Wie keine andere Stadt weltweit steht Berlin für eine Grenzen sprengende Vielfalt gesellschaftlichen Lebens zwischen Hochkultur und Street Style, zwischen Retro und Avantgarde, zwischen Ost und West, zwischen Underground und Glamour. Das 2014 erschienene Buch "Nachtleben Berlin" porträtiert diese Vielfalt und ihren Wandel, von Punk über Techno bis zur Gegenwart. Ich bin kein Nachtschwärmer, aber ich habe gern darin gelesen. Die älteren Etablissements hatte ich alle einmal besucht oder auch zwei- oder dreimal. Kaum etwas öfter.

Leopardenfelle im Dschungel

In den legendären Dschungel war ich gelockt worden von einem Freund, der mir von lasziven Frauen vorschwärmte, die dort in Leopardenfellen tanzen würden. Nichts, was mich wirklich verlockt, aber sehen wollte ich das doch einmal. Als wir dann dort waren, war es proppenvoll, bullig warm und laut, laut, laut, laut. Ich weiß, ich rede wie ein Opa. Ich bin ja auch einer. Aber ich sprach schon damals - vor dreißig Jahren – so und verließ eine Stunde später diesen beängstigend engen Ort.

Das Nachtleben war und ist nichts für mich. Ich habe niemals meinen Körper so ausstellen können, dass Frauen darauf geflogen wären. Ich musste mein Mundwerk einsetzen. Noch besser war, die Damen reden zu lassen und selbst nichts zu sagen. Für die Entfaltung dieser Qualitäten – wenn man den Mangel an solchen, denn auch eine Qualität nennen möchte - sind aber radikal andere Balzplätze als die in diesem großartigen Buch beschriebenen nötig.

Man kann Bücher mögen, weil sie einem die Welt zeigen, in der man lebt oder aber, weil sie einem Welten zeigen, in denen man nicht nur nicht lebt, sondern in denen man – schon aus Angst – niemals würde leben wollen. Mit Büchern kann man hinüberlinsen ohne involviert zu werden. Für solche Leser ist das hier ein wunderschönes Buch. Ob die Nachteulen, die alle diese Lokalitäten nicht nur ein paar Mal besucht haben, sondern dort Zuhause waren, auch so begeistert darin blättern und lesen werden, weiß ich nicht.

Dass der Band mit Romy Haag beginnt, erheitert mich. Das ist der Ort, an dem ich fast am häufigsten war. Meine Mutter mochte die Travestieshow und wann immer sie mich in Berlin besuchte, gingen wir hin. Meine Mutter jauchzend vor Vergnügen. Ich verklemmt in ihrem Schlepptau. Eine lebende Karikatur.

Versiffte Orte voller Schweißgeruch

Wer den Geruch von fremdem Schweiß und fremder Schminke, wer Koks- und Fickecken scheut, der hat in vielen dieser Clubs nichts zu suchen. Wer nicht bis zur Besinnungslosigkeit seine Glieder bewegen möchte, ja wer bei dem Gedanken an die Möglichkeit einer Besinnungslosigkeit, aus welchen Gründen auch immer, zurückschreckt, der wird nicht einmal verstehen, was die Menschheit so toll an den hässlichen, versifften Orten findet.

Dieses Buch ermöglicht ihm, ein wenig Verständnis dafür zu entwickeln. Wer nicht begreift, was Selbstdarstellung in einem nur von flackernden Lichtern erleuchteten Raum bedeutet, der beginnt es vielleicht zu ahnen beim Betrachten der Aufnahmen des Bandes.

Der Kollege Jens Balzer schreibt zum Beispiel über das WestGermany: „Ein paar Jahre lang einer der aufregendsten Orte des Berliner Nachtlebens – Ausstellungen, Kunstaktionen und Performances wurden hier ebenso veranstaltet wie Konzerte; die erblühende Weird- Folk- und Neo-Noise-Schule der mittleren nuller Jahre fand hier ihre erste und bleibend bevorzugte Veranstaltungsstätte.“ Ein klassischer Ort also. Vergangen auch er.

Man legt Wert darauf, keine Nostalgie zu zeigen, aber für alle die, die an diesen Orten die Nächte ihrer Jugend verbrachten ist das Buch wahrscheinlich ebenso nostalgisch wie ein Bildband über Wackersdorf für eine andere Generation. Der Band erinnert allerdings nicht nur an die hippsten Orte, sondern auch an jene Stätten, die schon nostalgisch geplant waren, wie zum Beispiel die Paris Bar, von der der langjährige Chef des DAAD und später der Berliner Festspiele Joachim Sartorius ein ebenso verklärendes Bild malt.

Heiner Müller beim Kiffen

Das Buch will nicht das Berliner Nachtleben jener Jahre zeigen. Die Bars, an denen die Geschäftsleute ihren Lüsten nachgingen, fehlen wie auch die Orte, an denen Senatsverwaltung und Baumafia sich trafen. Hinzu kommt: Solange es Ost- und Westberlin gab, solange gab es, glaubt man diesem sehr persönlichen, aber ja gerade darum so lesenswerten Buch, nur wenig Nachtleben in Ostberlin.

Es gibt ein Gespräch mit Bert Papenfuß über die späten siebziger und achtziger Jahre in Ostberlin unter der Überschrift „Remember Prenzlauer Berg“, eine Erinnerung an die erste Ostberliner Undergrounddisco und einen Beitrag vom Chef des Verbrecherverlags, von Jörg Sundermeier aus Gütersloh, der an die Geschichte des Kaffee Burger auf der Torstraße erinnert.

Das ist schon alles. Es gibt auch ein Foto, das zeigt Heiner Müller. Der Text dazu lautet: „Heiner Müller, mal nicht mit Zigarre.“ Die Wahrheit ist: In der Linken hält er einen Joint. In der Rechten eine Zigarre. Das ist doch – sieht man für einen Augenblick ab von seinem Genie - schon der ganze Heiner Müller.

Wolfgang Farkas, Stefanie Seidl, Heiko Zwirner (Hrsg.): Nachtleben Berlin - 1974 bis heute, Metrolit, Berlin 2013, 304 Seiten, 400 4-farbige Fotos, 36 Euro.

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Ach, Berlin

... kein Fotoband über Dich kann uns zu viel sein. Aus diesem Anlass wollen wir an dieser Stelle auch gerne auf ein Buch verweisen, das sich um die ersten Jahre nach dem Fall der Mauer dreht: 1990 bis 1996 ist die Zeit, der sich der wunderbare Bildband „Berlin Wonderland – Wild Years Revisited“ aus dem Gestalten Verlag widmet.

In dieser Zeit war Berlin eine Stadt, in der – wie schon des öfteren in ihrer Geschichte – alles möglich schien: Freiraum, Party, Nachtleben, Techno, Aufbruch und Krawall. Sieben Fotografen, darunter Hendrik Rauch, Ben de Biel und Philipp von Recklinghausen haben diese Zeit mit ihren analogen Fotografien festgehalten.

Das Ergebnis ist ein aufregendes Dokument einer kurzen Zeit in der Stadt, die damals noch nicht recht wusste, was sie werden will, muss und kann: Metropole, Partymekka, Politzentrum, arm, teuer, sexy, schäbig. Mandy Ganske-Zapf