Berlin - Eine Akkordeonspielerin, die sich bei ihrem Mann ansteckte, ein Slawist, der gern reiste, und ein Tischler aus dem Harz – sie fielen der Pandemie zum Opfer.

Gudrun Borries (1944–2020)

Egal, was Gudrun Borries tat – voller Leidenschaft musste es sein, und das nicht nur an Feiertagen. Borries, 1944 in Guben nahe der polnischen Grenze geboren und später nach West-Berlin gezogen, schöpfte immer aus dem Vollen. Sie spielte Akkordeon, war Entertainerin mit Leib und Seele. Auf Familienfeiern und bei all den Vereinen und Behinderteneinrichtungen, in denen sie aktiv war. „Meine Mutter mochte Menschen, die ungewöhnlich sind, wie sie selbst, und auffällig“, sagt Stephan Antczack, zum Beispiel die gehbehinderte Koreanerin im „Theater der Verrückten“, das er gegründet hatte.

Sein Vater heißt Achim, er war die große Liebe von Gudrun, drei Kinder hatten sie zusammen. Die Trennung von ihm wurde ihr fast zum Verhängnis. Sie begann zu trinken, aber schaffte es mit Entgiftungen und einer Entwöhnungstherapie zurück ins Leben, und sie fand auch einen neuen Job. Eigentlich hatte sie immer davon geträumt, Kinderkrankenschwester zu werden, aber erst fand sie keine Lehrstelle, dann waren ihre Eltern dagegen. Also lernte sie Verkäuferin und fand eine Stelle im KaDeWe, dem „Kaufhaus des Westens“, Abteilung Räucherware, von wo sie immer mit neuen Geschichten nach Hause kam. Weil sie Wolfgang Menge von der Sendung „Drei nach Neun“ bedient oder „ihrem“ Bürgermeister Klaus Wowereit geräucherten Lachs und Schillerlocken verkauft hatte. Aber so richtig glücklich war sie damit dann doch nicht: immer mit den Händen im Eis, immer an den Fischen, sagt ihr Sohn. „Und der Geruch fuhr natürlich nach der Arbeit mit in der Bahn. Als Kind war mir das manchmal ganz schön peinlich.“

Dafür lernte Gudrun Borries im KaDeWe Heinz kennen, der nebenan Waschmaschinen verkaufte. Heinz kam aus der DDR, wo er wegen Spionage fünf Jahre im Knast gesessen hatte. Weil er nicht mehr rüber durfte, fuhr Borries oft über die Grenze und kümmerte sich um seine Mutter. Heinz starb 1987, nach wenigen Jahren Partnerschaft und zu viel Alkohol. Borries ging wieder in eine Entzugsklinik und erinnerte sich an ihren Glauben. Sie schloss sich der katholischen Abstinenzorganisation, dem „Kreuzbund“, an und traf dort Hans, den Mann, mit dem sie ihr Leben bis zum Ende verbrachte – trocken und nicht weniger lebenshungrig. Die beiden besuchten Konzerte ihres Jugendhelden Peter Kraus, organisierten große Feiern. Sie machte weiter Musik, zu Hause oder im Diakonissenhaus Teltow für den Enkel Lewin, wo alle sie nur als „die Oma“ kannten und liebten.

Wenige können so unverschämt lieben wie diese Frau.

Sohn von Gudrun Borries

Überhaupt war es immer eine Herausforderung, wenn man mit ihr sprechen wollte, sagt Stephan Antczack: „Man musste sich immer in der Wartschlange bei ihr anstellen.“ Zumal zwei Telefontermine am Tag mit ihrer Schwester Christel gesetzt waren – die beiden waren ein Leben lang eng verbunden, sie liebten und stritten sich. Vor allem aber konnte seine Mutter lieben, sagt ihr Sohn: „Sie war eine Großmeisterin darin, ihre Liebe zu zeigen, ein Vorbild für uns alle. Wenige können so unverschämt lieben wie diese Frau.“

Borries lebte in Marienfelde und liebte ihren Garten in der Neuköllner Kolonie „Wilde Rose“, im Sommer gab es bei ihr immer Kirschen, Johannisbeeren, Stachelbeeren. Manchmal besuchte Borries die Kinder und Enkel, aber im letzten Jahr tat sie etwas, was so gar nicht zu ihr passte: Sie blieb viel zu Hause, ging nicht einmal mehr einkaufen. Corona machte ihr Angst. Aber ihr Mann Hans war anfällig für Krankheiten. Er hatte öfter Arzttermine, und Anfang Dezember landete er wegen einer Darmgeschichte im Krankenhaus, wo man ihn routinemäßig testete. Als das positive Ergebnis kam, bekam Borries Panik: Was sollte sie tun, wenn ihr Hans das Virus nicht überleben und sie allein lassen würde? Aber am Ende kam alles anders. Borries hatte sich längst bei ihrem Mann angesteckt. Fünf Tage nach Hans, es war sein Geburtstag, wurde sie mit Atemnot ins Krankenhaus eingeliefert. Noch drei Tage später schickte sie ihrem Sohn per Textnachricht ein Emoji mit einer Zwiebel. „Zwiebeln sind die Wurzeln einer Pflanze, ihr Ursprung“, sagt Antczack. „Aber sie sind auch unter der Erde.“ Da wusste er, dass seine Mutter nicht mehr lange bleiben würde.

