An Christine Baumgardt schätzen die Menschen, die in dieser Suppenküche essen, vor allem ihren Gerechtigkeitssinn, ihre Freundlichkeit und natürlich ihren Einsatz. Das zumindest hat ein regelmäßiger Gast nun in einem Dankbrief zum 25-jährigen Bestehen der Suppenküche an Christine Baumgardt geschrieben. Gerechtigkeitssinn? „Ja, wenn es zum Beispiel mal eine Stiege Apfelsinen zusätzlich gibt“, erklärt Christine Baumgardt. Dann achte sie darauf, dass sich nicht die ersten Besucher alles einpacken und für die, die später kommen, nichts mehr übrig bleibt. Christine Baumgardt ist Krankenschwester im Ruhestand und selbst froh, dass sie hier noch etwas Sinnstiftendes tun kann, wie sie sagt.

Von Montag bis Mittwoch und nur von Anfang November bis Ende März ist diese Suppenküche direkt am schönen Lietzensee geöffnet. Kommen darf jeder. Im Saal der örtlichen Kirchengemeinde wird zum Jubiläum auch an diesem Sonntag Essen ausgegeben. Lauchrahmsuppe mit Hackfleisch etwa, dazu Brot, Kaffee und aus gegebenem Anlass Kuchen. Auch Klaus Zippan ist da. Der 59-jährige geht seit vielen Jahren hierhin. „Es gibt nicht nur Suppe, oft auch richtig feste Nahrung, Königsberger Klopse etwa“, sagt Zippan. Und Nachschlag sei auch fast immer drin. Seit 20 Jahren ist Zippan obdachlos, lebt im Sommer draußen und im Winter meist mit vielen anderen Gestrandeten in einem Saal der Charlottenburger Stadtmission. Er stammt aus Adlershof, arbeitete zu DDR-Zeiten in einer Bäckerei und später im Kabelwerk Oberspree.

Dann ging die Ehe in die Brüche, später war die Arbeit weg. Er landete auf der Straße, trank auch. „Aber mit dem Schnaps ist Schluss“, sagt der Mann mit dem weißen Bart. Zu seinen vier Kindern hat er schon lange den Kontakt verloren. Heute ist er mit zwei Kumpels hier, darunter einem Österreicher, der vor vier Monaten in Berlin angekommen ist, nachdem man ihm in Rostock Geld und Pass geklaut hat, wie er sagt. Doch längst nicht nur Obdachlose kommen in die Suppenküche. Auch viele ältere Meschen finden sich hier ein. „Es gibt eine versteckte Altersarmut“, sagt Gemeindepfarrer Sascha Weber. Eine Frau mit längerem grauen Haaren und rotem Mantel sagt, dass sie hier umsonst esse, um das Geld für Miete und andere Kosten zu sparen. Es gibt auch einen Mann, der kommt fast jeden Tag aus dem nördlichsten Zipfel Berlins hierhin, psychische Probleme hat er.

Nach der Wende brauchten viele Menschen Unterstützung

„Der tägliche Besuch hier gibt seinem Tag die dringend benötigte Struktur“, sagt eine Helferin. Eine Gruppe polnischer Bauarbeiter, die früher oft eingekehrt war, sei inzwischen weitergezogen, sagt Hanna Meyer vom evangelischen Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf, der diese Suppenküche betreibt. Hier wie auch an anderen Orten Berlins etwa beim Franziskanerorden in Pankow entstanden die neuen Volksküchen vor 25 Jahren kurz nach dem Zusammenbruch der DDR. „Es gab plötzlich viele Menschen, die ihre Arbeit verloren hatten“, sagt Marianne Sperling, einer der Initiatorinnen der Charlottenburger Suppenküche. Zunächst kochte man den Eintopf nur mit einem Kocher in einem Nebenraum der Sakristei auf. Inzwischen liefert die Kantine des Krankenhauses Waldfriede die Speisen, ein Zusatzgeschäft. Gut 60 Leute werden hier am Tag verköstigt. Neben den Spenden aus der Kirchengemeinde finanziert sich die Suppenküche ganz wesentlich über die Kältehilfe des Bezirks.

Die 16 ehrenamtlichen Helfer sorgen dafür, dass die Suppenküche läuft. Dabei ist zuweilen auch mal ein Streit zu schlichten. Die gelernte Krankenschwester Baumgardt musste auch schon mal jemanden notversorgen, der kollabiert war. Nicht nur sie, sondern auch die anderen Helfer bekamen an diesem Sonntag in einem Gottesdienst jeweils ein Dankesschreiben eines Besuchers überreicht. Und Blümchen.