Elke S. will hier nur noch ausziehen. „Ich ärgere mich jeden Tag“, sagt die 54-jährige Frührentnerin. „Das ist keine Lebensqualität mehr.“ Sie ist eine der beiden Frauen aus dem Wohnblock in der Sella-Hasse-Straße in Marzahn, die miteinander streiten. Ihretwegen will die Wohnungsbaugesellschaft Degewo nun ein Mediationsverfahren durchführen. Die Mieterin hatte sich selbst an die Berliner Zeitung gewandt, weil sie den Konflikt mit ihrer Nachbarin öffentlich machen will.

Wer sich mit den Vorwürfen eingehend beschäftigt, versteht zunächst nicht, wie es so weit kommen konnte: Eine Ölspur im Treppenhaus? Hundekot im Briefkasten? In dem Marzahner Mehrfamilienhaus ist offenbar ein Kleinkrieg ausgebrochen. Er beschäftigt inzwischen sogar die Berliner Sicherheitsbehörden. Ausgelöst wurde er durch eine Lappalie. Die Fronten sind nun verhärtet.

Elke S. ist eine große Frau mit Brille und dunklen Locken. Sie empfängt uns in einer sehr aufgeräumten Zweizimmerwohnung in der fünften Etage. Auf ihrem Esstisch liegen zwei Aktenordner gefüllt mit Lärmprotokollen, Strafanzeigen, Schreiben der Hausverwaltung und anderem Beweismaterial. Jedes einzelne Blatt steckt ordentlich in einer Klarsichthülle.

Die 54-Jährige, die nach mehreren schweren Bandscheibenvorfällen erwerbsunfähig ist und eine EU-Rente bezieht, dokumentiert akribisch jedes Ereignis ihres Streits mit der Nachbarin, die ein Stockwerk unter ihr wohnt. Eine äußerst zeitintensive Aufgabe. Elke S. holt einen vollen Karton mit selbst gebastelten Schildern aus Pappe unter einem Regal ihres Wohnzimmer hervor. Auf fast allen steht – handschriftlich geschrieben – der gleiche Text: „Achtung, in diesem Haus ist eine diebische Elster. Sie klaut an fremden Wohnungstüren.“

Gerd Engelsmann
Diese Schilder aus Pappe hingen an der Wohnungstür der Mieterin in Marzahn.

Generalstaatsanwaltschaft ermittelt

Beschimpfungen dieser Art gehören zur Tagesordnung der streitenden Rentnerinnen. Warum sie von ihrer Nachbarin als „diebische Elster“ bezeichnet wird? Elke S. zuckt mit den Schultern. „Sie will mich einfach nur beleidigen und aus dem Haus ekeln.“

Die Attacken häufen sich bis hin zu versuchten Körperverletzungsdelikten. Mehrmals musste die „Lärmpolizei“ ausrücken, ein privater Sicherheitsdienst, der von mehreren Berliner Wohnungsbaugesellschaften, auch der Degewo, in Marzahn engagiert wird. Auch die Berliner Polizei bestätigt auf Anfrage der Berliner Zeitung, dass es bereits zu fünf polizeilichen Einsätzen binnen der letzten zwölf Monate in dem fünfstöckigen Wohnblock kam. Auch die Berliner Generalstaatsanwaltschaft ermittelte wegen übler Nachrede und Körperverletzung in diesen Fällen, allerdings wurde das Verfahren eingestellt, „da ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung nicht angenommen wurde“, teilte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Sebastian Büchner, mit.

Entstanden ist der Streit durch einen Fernseher. Elke S. findet, dass der ihrer Nachbarin zu laut eingestellt sei. „Er läuft Tag und Nacht und hindert mich am Schlafen, weil ich jedes Wort mithören kann“, sagt sie. Nur wenige Tage nach ihrem Einzug am 1. Juni vergangenen Jahres habe sie sich das erste Mal daran gestört. Hätte man mit der Nachbarin vernünftig reden können? „Kann man mit der nicht“, behauptet Elke S.

Sie habe bei der Nachbarin geklingelt und sie auf die Lautstärke hingewiesen, aber diese habe „pampig reagiert“ und gesagt, „dass sie Anfang 80 und schwerhörig ist und das Gerät nicht leiser stellen kann und sie ja ausziehen kann, wenn ihr das nicht passt“. Kurz danach habe das erste Schild an ihrer Wohnungstür gehangen. Dabei blieb es nicht.

Wegen der streitenden Rentnerinnen musste auch die Polizei ausrücken.  Am 22. Januar dieses Jahres, weil die Nachbarin Renate S. Nagelöl auf den Treppenstufen vor der Wohnung von Elke S. ausgeschüttet hat. „Als ich meine Wohnung verließ, bin ich darauf ausgerutscht. Das ist völlig irre. Es hätte ja auch jemand anderen wie den Postboten treffen können“, erklärt sie. Zum Glück habe sie sich nur ein paar Prellungen zugezogen.

