Vor zwei Jahren ertrank eine siebenjährige Neuköllner Schülerin während einer Klassenfahrt im Freibad am Werbellinsee im Landkreis Barnim in Brandenburg. Der verstörende Fall sorgte seinerzeit für großes Aufsehen: Denn es waren mehrere Betreuer und zwei weitere Rettungsschwimmer anwesend. Nun hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) Anklage erhoben gegen zwei Lehrer und zwei Erzieher. „Ihnen wird fahrlässige Tötung durch Unterlassen vorgeworfen“, bestätigte eine Sprecherin des zuständigen Amtsgerichtes im brandenburgischen Eberswalde der Berliner Zeitung. „Die Anklage geht davon aus, dass die Angeschuldigten bei pflichtgemäßer Aufsicht den Unfall rechtzeitig bemerkt hätten und den Tod hätten verhindern können.“

Das Unglück geschah am 6. Juni 2016. Die Angeschuldigten gingen zusammen mit drei weiteren Betreuern und insgesamt 72 Kindern der Neuköllner Peter-Petersen-Grundschule zu dem Freibad am Ufer des Werbellinsees. Sie wollten die Woche auf dem Areal der ehemaligen DDR-Pionierrepublik verleben.

Viele Kinder im Nichtschwimmerbereich

Drei Klassen waren es insgesamt, jeweils ein Lehrer und ein Erzieher sollten im Freibad eine Klasse beaufsichtigen. Dort sei die Situation sehr unübersichtlich gewesen, heißt es in der Anklage. Weitere Kinder aus anderen Schulen waren im Wasser. Dennoch haben die Lehrer und Erzieher den größten Teil der Kinder in das Nichtschwimmerbecken gelassen, das nur durch eine Kordel vom Schwimmerbereich abgetrennt war. Zwei Angeschuldigte haben sich den Ermittlungen zufolge ebenfalls ins Wasser begeben, während zwei weitere Pädagogen die Kinder vom Ufer aus beaufsichtigt hätten. Tatsächlich hätten sie es, „pflichtwidrig unterlassen“, die Situation wieder zu ordnen und die Kinder im Auge zu behalten, teilte die Gerichtssprecherin weiter mit. Aus mangelnder Sorgfalt hätten sie nicht bemerkt, wie sich die siebenjährige Nichtschwimmerin Elif-Fatma auf das Absperrseil zum Schwimmerbereich gesetzt habe. Wenig später sei das Mädchen mit dem Kopf unter Wasser geraten und habe wegen Sauerstoffmangels das Bewusstsein verloren. Ein Schüler einer anderen Schule entdeckte das Mädchen schließlich und informierte seine Lehrerin. Eine Rettungsschwimmer brachte die Siebenjährige ans Ufer. Reanimationsversuche scheiterten.

Erzieher und Lehrer verweigern die Aussage

Direkt nach dem Unglück kam es zu einer Ermittlungspanne. Eine Klassenlehrerin und eine Horterzieherin hatten das leblos geborgene Mädchen mit dem Rettungswagen ins Klinikum Eberswalde begleitet. Dort offenbarten brandenburgische Polizisten den beiden überraschten Pädagoginnen, dass nun gegen sie wegen des Todesfalls ermittelt werde. Beide verweigerten daraufhin sofort die Aussage, obwohl jene zwei Pädagogen gar nicht die Aufsicht über das Mädchen gehabt hatten. Weil sich auch von den übrigen Betreuungspersonen niemand selbst beschuldigen wollte, gab es zunächst kaum nutzbare Aussagen. Eine sehr belastende Situation für alle. Angeklagt sind die beiden Begleiterinnen nun nicht.

Wann und ob die Anklage vor Gericht verhandelt wird, steht noch nicht fest. „Für die Eltern ist gut, dass sie nun mehr Gewissheit haben“, sagte die Neuköllner Schulleiterin Hildegard Greif-Groß. Zum einjährigen Todestag hatte die Schule eine Trauerfeier organisiert.

Der Fall wirkt auch sonst noch nach: Viele türkischstämmige Eltern lassen ihre Kinder nun bei Klassenfahrten lieber zu Hause, heißt es in der Schule. Aus Angst, dass wieder so etwas passieren könnte.