Berlin - Die Häuser sind farbig, alles ist sauber, man sieht kaum eine Menschenseele. Was sich hier ereignete, passt einfach nicht hier her: Am Sonntagabend starb in der Neuköllner High-Deck-Siedlung ein 18-Jähriger – unter Umständen, für deren genaue Aufklärung die Polizei wohl noch lange brauchen wird. Der Mann, der ihn tötete, kam Dienstagabend frei, weil er laut Staatsanwaltschaft aus Notwehr gehandelt hat.

Die gepflegten Fassaden täuschen über das Milieu aus Verwahrlosung, Gewalt und Rohheit hinweg, aus dem diese Tat erwuchs. Aus einem kleinen Streit war ein Straßenkampf mit Macheten und Messern geworden, bei dem ein Mann Jussef el-A. tötete. Einen Streitschlichter.

In der Fritzi-Massary-Straße, wo der 18-Jährige starb, liegen viele Blumen. Freunde des Getöteten haben Kerzen entzündet und Liebesbriefe in arabischer Sprache abgelegt, weinende Mädchen und weinende Jungen stehen herum. In einem arabisch-türkischen Jugendheim im nahe gelegenen Ortsteil Rixdorf gab es am Dienstag eine Gedenkfeier für den Toten – Frauen hatten keinen Zutritt.

"Eine Bilderbuchfamilie"

Jussef el-A., mittlerer Schulabschluss, keine Ausbildung, war im örtlichen Jugendbeirat Streitschlichter und seine Mutter ehrenamtlich im Kiez Stadtteilmutter. Das Bezirksamt schätzt die Familie als völlig unauffällig ein. Als Gewalttäter sei Jussef nicht bekannt. „Die positiven Bewertungen reichen bis zur Bilderbuchfamilie“, sagt Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky.

Wohl deshalb war Jussef auch nicht dabei, als alles am benachbarten Bolzplatz anfing: Dort hatten mehrere Erwachsene Fußball gespielt, als eine Gruppe Jüngerer hinzu kam. Was dann passierte, darüber hörten die Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft rund 30 sich oft widersprechende Zeugenaussagen. Zwischenzeitlich glaubten sie, dass der tödliche Streit bei einem Kreisligaspiel im Norden Neuköllns seinen Anfang nahm. Zwar wurde auch dort viel geprügelt, doch inzwischen steht fest, dass der Auslöser ein Streit auf dem Bolzplatz an der Aronsstraße war: Zwei Spieler waren aneinandergeraten, und es standen sich plötzlich zwei Gruppen gegenüber. Die einen sagen, dass Sven P. und sein fünf Jahre älterer Freund nur schlichten wollten. Die anderen sagen, „die Deutschen“ hätten zugehauen. Jedenfalls wurden beide Männer angegriffen und flüchteten so überstürzt, dass sie ihre Jacken zurück ließen. Beide gingen in die Wohnung von Sven P. in der Fritzi-Massary-Straße.

Dorthin zog dann eine Gruppe von etwa 20 türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen. Ihnen schloss sich unterwegs Jussef an. Angeblich sei er gebeten worden mitzukommen, weil er als Streitschlichter bekannt war. Die Jugendlichen waren laut Polizei bewaffnet mit Messern und Dolchen. Während sie das Haus belagerten und Steine gegen die Fenster warfen, verließ der Freund von Sven P. die Wohnung unbemerkt durch einen Hinterausgang. Sven P. rief einen anderen Bekannten herbei, der mit einer Machete bewaffnet war. Dieser riet ihm davon ab, nach unten zu gehen. Ein türkisch-arabischer Schlichter kam hinzu und ermutigte ihn, herunter zu kommen. Die Leute vor dem Haus würden nur reden wollen. Sven P. verzichtete darauf, die Polizei zu rufen, das verbot ihm wohl sein Stolz. Er nahm ein Küchenmesser und ging mit seinem machetenbewehrten Bekannten hinunter.

Härteres Vorgehen gegen illegale Waffen gefordert

Zwei gegen zwanzig? Ein arabischstämmiger Jugendlicher, der seinen Namen nicht nennen will, behauptet: „Das waren zehn Deutsche. Alle schwer bewaffnet.“ Sven P. , zwei Personen aus der Belagerungsgruppe und Jussef el-A. redeten miteinander. Doch das Gespräch artete zu einer Prügelei aus. Sven P. wollte flüchten und stürzte. Als er die vielen Verfolger über sich sah, habe er sein Messer gezogen und um sich gestochen, gaben er und auch andere Zeugen zu Protokoll. Dabei traf er den 18-Jährigen in die Leber. Jussef el-A. starb im Krankenhaus.

Auch Sven P. liegt inzwischen in einer Klinik. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass er bei dem Streit einen Schädelbruch erlitten hat.

Der Fall hat die Politik schockiert. Der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux fordert jetzt ein härteres Vorgehen gegen illegale Waffen. Innensenator Frank Henkel (CDU) ist besorgt um den sozialen Frieden im Kiez: „Normalerweise soll Sport integrieren und Gemeinschaft stiften, umso erschütternder ist es, wenn Gruppen aus nichtigem Anlass mit Baseballschlägern und Messern aufeinander losgehen.“ Und Michael Purper, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, sagte der Berliner Zeitung: „Gewalt wird – und das ist ein schleichender Prozess – gesellschaftliche Normalität in Berlin.“ Die Parteien seien gefordert, sich an die Spitze einer Bewegung zu setzen, um die Spirale der Gewalt gesamtgesellschaftlich zu durchbrechen.