Einen weiteren Vorfall gab es am 12. Januar. „Als ich den Briefkasten aufschloss, lag ein Hundehaufen darin. Ich habe mich so geekelt“, sagt Elke S. Sie hat jetzt eine Anwältin eingeschaltet und mehrere Strafanzeigen bei der Polizei Berlin gestellt, die letzte am 17. Mai. Beim Verlassen des Hauses soll ihr die Nachbarin absichtlich auf den Fuß getreten sein. „Schauen Sie sich meinen Zeh an. Er ist ganz blau.“ Elke S. holt ein weiteres Foto aus der Klarsichthülle ihres Aktenordners und einen Brief ihres Hausarztes, der ihre Verletzungen belegt. Das ist die eine Seite des Konflikts.

Die andere Seite schildert Renate S. In ihre Wohnung lassen will sie uns nicht. Wir treffen uns mit der älteren Dame mit den kurzen grauen Haaren vor dem Hauseingang. Sie hält einen Karton im Arm. Darin liegen mehrere Schreiben der Hausverwaltung, weitere Pappschilder und Strafanzeigen wegen Diebstahls, die Renate S. gegen ihre Nachbarin gestellt hat. Seitdem die neue Mieterin hier eingezogen sei, versuche sie nur, Ärger zu machen. „Sie hat sich darüber beschwert, dass mein Fernseher zu laut war, und ich sollte ihn ausmachen“, sagt Renate S. „Ich denke aber gar nicht daran, denn er hat normale Zimmerlautstärke.“

Und: Elke S. sei „kein Unschuldslamm“, sagt Renate S. Sie habe mehrmals die Blumenkränze und Magnete an ihrer Wohnungstür gestohlen. Deshalb, behauptet S., habe sie die Pappschilder an ihre Tür gehängt und sie als „diebische Elster“ bezeichnet. „Außerdem wirft sie ihre Papiertaschentücher auf meinen Balkon, trampelt absichtlich laut über meinem Kopf und klopft permanent. Die Geräusche sind unerträglich“, sagt sie. Ob sie das Öl im Treppenhaus ausgekippt habe? „Natürlich. Es war Öl für die Fingernägel. Da sollte sie drauf ausrutschen“, sagt Renate S.

Anzeichen von Reue gibt es bei ihr nicht. Sie betont: „Wenn mich jemand beißt, beiße ich zurück.“ Hundekot habe sie ihrer Nachbarin allerdings nicht in den Briefkasten gelegt. Der habe nämlich bei ihr im Briefkasten gelegen, behauptet sie und erklärt: „Die kann mir ohnehin gar nichts. Ich bin über 80 und habe hier im Haus Welpenschutz.“

Mediation bei Nachbarschaftskonflikten

Elke S. hat von der Degewo im Dezember eine Abmahnung wegen Störung des Hausfriedens bekommen. In dem Schreiben, das der Berliner Zeitung vorliegt, steht, dass sie sich über mehrere Mieter beschwert haben soll. Elke S. bestätigt, dass die Aussage der Hausverwaltung richtig ist.

Nachbarschaftsstreitereien wie diese gibt es viele in Berlin, und sie machen den Behörden eine Menge Arbeit. Manche haben einen noch tragischeren Verlauf: Erst am 17. Mai war es in Adlershof zu einer Auseinandersetzung gekommen, bei der ein 43-jähriger Mieter durch einen Messerstich lebensgefährlich verletzt wurde. Im November 2020 wurde vor dem Amtsgericht Tiergarten ein Nachbarschaftskonflikt eines Mehrfamilienhauses in Spandau verhandelt. Ein 37-jähriger Nachbar soll Eier auf die Balkone der Bewohner geworfen, ihre Türschlösser verklebt und ihre Wohnungstüren mit Kot beschmiert haben.

Der Berliner Mieterverein bietet seinen Mitgliedern schon seit Längerem bei Nachbarschaftsstreitigkeiten eine Mediation an. In einem Beitrag des hauseigenen Mietermagazins raten die beiden Mediatorinnen H. Fenske und Y. Vita dazu, „nicht zu lange zu warten, um Probleme anzusprechen, und auch nicht gleich im größten Zorn auf den Verursacher des Ärgers zuzugehen“. So könne vermieden werden, dass Emotionen überhandnehmen.

Die Degewo hat ihren beiden Mieterinnen jetzt ein schriftliches Mediationsangebot gemacht. Aus Datenschutzgründen wollte sich das Unternehmen gegenüber der Berliner Zeitung nicht zu Details der Streitigkeiten äußeren. Nur so viel: „Die Degewo strebt ein Mediationsverfahren an und ist gerne bereit, jede Hilfestellung zu leisten, die ihr möglich ist“, erklärt Unternehmenssprecher Stefan Weidelich.

Elke S. glaubt nicht mehr an eine friedliche Lösung, sie würde lieber ausziehen. Doch die Suche gestaltet sich schwierig. 495 Bewerbungen hat Elke S. bereits geschrieben. Bislang habe sie nur Absagen erhalten.

Es ist nicht ihr erster Umzug, weil sie Ärger mit Nachbarn hatte. „In einer Wohnung haben unter mir Kettenraucher gelebt und der Qualm von ihrem Balkon zog bis hinauf in meine Räume“, erinnert sie sich. „Das war auch schlimm.“