Im September schrieb ich einen Text über ein mutiges Mädchen. Viele werden sich erinnern: Laura, die in Wirklichkeit anders heißt, wurde in der U-Bahn von einem Mann belästigt. Er legte seine Hand an ihren Oberschenkel. Laura sprang auf und schrie: „Fassen Sie mich nicht an, ich bin 13 Jahre alt!“ Fahrgäste kamen herbei, BVG-Sicherheitsleute überwältigten den Mann, die Polizei brachte Laura nach Hause. Im Auto musste sie weinen. Dafür schämte sie sich.

Kurz. An die Stelle der Scham trat ein anderes Gefühl: Stolz. Die Reaktionen auf die Geschichte waren überwältigend. Viele Menschen haben mich auf Laura angesprochen. Eine Leserin berichtete mir, sie habe ihren Töchtern den Text zu lesen gegeben. Hunderte schrieben Kommentare auf Facebook und Twitter. Besonders oft fiel das Wort „richtig“. Laura, darin waren sich alle einig, hat alles richtig gemacht.

Der Satz „Du hast alles richtig gemacht“ hat ein Geschwister bekommen. Laura und ihre Eltern haben Anzeige erstattet. Weil der Täter die daraus resultierende Klage zurückgewiesen hat, kam es zur Verhandlung. Laura musste nur für ihre Aussage in den Saal, und in der Zeit, bis sie dran war, wurde ihr in den Räumen des Opferschutzes behutsam erklärt, was sie gleich erwarte. Mehrfach fiel der Satz: „Du kannst nichts falsch machen.“

„Du musst Dich vor nichts fürchten“

Die Frau vom Opferschutz sagte Laura, es sei nicht schlimm, wenn sie sich an Details nicht erinnern könne. Oder sie sich heute anders erinnere als bei ihrer ersten Aussage. Sie sagte, dass der Richter jederzeit bestimmen könne, dass der Anwalt des Angeklagten sie nichts mehr fragen darf. Sie sagte: „Du musst Dich vor nichts fürchten.“ Und noch einmal: „Du kannst nichts falsch machen.“

Es ist so viel drin in dem Satz: Dir wurde etwas angetan, nicht andersherum. Es ist an ihm, glaubwürdig zu sein. Er muss sich schämen, nicht Du. Er hat etwas zu befürchten, nicht Du. Weil Du alles richtig gemacht hast.

Lauras Geschichte ist zu Ende - viele ähnliche nicht

Wir waren nur wenige Minuten im Saal. Laura musste nicht mehr aussagen, der Angeklagte hatte die Tat gestanden. Der Richter fragte sie, ob sie anhören wolle, was er ihr zu sagen habe. Laura willigte ein. Er sagte, mit gesenktem Kopf: „Es tut mir leid, was ich getan habe. Ich hätte das nicht tun dürfen.“ Dann sah er Laura an und fuhr fort: „Wenn ich nicht betrunken gewesen wäre, hätte ich das nie getan. Und ich habe es auch noch nie getan.“

Er wirkte ehrlich. Zweifel bleiben. Aber wichtig ist doch: Dass er sich Laura und ihren Eltern stellen musste, ist mehr, als vielen anderen widerfährt. Und noch wichtiger: Dass Laura ihren Frieden hat. Das Urteil, es kommt in ein paar Wochen mit der Post, interessiert sie nicht mehr. Und da es in dieser Geschichte um Laura geht, ist sie hier zu Ende. Viele andere nicht, und ich weiß, dass Verhöre und Verhandlungen auch anders ablaufen. Dass Angst berechtigt ist. Nicht aber die Scham. Denn es ist immer der Täter, der etwas falsch gemacht hat.