Das Personal im Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Schöneberg gab ihr und ihrer Familie eine denkwürdige Verlängerung. Am 14. Dezember 2020 lag Gudrun Borries im Bett, nur noch beatmet durch einen Tubus. Ihr Sohn hielt die linke Hand, eine Tochter die rechte, die zweite Tochter stand am Fußende. Die Schwester vom Spätdienst betrat den Raum: Zeit, um Abschied zu nehmen. Eine halbe Stunde später, um 14.35 Uhr, war sie wieder da, wandte sich der Kranken zu, entfernte Infusionen und Perfusor-Spritzen und schaltete die Beatmung ab. Ihre Kinder standen dabei und sangen „Froh zu sein bedarf es wenig“.  Mit Tränen in den Augen. Aber so hätte sie es sich gewünscht.


Foto: privat
Martin Bevernis in Kühlungsborn an der Ostsee nahe seiner Heimat Stralsund.

Martin Bevernis (1931–2021)

Eigentlich hätte Martin Bevernis einmal bei Günter Jauch sitzen müssen. Denn wenn man mit ihm vor dem Fernseher saß und „Wer wird Millionär“ sah, wusste er eigentlich immer alle Antworten, auch aus den unmöglichsten Bereichen, egal ob Geografie oder Schauspiel – nur beim Sportwissen haperte es etwas, sagt seine Tochter Claudia. Aber für eine TV-Show hätte er nicht die Nerven gehabt, sagt sie: dieses Wissen unter Zeitdruck vor Publikum abzurufen. Viel besser ging das dafür im kleinen Kreis. Bei Familienfeiern war Martin Bevernis eher der Ruhige, Besonnene. Wer mit ihm ins Gespräch kam, ging später bereichert nach Hause. „Er hatte ein ungeheures Allgemeinwissen“, sagt seine Tochter. Denn ihr Vater liebte das Lesen, bis zuletzt hatte er eine ganze Reihe Zeitungen abonniert, er las Fachbücher in Originalsprache, geografische und historische Abhandlungen, eine Zeit lang sog er das Wissen ganzer Lexikon-Reihen in sich auf. Geschichte liebte er, aber vor allem auch die Sprache. Sprachen waren seine Leidenschaft. Der studierte Slawist sprach Polnisch, Französisch, Englisch und unterrichtete Russisch an der Humboldt-Universität zu Berlin. Bis zur Wende – die er fast nicht überlebt hätte: Kurz nach dem Fall der Mauer erlitt er einen Herzinfarkt. Aber er war ein Stehaufmännchen. Er kämpfte sich immer überall wieder raus.“ Das galt auch für seinen Beruf. Nach der Wende wurde Russisch plötzlich nicht mehr gebraucht, gewollt, die Sektion Slawistik schrumpfte auf einen kleinen Kern und Bevernis verlor seine Arbeit als Hochschuldozent.

Aber während manche seiner arbeitslosen Kollegen in Depressionen verfielen, hatte Bevernis längst eine neue Beschäftigung gefunden. Er arbeitete fürs Prüfungsamt, dolmetschte für Reisegruppen, die aus Russland nach Berlin kamen. Und endlich konnte er auch in die Länder reisen, von denen er bisher nur gelesen hatte: Bevernis war fasziniert von fremden Ländern und Kulturen.

Viele Reisen machte er mit seinem Auto – auch so eine Leidenschaft von ihm. Noch mit Mitte 80 fuhr er in seinem Audi bis nach Tirol, die Region hatte es ihm angetan, die Burgen und Schlösser. Und die Berge – ihm, der doch eigentlich von der Küste kam, aus Stralsund. Bis zuletzt war er stolz darauf, jederzeit auf Plattdeutsch umsteigen zu können, und es betrübte ihn, dass ihn in der alten Heimat dann kaum einer mehr verstand, weil die junge Generation ihren Dialekt nicht pflegte.

