Berlin - Herr Alter, wie geht es Ihnen nach dem Überfall?

Der Übergriff spielt in meinem Kopf zunehmend weniger eine Rolle. Am Anfang hat es mich sehr belastet, dass die Attacke in Gegenwart meiner Tochter stattgefunden hat. Gerade abends kommen diese Gedanken. Dann bin ich manchmal auch noch zornig und wütend. Aber aus Wut und Verärgerung darf kein Hass entstehen. Insgesamt war es letztendlich für meine Familie und mich sehr hilfreich, dass wir nach dem Überfall eine große Welle der Solidarität aus der ganzen Gesellschaft gespürt haben.

In Berlin sind tausende Menschen auf die Straße gegangen und haben gegen Fremdenhass protestiert. Wäre Ihnen persönlich eine geringere öffentliche Anteilnahme nach dem Überfall lieber gewesen?

Im Gegenteil, es waren nur empathische und positive Reaktionen. Das fühlt sich schon gut an und gibt einem Mut.

Glauben Sie, dass Sie den Tätern die Tat auch verzeihen können?

Vorher müssten die Täter Reue zeigen, danach kann man über Vergebung reden. Sollten wir jemals an diesen Punkt kommen, hoffe ich, dass ich ein guter Mensch sein und ihnen verzeihen kann.

Besteht aus Ihrer Sicht überhaupt die Hoffnung, dass die Täter jemals gefasst werden können?

Ich bin gebeten worden, nichts zum Stand der Ermittlungen zu sagen. Aber ich stehe mit den Behörden in Kontakt und bekomme hin und wieder Informationen. Die Beamten ermitteln äußerst engagiert und professionell. Das geht seinen Weg und es ist sehr gut möglich, dass es da noch zu einem Fahndungserfolg kommt. Da wird nichts verschleppt.

Liegt das starke Engagement vielleicht auch daran, dass ihr Fall von der Öffentlichkeit so stark wahrgenommen worden ist?

Das kann ich nicht beurteilen.

In Berlin gab es in den ersten acht Monaten des Jahres 2012 insgesamt 90 antisemitische Straftaten. Wie schätzen Sie das Problem allgemein ein?

Diese Statistiken sind für mich irrelevant. Der normale täglichen Wahnsinn wie Schmierereien auf Spielplätzen oder Beschimpfungen in der S- und U-Bahn wird den Behörden gar nicht mehr zur Kenntnis gebracht. Für jemand, der sich in der Öffentlichkeit als Jude identifiziert, gehört so etwas zum Alltag, nicht täglich, aber es ist präsent.

Haben wir es mit einer neuen Qualität zu tun?

Es ist mehr, offener und aggressiver geworden. Alle jüdischen Institutionen bekommen Jahr für Jahr tonnenweise antisemitische Zuschriften. Früher waren die alle anonym, heute werden die schön brav mit Namen und Adresse verschickt. Antisemitismus ist gesellschaftsfähig geworden.

Wie erklären Sie sich das?

Antisemitismus ist irrational. Dadurch ist es schwer, dieses Phänomen rational erklären zu wollen. Aber letztendlich hat es viel mit Entwurzelung zu tun. Menschen, die entwurzelt sind, neigen zu hoch problematischen Verhaltensweisen. Das betrifft nicht nur den Antisemitismus, sondern alle Bereiche der Gewaltkriminalität. Es wird roher und brutaler.

Kann die Politik der Entwicklung noch genug entgegensetzen?

Die Initiativen der Politiker senden wichtige Signale. Aber das kommt bei den extrem problematischen Gruppen nicht an. Wenn der Senat eine Initiative ins Leben ruft, lachen sich die problematischen Intensivtäter doch tot. Um die zu erreichen, muss man andere Sachen machen.

Was schlagen Sie vor?

Zum einen darf sich der Staat natürlich nicht das Gewaltmonopol aus der Hand nehmen lassen und muss in einem größeren Umfang für Sicherheit sorgen. Der Staat muss sein ganzes Spektrum an Möglichkeiten ausschöpfen.

Sie sprechen von härteren Strafen?

Nicht unbedingt. Ich will das ganze nicht als Ruf nach dem starken Mann verstanden wissen. Aber Strafen müssen intelligenter sein, als vielleicht in der Vergangenheit. Die Strafe muss vom Bestraften auch als Strafe empfunden werden. Daneben brauchen wir aber auch noch viel mehr Prävention.

Welche Maßnahmen schweben Ihnen da vor?

In meinen Augen müssen die Vereine in der Stadt noch viel mehr dafür sorgen, dass Gewalt nicht eskaliert. Und wir müssen die Streetworker-Arbeit ausbauen. Es gibt Anti-Gewaltprojekte wie „Heroes“. Bei denen sprechen junge Menschen andere Leute aus ihrem eigenen Umfeld an. Die wissen, wovon sie sprechen und haben eine hohe Glaubwürdigkeit. Damit erreicht man die problematischen Jugendlichen viel eher als mit einer politischen Initiative.

Das Interview führte Jens Kiffmeier, dapd.