einer neuen Berufung.

Der Tod ihres Sohnes teilt ihr Leben in ein „Davor“ und in ein „Danach“

Der Tod ihres Sohnes veränderte alles: ihren Blick auf die Welt – aber auch auf ihr eigenes Leben. Es teilte sich in ein „Davor“ und in ein „Danach“. Heute sagt Nicole Rinder: „Ich glaube unerschütterlich daran, dass wir in der Lage sind, auch nach tragischen Ereignissen weiterzuleben. Dass dann Kräfte hervorkommen, von denen wir nichts gewusst haben.“ Und diese nutzte sie.

Nach dem Abschied von ihrem Sohn spürte Nicole immer deutlicher, wie sich nicht nur ihre Trauer nach einiger Zeit wandelte, sondern auch, wie die Trauer sie selbst umwandelte.

Sie arbeitete zwar zunächst weiter als Zahnarzthelferin, übernahm aber zusätzlich Aushilfstätigkeiten bei einem Freund, der ein Bestattungsunternehmen führte. Irgendwann fragte genau dieser Freund, ob sie sich nicht vorstellen könne, Trauerbegleiterin beziehungsweise Bestatterin werden.

Bestatterin: Der Tod als einziges Lebensthema?

Ihr tat die Arbeit gut, das hatte Nicoles Mann längst erkannt – und sie selbst auch. Doch ihre Familie zweifelte. Ihr Vater und ihr Bruder sorgten sich: Würde der Tod jetzt ihr einziges Thema im Leben werden?

Nicole dachte über Vor- und Nachteile nach und entschied dann für sich: Ja, sie würde dieser Arbeit gern hauptberuflich nachgehen. Aber, und jetzt kam ihre Bedingung, sie wollte ausschließlich Eltern toter Kinder begleiten, keine „normale“ Bestatterin werden. In diesem Gebiet fühlte sie sich mit ihrer eigenen Erfahrung „sicher“. Und sie hatte Talent.

Ihr Zuhören, ihr Erspüren und ihr Erklären, welche Möglichkeiten es geben kann, einen geliebten Menschen zu bestatten, sprachen sich so schnell rum, dass sich ihre „Zielgruppe“ bald erweiterte.

Neben Eltern, die um ihre Kinder trauerten, kümmerte sie sich nun auch um Angehörige nach plötzlichen Toden, Unfällen und Suiziden. Sie machte Fortbildungen und merkte immer deutlicher: dieser Beruf ist mehr als ein Job, er ist ihre Berufung.

Den Weg durch die Trauer erleichtern

„Ich darf Menschen in den schwierigsten Stunden ihres Lebens zur Seite stehen“, sagt sie. „Ich helfe ihnen, das verstorbene Kind, den verunglückten Bruder, die Mutter, die sich das Leben nahm, zu verabschieden.“ Natürlich kann auch sie den Tod nicht ungeschehen machen. Aber sie kann Angehörigen den Weg durch die Trauer erleichtern. Eine Aufgabe, die Nicole Rinder erfüllt.

Mittlerweile weiß sie nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch aus unzähligen Gesprächen mit Hinterbliebenen, wie wichtig die ersten Tage nach dem Tod eines geliebten Menschen sind. „Mich selbst trägt bis heute der Gedanke, beim Tod meines Sohnes nichts versäumt zu haben, ausführlich und inniglich Abschied genommen zu haben“, schreibt sie. „Das hat eine unglaubliche Lebenskraft in mir entfesselt.“

Kraft, die sie für sich selbst und für alle jene nutzen kann, die gerade in einer Phase der akuten Trauer stecken. Ihr als Optimistin hilft der unerschütterliche Glaube daran, dass sich alles irgendwie zum „Guten“ wendet.

„Wir haben keinen Einfluss auf die Herausforderungen, die das Leben bringt“, schreibt sie, „Wir können aber selbst entscheiden, wie wir darauf reagieren, damit umgehen und welchen Weg wir gehen werden.“ Dafür brauche es allerdings viel Zeit. Und Menschen an der Seite, die einen unterstützen.