Berlin - Der Tod einer Elfjährigen aus Reinickendorf ist zu einem Politikum geworden. Zunächst sind Elternvertreter davon ausgegangen, das Mädchen habe sich wegen Mobbing-Attacken das Leben genommen. Dafür gibt es bisher zwar keinen Beweis, gleichwohl hat die einmal losgetretene Mobbing-Debatte inzwischen sogar die Bundespolitik erreicht. Die Bundesregierung müsse sich des Themas annehmen, fordert zum Beispiel die Bundes-FDP. Doch wie kann man Mobbing überhaupt wirkungsvoll bekämpfen?

Was können die Betroffenen selbst unternehmen, was können Lehrer und Schulen tun? Darüber haben wir mit der Schulpsychologin Diana Sankowski gesprochen. Sie ist Diplompsychologin und arbeitet als für Gewaltprävention und Krisenintervention in Berlin. Ihr 15-köpfiges Team unterstützt im Auftrag der Schulverwaltung Berliner Schulen bei Notfällen – zum Beispiel bei extremem Mobbing oder im Umgang mit Todesfällen. 

Frau Sankowski, wie groß ist das Mobbing-Problem an Berliner Schulen?

Es ist ein sehr ernstzunehmendes Problem, weil die Folgen für Mobbing-Opfer so gravierend sein können.

Wie definieren Sie Mobbing?

Mobbing ist dauerhafte Schikane, es bedeutet drangsalieren, ärgern, unter Umständen auch mit körperlicher Gewalt durch Schläge und Tritte. Im Gegensatz zu einem einfachen Konflikt erstreckt sich Mobbing über einen längeren Zeitraum, und einem Einzelnen steht eine ganze Gruppe gegenüber. Ein klarer Machtunterschied. Mitglieder der Gruppe steigern ihr Selbstwertgefühl auf Kosten des Betroffenen.

Woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind gemobbt wird?

Das Kind will zum Beispiel nicht mehr in die Schule gehen, seine Noten werden schlechter oder es leidet häufig an Bauch- oder Kopfschmerzen. Das sind unspezifische Signale, die ein Hinweis auf Mobbing sein können und bei denen Eltern und Lehrer genau hinschauen sollten.

Die Zahl der gemeldeten Fälle steigt, über Mobbing wird häufiger berichtet – aber wächst auch das Problem?

Nein, Befragungs-Studien zeigen, dass sämtliche Formen von tatsächlicher Gewalt an Schulen über die letzten 40 Jahre rückläufig sind. Aber die Sensibilisierung wächst, es wird stärker zum Thema gemacht, Probleme werden auch häufiger gemeldet. Das ist ein sehr gutes Zeichen.

In welcher Altersklasse kommt Mobbing besonders häufig vor?

Unter den 12- bis 15-Jährigen, also in den Klassen 7 bis 9. In der frühen Pubertät. Jugendliche wollen sich definieren, sie suchen sich ihre Gruppen, zwischen diesen Gruppen gibt es Auseinandersetzungen. Sie lassen sich auch schlechter von den Erwachsenen beeinflussen, wollen sich nicht reinreden lassen und verheimlichen, wenn sie leiden.

Wie wirkt sich Mobbing auf die Opfer aus – und wie lange?

Mobbing hat langfristige bis hin zu lebenslangen Auswirkungen. Es beeinflusst das Selbstwertgefühl der Betroffenen nachhaltig, macht sie unsicher im Umgang mit anderen. Das disponiert sie, später auch in anderen Gruppen wieder von Mobbing betroffen zu sein.

Einmal gemobbt, immer gemobbt?

Das Risiko dafür steigt, ja. Allerdings kann Mobbing auch umkippen: Betroffene werden dann selbst zu Akteuren. Sie wechseln die Seiten, um zu verhindern, selbst wieder in eine unterlegene Position zu geraten. Deshalb vermeiden wir in unserer Arbeit die Begriffe „Täter“ und „Opfer“. Oft sind die Rollen nicht so klar verteilt. Mobbing ist viel komplexer, als es die Berichterstattung häufig suggeriert.

Warum ist es für Betroffene so schwer, Hilfe zu suchen?

Mobbing ist ein Gruppenphänomen. Der Einzelne steht einer Mehrheit gegenüber, er ist unterlegen und fühlt sich der Schikane hilflos ausgeliefert. Oft haben Betroffene die Befürchtung, dass es nur noch schlimmer wird, wenn man das Problem meldet. Das macht es auch für die Helfenden so schwer, diese Gruppenstrukturen aufzubrechen.

