Unfallermittler untersuchen die Unfallstelle am Bahnhof Zoo.
Foto Tobias SCHWARZ / AFP

BerlinWieder raste ein Auto in eine Menschenmenge. Wieder war es ein SUV. Und wieder gibt es Forderungen, die „Sport Utility Vehicle“ aus der Stadt auszusperren. Von „motorisierter Gewalt“ ist sogar die Rede.

Am Sonntagmorgen hatte der Fahrer eines Mercedes-Geländewagens die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und am Hardenbergplatz vor dem Bahnhof Zoologischer Garten sechs Menschen zum Teil schwer beziehungsweise lebensgefährlich verletzt. Einige der Verletzten waren noch nicht bei Bewusstsein, da erklärte Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, schon unter anderem: „Klimakiller-Stadtpanzer haben nichts in unseren Städten zu suchen.“ Und Monika Herrmann, Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, twitterte: „Wieso dürfen diese überbreiten und überschweren Fahrzeuge noch immer in die Stadt? Wieso müssen die Besitzer keine Sondersteuer zahlen?“

Bislang ist nicht erwiesen, dass ein elektrisch betriebener und 2,5 Tonnen leichter Tesla oder ein VW-Bus in diesem Fall weniger Verletzte gefordert hätten. Denn der Unfallhergang war auch am Montag noch nicht endgültig geklärt, die Untersuchungen des Verkehrsermittlungsdienstes laufen. Der aus dem Kosovo stammende 24-jährige Fahrer war mit dem auf eine Firma in Estland zugelassenen Auto gegen 7.20 Uhr von der Joachimsthaler Straße gekommen. Er wollte wohl nach links in die Hardenbergstraße einbiegen. Dabei kam er von der Fahrbahn ab, verletzte drei Obdachlose, die sich dort niedergelassen hatten, sowie zwei Frauen und einen weiteren Mann.

Die Polizei nahm den  Fahrer, der unverletzt blieb, unmittelbar danach fest. Er kam inzwischen wieder frei, wie ein Polizeisprecher am Montag bestätigte. Zunächst war gegen ihn wegen versuchten Totschlags ermittelt worden, weil die Ermittler vermuteten, dass er die Menschen absichtlich überfahren wollte. Die Ermittlungen wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr laufen aber weiter.

Ein Atemalkoholtest ergab bei dem 24-Jährigen etwa 0,7 Promille. Die Polizei beschlagnahmte den Wagen. Er wird in einer Sicherstellungshalle daraufhin untersucht, ob ein technischer Fehler den Unfall verursacht habe. „Bislang gibt es aber keine Hinweise darauf, dass ein technischer Defekt ursächlich sein könnte“, sagte ein Polizeisprecher.

Die Ermittler gehen auch nicht davon aus, dass der Fahrer Suizid begehen wollte. Laut Augenzeugen soll er geäußert haben, dass er Probleme mit seiner Freundin oder Frau habe, weil sie ihn verlassen wollte. Den Schilderungen zufolge blieb er bis zur Ankunft der Bundespolizei im Auto sitzen und ließ sich dann widerstandslos festnehmen. Er habe „Meine Frau!“ geschrien. Währenddessen lag ein Mann schwer verletzt unter dem Auto – ein Obdachloser, der sich wie zwei weitere ebenfalls wohnungslose Männer dort aufgehalten hatte.

Der Mann schwebte auch am Montag noch in Lebensgefahr. Er und ein weiterer schwer verletzter Obdachloser sind bislang noch nicht identifiziert. Der dritte schwer verletzte Obdachlose sei inzwischen namentlich bekannt und ansprechbar, so der Polizeisprecher.

Ein ähnlicher Unfall hatte sich im September vergangenen Jahres an der Invalidenstraße in Mitte ereignet. Damals raste ein Porsche Macan in eine Fußgängergruppe und tötete vier Menschen, darunter ein dreijähriges Kind. Die Ermittler vermuten einen epileptischen Krampfanfall als Ursache dafür, dass der Fahrer die Kontrolle über den Wagen verlor. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sind immer noch nicht beendet. Auch kurz nach diesem Unfall gab es Forderungen nach einem Verbot von SUV in der Innenstadt.

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Deutschen Versicherungswirtschaft: „SUV sind nicht unbedingt gefährlicher als andere Autos. Entscheidend ist ihre Geschwindigkeit.“ Im vorvergangenen Jahr registrierte die amtliche Statistik knapp 9000 SUV-Unfälle. Rund 40.000 Unfälle gab es dagegen mit Klein-, rund 49.000 mit Kompaktklasse- und 28.000 mit Mittelklassewagen. „Aus den Unfallzahlen ergibt sich überhaupt kein Grund, SUV zu verbieten“, sagt Brockmann. Nach seinen Worten werden SUV oft von älteren Leuten gefahren, die vorsichtiger und gelassener unterwegs sind. Im aktuellen Fall handele es sich jedoch um einen jungen Unfallverursacher. „SUV gehen inzwischen in Zweit- und Drittbesitz über und werden billiger“, so Brockmann. „Und wenn junge Leute, die meist temperamentvoller fahren,  auf schweren SUV unterwegs sind, müssen wir das beobachten.“