Hoffen auf eine Spende: Ein Obdachloser unter dem S-Bahn-Eingang Wilmersdorf.
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Berlin3700 Freiwillige sind Mittwochabend ausgeschwärmt, um im ganzen Stadtgebiet Obdachlose zu zählen. Die Aktion, von der Senatsverwaltung „Nacht der Solidarität“ genannt, soll dabei helfen, eine klaffende Wissenslücke zu schließen: Über die Zahl der Obdachlosen in der Stadt gibt es bislang lediglich Schätzungen. Und die schwanken stark: von 6000 über 10.000 bis hin zu 20.000. 

„Es geht darum, besser helfen zu können“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) bei einer Auftaktpressekonferenz am Mittwochabend im neuen Zentrum am Zoo der Stadtmission. Die Freiwilligen hatten nicht nur die Aufgabe, obdachlose Menschen zu zählen, sondern auch, sie zu befragen: nach Alter, Dauer der Obdachlosigkeit, ob sie aus Deutschland, dem EU-Ausland oder Drittstaaten stammen und nach ihrem Familienstand. „Wir brauchen diese Erkenntnisse, um besser und individueller reagieren zu können“, so Müller.

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Mehr Klarheit

Auch Senatorin für Soziales Elke Breitenbach (Die Linke), deren Verwaltung die Aktion organisiert hatte, betonte, die Zählung sei nur ein Baustein in einer Reihe von Maßnahmen, die man gegen Obdachlosigkeit umsetzen wolle. „Wir erhoffen uns mehr Klarheit: Welche Menschen leben wo, welche Sprachen sprechen sie, und welche Unterstützung benötigen sie.“ Breitenbach lobte auch den großen Zuspruch der Aktion: „Die vielen Freiwilligen machen deutlich: es gibt ein solidarisches Berlin. Die Obdachlosen gehören zu unserer Stadt. Sie sind ein Teil von uns, und sie sind uns willkommen.“ Breitenbach kündigte an, die Zählungen, die notwendigerweise nur eine Momentaufnahme der Situation auf der Straße bieten kann, auch wiederholen zu wollen. Die erhobenen Daten sollten Teil einer Wohnungslosen-Notfallstatistik werden.

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Reinhard Naumann, der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, bezeichnete die Befragungen als Ausleuchtung einer „Blackbox“: „Wir fühlen und spüren zum Beispiel, dass die Zahl der obdachlosen Frauen, auch mit Kindern, steigt. Aber genaue Zahlen kennen wir nicht.“ Armutsforscherin und Professorin an der Alice-Salomon-Hochschule Susanne Gerull verwies auf die positiven Erfahrungen, die andere Länder mit solchen Zählungen gemacht hätten. In Finnland beispielsweise seien auf deren Grundlage Strategien gegen Obdachlosigkeit entwickelt worden. „Das wünsche ich mir in Berlin auch“, so Gerull. „Aus Daten müssen Taten werden.“

Nur PR-Spektakel?

Im Vorfeld hatten Wohnungslose und linke Aktivisten die „Nacht der Solidarität“ als PR-Spektakel bezeichnet, das auf Wohnungslose bedrohlich wirke und sinnlos sei, weil es keine validen Zahlen erhebe. Breitenbach betonte am Mittwoch, alle Daten würden anonymisiert erfasst: Es werde später nicht mehr nachzuvollziehen sein, wer wo befragt worden sei. Auch müssten Obdachlose beispielsweise nicht befürchten, dass ihre Schlafplätze erfasst und in der Folge womöglich geräumt würden.

Die Freiwilligen versammelten sich am Mittwoch gegen 19 Uhr in 62 Zählbüros zur Koordination. Gezählt wurde in Dreier- bis Fünferteams zwischen 22 und 1 Uhr. Wichtigste Regel in der kurzen Schulung vorher: Respekt vor denjenigen, die gezählt werden sollten. Das bedeutete konkret: Keine Fotos, kein Betreten von Zelten und Hütten, leise Stimmen, niemand wird aufgeweckt oder mit einer Taschenlampe geblendet. Und wer nicht reden will, muss auch nicht.

Jochen Gollbach, Leiter der Freiwilligenagentur Marzahn-Hellersdorf, hatte eine Erklärung für die große Zahl an Freiwilligen für die „Nacht der Solidarität“: „Ich glaube, viele haben hier die Möglichkeit gesehen, mal ganz konkret helfen zu können.“ Freiwillige Alina Peter, Teil eines Zählteams in Charlottenburg, hält es für sinnvoll, mit den Betroffenen „und nicht mit irgendwem anderen“ über Obdachlosigkeit zu sprechen. „Ich bin gespannt, was sie zu sagen haben“, sagte die 21-Jährige kurz vor Beginn der Zählung. Die in der „Nacht der Solidarität“ erhobenen Zahlen sollen am 7. Februar bekannt gegeben werden.