Welche Rolle spielen Lehrer bei der Verhinderung von Mobbing?

Eine wichtige. Mobbing beginnt immer mit einer Testphase. Jemand, der die Profilierung nötig hat, sucht sich ein Opfer aus. Er testet: Wer bekommt keine soziale Unterstützung oder wehrt sich nicht? Lehrer müssen ihre Klasse so gut kennen, dass sie diese Tests frühzeitig erkennen, unterbinden und Mobbing so von vornherein verhindern. Sonst besteht die Gefahr, dass auch Lehrer in so einen Mobbingkreis hineingezogen werden.

Wie das?

Wenn sich das von Mobbing betroffene Kind irgendwann schreiend oder mit Gewalt zur Wehr setzt, dann kann ein Lehrer, der das Problem nicht erkennt, dieses Verhalten als das eigentliche Problem verbuchen – und nicht das zugrundeliegende Mobbing.
Mit Blick auf die extreme Personalnot und die Überlastung der Lehrer an Berliner Schulen: Ist das nicht vielleicht zu viel verlangt?
Das darf einfach nicht zu viel sein. Das gewaltfreie Miteinander in der Schule muss aus meiner psychologischen Sicht eine ganz hohe Priorität haben.

Wie erleben Sie Lehrer in solchen Situationen?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Ich erlebe viele der neu beginnenden Lehrkräfte nicht nur rein auf ihr Unterrichtsfach konzentriert. Sie blicken auch sehr aufmerksam auf das soziale Gefüge in der Klasse. Sie scheinen für das Thema aufgeschlossen zu sein. Bei dienstälteren Lehrkräften ist das geteilt: Manche lassen sich darauf ein, andere sind überlastet, trauen sich das vielleicht nicht mehr zu. Sie sind dann auch eher die, die wegschauen, wenn etwas passiert.

Tun die Berliner Schulen genug gegen Mobbing?

Viele Schulen arbeiten sehr bewusst an diesem Thema und haben es fest in ihren jeweiligen Schulprogrammen verankert. Inzwischen gibt es häufig auch Sozialarbeiter an Schulen, die Ansprechpartner für soziale Fragen sind. Pflicht ist in Berlin inzwischen auch ein multiprofessionelles Krisenteam, das sich aus Schulleitung, Lehrern, Erziehern und vielleicht auch dem Hausmeister zusammensetzt und sich mit Mobbing-Prävention auseinandersetzt. Und in Notfällen können sich die Schulen immer an uns, die Schulpsychologinnen und -psychologen, richten.

Trotzdem gibt es Schulen, die mit Mobbing kämpfen – ohne ihre Probleme öffentlich zu machen.

Möglicherweise ist das Motiv, dass sie ihre Schule nicht in ein schlechtes Licht rücken wollen. Aber ich kann nur an Schulen appellieren, mit Mobbing offensiv umzugehen. Keine Schule erhält Nachteile durch Transparenz.

Nur, dass Eltern ihre Kinder vielleicht nicht mehr hinschicken wollen...

Ich denke, keine Schule in Berlin hat zu wenige Anmeldezahlen. Wir sollten uns verabschieden vom Traum der konfliktfreien Schule. Konflikte wird es immer geben, auch damit einhergehende Gewalt. Aber wir können den gewaltfreien Umgang mit diesen Konflikten als oberste Priorität definieren.

Wäre ein landesweites Mobbing-Konzept, wie es die FDP jetzt fordert, nicht sinnvoll?

Berlin hat rund 800 Schulen, die alle sehr unterschiedlich sind. Ich sehe auch Vorteile darin, die Schulen in ihrer Eigenverantwortung zu stärken, so dass sich jede aus dem großen Fundus die Strategie aussuchen kann, die am besten zu ihr passt.

Am Montag enden die Winterferien, dann werden Sie mit Kollegen in der Schule in Reinickendorf psychologische Betreuung anbieten. Wie gehen Sie dabei vor?

Zurzeit arbeiten wir noch an einem genauen Konzept. Klar ist: Wir geben der Trauer Raum und werden uns sehr stark nach den Bedürfnissen der Lehrer und Schüler richten. Und nach den Bedürfnissen der betroffenen Familie – sie ist für uns die erste und wichtigste Instanz im Umgang mit einem solchen Todesfall.