Bis zuletzt, auch nach einem zweiten Herzinfarkt, bewahrte sich Martin Bevernis seine Lebensfreude, war immer unterwegs, hatte immer neue Ideen, war immer offen für Neues. Ein bisschen Widerstand gegen die moderne Technik sei schon da gewesen, als sie ihm mit über 80 einen Computer und ein Smartphone schenkte, sagt seine Tochter. Aber es dauerte nicht lange, und da war er öfter online als sie selbst, las Nachrichten, recherchierte seine nächsten Reisepläne. Er eröffnete einen Familienchat auf WhatsApp, man schickte sich Nachrichten und Bilder. „Wenn wir unterwegs waren, ist er in Gedanken immer mitgereist“, sagt Claudia. „Als wir einmal in Südtirol auf dem Schloss Juval waren, das der Bergsteiger Reinhold Messner entdeckt hat, hatte ich das Gefühl, gleich materialisiert er sich hier neben uns.“

Und dann dieser eigentlich ganz harmlose Unfall. Martin Bevernis war auf dem Weg ins Bett, er stolperte, knickte um, brach sich den Knöchel. Als seine Frau den Krankenwagen holte, ahnte sie nicht, dass ihr Mann, mit dem sie seit 1957 verheiratet war, nie wieder zurückkommen würde. Schon wenige Tage nach der Operation ging es Martin Bevernis wieder gut, er freute sich schon auf die Reha, er hatte sich mit seinen 89 Jahren schnell von dem Eingriff erholt. Aber für den Stationswechsel musste er einen Routinetest machen – und der war positiv. Statt in die Reha zu kommen, landete er auf der Isolierstation. Abgeschottet lag er dort allein in einem Zimmer, Besuch verboten. Seine Frau, seine Tochter, die Enkelinnen riefen ihn jeden Tag an. Aber Bevernis’ Zustand verschlechterte sich rasant, er wurde auf die Intensivstation verlegt. Seine Angehörigen durften am Empfang Sachen für ihn abgeben, sehen durften sie sich nicht. Auch nicht dann, als klar war, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleiben würde. Martin Bevernis starb am 19. Januar 2021. Damit hatte er auf traurige Weise Teil an einem neuen Rekord: 1734 Menschen starben an diesem Tag in Deutschland mit oder an Corona.


Foto: privat
Eberhard Krumbügel im Jahr 2016.

Eberhard Krumbügel (1934–2021)

Wenn jemand fragte, wo Uropa, Opa oder Papa ist, dann war die Antwort: Der ist im Keller und bastelt irgendetwas. Eberhard Krumbügel wird als jemand in Erinnerung bleiben, der wenig davon hielt, die Hände in den Schoß zu legen. Selbst als er längst in Rente war, hat er, der Tischler, Lehrer und Handballer, noch viel mit seinen Händen hergestellt. Es heißt, viele Vogelhäuser, die in Wernigerode stehen, haben seine Hände hergestellt. Diese waren seine Spezialität, er hat sie gern verschenkt.

Eberhard wurde im November 1934 geboren, als drittes von vier Geschwistern. Er hat den Enkeln von der HJ erzählt, vom Krieg und vom Hunger danach. Seine Familie ist eine von jenen, die durch den Mauerbau getrennt wurden. Die jüngere Schwester und der älteste Bruder zogen nach Bonn und Reutlingen, bauten sich dort eine Familie auf. Eberhardt und sein jüngerer Bruder blieben in Wernigerode und Quedlinburg. Die Westpakete blieben eine Verbindung, der Bruder schickte zum Geburtstag, die Schwester schickte zu Weihnachten. Tchibo und Milka.

Wo ist Opa? „Hier bei der Arbeit.“ Das sagte er oft und es zeigte, dass er wirklich immer etwas zu tun hatte. Von der Hobelbank wechselte er zur Schulbank und unterrichtete in Werken und Sport, beides Fächer, die er mit Leidenschaft selbst betrieb. Er spielte Feldhandball, war einmal Kreismeister im Schwimmen – und entdeckte sowie trainierte irgendwann auch Norbert Hahn, der 1976 und 1980 DDR-Olympiasieger im Rodeln wurde.

Seinen Alltag verbrachte Eberhard Krumbügel mit seiner Frau Bärbel, mit ihren beiden Kindern, den vier Enkeln und vier Urenkeln. Den vierten kennt er nur im schwangeren Bauch seiner Enkelin. Ihr war es wichtig, ihn noch zu besuchen. Da war er schon im Heim in Berlin. Er sah die Enkelin im Hochzeitskleid, im Juni, im Corona-Sommer. So war auch der Opa Gast auf dieser Familienfeier.

In das Heim in Berlin-Hellersdorf hatte ihn die Familie im Februar 2020 geholt, damit er näher bei den Verwandten ist. Immer gab es Beschränkungen, wer wann und wie lange kommen durfte. Seine Familie hielt sich an die Regeln und besuchte ihn häufig. Dann kam im Dezember der erste große Ausbruch in das Heim und niemand durfte mehr hinein. Als er sich mit dem Coronavirus infizierte, kam Eberhard Krumbügel ins Krankenhaus und war da schon wundgelegen. In seiner Tasche war immer ein Kamm, kurz vor seinem Tod strich dieser Kamm liebevoll durch sein Haar. Er starb am 7. Januar. Die Trauerfeier wird nachgeholt, wenn sich mindestens 50 Menschen treffen dürfen.


Gedenken an die Toten der Pandemie

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