Auf dem Papier wirkt der Unterschied klein. Doch für die Anwohner des Flughafens Tegel hat er gravierende Auswirkungen. Auf dem wichtigsten Flughafen im Osten Deutschlands gibt es kein Nachtflugverbot, es gelten nur Nachtflugbeschränkungen. Das heißt: Auch wenn Pankower, Reinickendorfer, Spandauer und andere Bürger im Umkreis schlafen wollen, dürfen in Tegel noch Flugzeuge lärmen. Jetzt gibt es neue Zahlen, wie viele Starts und Landungen zu später Stunde in TXL stattfinden. Sie zeigen, dass Anlieger auch nachts Krach ertragen müssen.

Lärm schadet der Gesundheit. Er greift Herz und Kreislauf an, stört den Schlaf, erhöht die Ausschüttung von Stresshormonen. Nächtlicher Lärm setzt Menschen in besonderem Maße zu. Damit tragen die Anwohner des Flughafens Tegel, deren Zahl in die Hunderttausende geht, ein großes gesundheitliches Risiko.

Spürbar lauter als früher

Anfang Dezember hatte der Senat nach einer SPD-Anfrage die Tegeler Nachtflugzahlen für Januar bis September 2018 bekannt gegeben. Nun liegen auch die Daten für Oktober vor. Aus den offiziellen Zahlen ergibt sich, dass es während der ersten zehn Monate dieses Jahres zwischen 22 Uhr und 5.59 Uhr insgesamt 8533 Starts und Landungen in Tegel gab. Davon fanden 1364 Flugbewegungen nach 23 Uhr statt – wenn das Ruhebedürfnis sehr groß ist und die meisten Menschen schlafen wollen.

Über eine längere Zeit betrachtet ist es auf dem innerstädtischen Flughafen nachts spürbar lauter geworden. So registrierte die Flughafengesellschaft FBB im selben Zeitraum des Jahres 2016 insgesamt 8326 nächtliche Starts und Landungen in Tegel, davon 1260 nach 23 Uhr.

Easyjet führt die Liste an

Nur in einem Jahr lag die Belastung bislang höher als in diesem Jahr: 2017. Während der ersten zehn Monate des vergangenen Jahres wurden 9529 nächtliche Starts und Landungen gezählt. Davon fanden 1639 Flugbewegungen nach 23 Uhr statt. Experten erklären das mit dem Air-Berlin-Effekt. Als das insolvente Unternehmen im Herbst 2017 aufgab, war der Betrieb über einige Monate hinweg nicht mehr rund gelaufen.

Verzögerungen häuften sich, immer häufiger verschoben sich Landungen in die Nachtstunden. Mit ihrem Ableger Niki war Air Berlin im vergangenen Jahr für fast drei Viertel aller späten Landungen in Tegel verantwortlich. So erklären sich auch die Spitzenwerte, die für das gesamte Jahr 2017 registriert wurden: insgesamt 10 305 nächtliche Starts und Landungen, davon 1792 ab 23 Uhr.

Im Einklang mit der Rechtslage

„Es trifft zu, dass die Belastung 2018 im Vergleich zu 2017 leicht zurückgegangen ist“, pflichtete ein Beobachter bei. „Nach meiner Überzeugung ist das aber nur eine vorübergehende Erscheinung. Die Erben von Air Berlin haben noch nicht alles wieder aufgeholt“ – sie seien aber auf dem besten Wege dorthin.

Dieses Jahr wird die Liste der Airlines mit den häufigsten nächtlichen Verspätungen in Tegel von Easyjet angeführt. Die britische Fluggesellschaft war während der ersten zehn Monate für 185 Flugbewegungen ab 23 Uhr verantwortlich. Laudamotion folgte mit 139, Eurowings mit 116 Flugbewegungen. Insgesamt 780 gewerbliche Flüge fanden in den Nachtstunden statt, fast immer waren es verspätete Landungen.

Mit der Rechtslage ist das im Einklang. Zwar dürfen Flugzeuge in TXL zwischen 23 und 6 Uhr „grundsätzlich nicht starten und landen“, so der Senat. Doch wenn sich Linienflüge verspäten, darf die Luftaufsicht, nach Mitternacht die oberste Luftfahrtbehörde, Ausnahmen erlauben – was meist auch geschieht.

Die Post kommt nach Mitternacht

Damit nicht genug: Postflüge dürfen ebenfalls nach 23 Uhr stattfinden, sogar ohne Genehmigung im Einzelfall. Während der ersten zehn Monate dieses Jahres wurden in Tegel 410 Starts und Landungen von Postflügen registriert – stets nach Mitternacht. Auch Ambulanzflüge sind nachts in Tegel erlaubt – von Januar bis Oktober gab es 125 Flugbewegungen. Nicht zu vergessen die Militär-, Polizei-, Bundespolizei- und Regierungsflüge. Sie waren für 49 Starts und Landungen verantwortlich.

Bemühungen, Tegel zumindest von den Postflügen zu befreien, verliefen im Sande. „Eine Verlegung nach Schönefeld kann durch den Senat nicht erwirkt werden“, teilte Staatssekretär Stefan Tidow (Grüne) mit. Mehr als appellieren könne man nicht. Erst wenn TXL schließt und der BER öffnet, was nach jetzigem Stand für Oktober 2020 vorgesehen ist, wird es in Tegel nachts leiser.