„Oh, Ihr Menschen! Ich erschuf euch als Mann und Frau und machte euch zu Völkern und Stämmen, damit ihr einander kennen lernt.“ Das Koran-Zitat aus der 49. Sure klingt freundlich und steht auf einem „Gemeinsamen Brief“ von Berliner Muslimen, die sich in dem öffentlichen Schreiben, datiert vom April, „gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung von jüdischen Mitschüler*innen“ wenden. Anlass ist der Fall an einer Schule im _Stadtteil Friedenau, an der ein Junge jüdischen Glaubens über Monate beschimpft, drangsaliert, verprügelt wurde – von muslimischen Mitschülern. Die Schule reagierte zögerlich, die Eltern des Teenagers nahmen ihn schließlich dort heraus. Seine Geschichte sorgte weltweit für Aufsehen.

In dem Brief machen die Muslime jetzt ein Gesprächs- und Vermittlungsangebot. „Die Diskriminierung von Andersgläubigen lässt sich nach unserer Überzeugung nicht mit dem islamischen Glauben rechtfertigen“, heißt es im Text. Die Unterzeichner wollen mit Rabbinern an die Schule gehen und mit den Jugendlichen diskutieren.

Das Schreiben ist unterzeichnet von mehreren Imamen, darunter so bekannten wie Mohammed Taha Sabri von der Neuköllner Begegnungsstätte (NBS), der dort in der Dar-As-Salam-Moschee predigt – und für sein Engagement für mehr Toleranz vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) den Verdienstorden des Landes verliehen bekam. Oder auch der Imam Ferid Heider, früher ein klarer Hardliner, inzwischen bekannt etwa durch seine Tandem-Fahrradtour mit dem Rabbi Daniel Alter – im Rahmen der Initiative „Meet2Respect“ des germeinnützigen Führungskräfte-Vereins Leadership Berlin.

Treffpunkt von Hamas-Anhängern

Es stehen aber auch Moscheevereine und muslimische Verbände unter dem Brief, die wegen ihrer teils islamistischen Ziele oder Verbindungen durchaus umstritten sind: Das IKEZ zum Beispiel, das Islamische Kultur- und Erziehungszentrum in Neukölln, das der Berliner Verfassungsschutz als Treffpunkt von Hamas-Anhängern bezeichnet – freilich ohne schon die jüngsten Debatten zur angeblichen Entschärfung der antisemitischen Hamas-Charta berücksichtigen zu können. Jedenfalls fiel das IKEZ bisher keineswegs durch besondere Aktivitäten gegen muslimischen Antisemitismus auf.

Initiiert hat das Schreiben die Neuköllner Begegnungsstätte von Imam Sabri, die ebenfalls im Verfassungsschutz erwähnt ist. Sabri wehrt sich allerdings dagegen und hält die Einordnung in den Islamismus – wenn auch nur den legalistischen, also gewaltfreien – für falsch. Verbindungen zur Muslimbruderschaft, wie der Verfassungsschutz sie sieht, bestreitet er.

Vielmehr gebe es Besuche von Rabbinern in der Moschee, sogar von Vertretern der schwul-lesbischen Community, organisiert übrigens über „Meet2Respect“. Doch nicht nur der Nachrichtendienst schaut kritisch auf die Begegnungsstätte und ihr Netzwerk, zu dem etwa auch der Verein Inssan oder die Initiative Berliner Muslime (IBMus) gehören – die von Extremismusexperten als Teil des Muslimbrüder-Netzwerks in der Hauptstadt gesehen wird.

Müller ging dennoch hin

Umstritten war auch eine Initiative der NBS, bei der Senatschef Müller auftrat: Auf dem Breitscheidplatz, dem Ort des islamistischen Attentats vom Dezember, fand im März eine interreligiöse Friedenskundgebung statt, zu dem auch Vertreter des IKEZ, des Teiba Kulturzentrums und anderer vom Verfassungsschutz als islamistisch eingestufter Vereine aufriefen. Der Zentralrat der Juden hatte Müller dringend gebeten, seine Teilnahme abzusagen. Er ging dennoch hin.

Der offene Brief wird von den gleichen Islam-Vereinen unterstützt wie die Kundgebung auf dem Breitscheidplatz. Es sei offenbar eine konzertierte „Charmeoffensive“ im Gang, sagte ein Beobachter der Szene der Berliner Zeitung. Ob daraus Konstruktives wird, ist offen. „Meet2Respect“ erklärte, man sei bereit, einen Dialog an Schulen zu organisieren.