Seidenstrümpfe für jede Frau! Endlich, nach Ewigkeiten des verborgenen Beines begann in den 1920ern die Revolution von unten, die Befreiung von Wade und Knie. Synthetische Fasern, als Rayon in die Massenproduktion überführt, machten Seidenstrümpfe geschmeidig und preiswert. Junge Frauen rollten ihre Strümpfe oft unter das Knie – schockierend! Das sündige Berlin konnte nicht genug davon haben und zeigen.

In den Seidenen Zwanzigern rutschten die Taillen der Kleider auf die Hüfte, die Säume stiegen ihnen entgegen. Kann man sich die Großstadtmode der Zwanziger ohne das glänzende Bein vorstellen? Dazu die Frau: Zum kurzen Rock trug sie kurzes, gern tiefschwarz gefärbtes Haar, besuchte Clubs, rauchte, trank Alkohol und ignorierte die Benimmregeln. Petting, also Sex ohne Geschlechtsverkehr, fand immer mehr Freundinnen.

Amerikanisierung der Vergnügungen

Bis dahin hatten sich die erotischen Verlockungen der Vergnügungsindustrie vor allem an Männer gerichtet. Jetzt betrat die neue Frau das Feld – sie fällt am stärksten auf in den als wild und innovativ erinnerten 20er-Jahren. Und wo sonst als an den Orten des Nachtlebens sollte sie ihren Auftritt haben? Was sonst könnte das Nachtleben stärker aufladen als lebenshungrige Frauen? Viele Männer waren nicht oder als Krüppel aus dem Ersten Weltkrieg gekommen. Frauen gingen arbeiten, verdienten eigenes Geld, suchten ihr eigenes Leben. Auch nachts.

Zu dieser Berlinerin passte so ziemlich alles, was der Trend der Zeit brachte: die Amerikanisierung der Vergnügungen. Sie hörte Jazz, tanzte immer verrücktere Tänze.

Aber das war’s schon, was die Zwanziger dem Berliner Nachtleben Neues brachten. Das allermeiste war vorher schon dagewesen. Den Ersten Weltkrieg hatte der Berliner Nachtrummel bald abgehakt. Es hatte keinen tiefen Bruch gegeben, eher eine Delle, ausgedehnt durch die Zeit der Inflation. Die endete 1924 mit der Einführung der Rentenmark, kurze, umso heftigere Konjunktur brach aus, die sich 1926 bis 1929 in den eigentlich Goldenen Jahren austobte. Nach dem New Yorker Börsenkrach kam das entfesselte Treiben zum Ende. Die Armut der Weltwirtschaftskrise dämpfte die Ausgehlust. Als in Berlin die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, geriet auch die Unterhaltung unter strenge Kontrolle, die man selbst unter der preußischen Sittenpolizei nicht gekannt hatte. Im Rückblick erscheint die kurze Blüte als Tanz auf dem Vulkan.

Stadt der gereizten Nerven

Der Aufstieg Berlins zur Vergnügungsmetropole begann mit der Großstadtwerdung und ist davon zu keinem Zeitpunkt zu trennen. 1871 hatte Berlin rund 800.000 Einwohner, 1910 waren es zwei Millionen. Die Neuen kamen aus der Provinz. Der Berliner ist Schlesier, sagte man seinerzeit. Für sie war die klare Trennung von Arbeit und Freizeit gewöhnungsbedürftig. Sie waren der engen sozialen Kontrolle der Dorfgemeinschaft entkommen, verfügten über Geldeinkommen, so gering es auch gewesen sein mag, und sie sahen sich von den überwältigenden Angeboten der Massenvergnügungsindustrie umstellt. Soziologen beschrieben früh die Entstehung eines neuen Menschentyps, des Großstadtmenschen. Sie sehen ihn von der „Steigerung des Nervenlebens, die aus dem ständigen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke ergibt“ vergewaltigt. So formulierte es der Berliner Philosoph Georg Simmel.

In dem soeben erschienenen Buch „Weltstadtvergnügen – Berlin 1880–1930“ haben Berliner Soziologen diese Arbeit fortgesetzt. Ihr Fazit: Ohne Vergnügungskultur keine „innere Urbanisierung“. Sie sehen die urbane Praxis des Ausgehens keineswegs als reine Rezeption von Dargebotenem, sondern als aktives Selber produzieren einer neuen Kultur. Und die wandelte sich ständig.

Zunächst zogen die Leute massenhaft in die Gartenlokale am damaligen Stadtrand. In Rixdorf ist Musike, trällerten Arbeiterin wie Bürgersgattin die Woche über und freuten sich auf den Sonntag. Kaum hatte Siemens die elektrische Glühbirne auf den Markt gebracht, erleuchtete die ab den 1880ern die Ballsäle. Endlich wurde die Nacht zum Tage; der Schwof zog unters feste Dach und wurde wintersicher.

Ganz heiß: Schieben und Wackeln

Revuetheater und Varietés aller Niveaus holten das Leben auf die Bühne. Berlin war ihre Story, beispielhaft in der Revue des Metropoltheaters von 1903: „Neuestes! Allerneuestes!“ hieß sie und machte sich über die unzähligen Berliner Baustellen lustig. Ein Riesenerfolg. In solche Stücke über Berlin für Berliner gingen die Leute, um Attraktionen aus aller Welt zu sehen, die neueste Mode, die neuesten Tänze – was umgehend von der Bühne herunter im Alltag und im Tanzsaal kopiert wurde. Das Theater zeigte, wie man auszusehen und wie man sich zu verhalten hatte, um ein Großstadtmensch zu sein. Beim Ausgehen wuchs die neue Städter-Identität. Zu welcher Klasse man gehörte, spielte zwar eine Rolle, aber keine entscheidende. Die Vergnügen standen allen offen, wenn auch die Eintrittspreise auf ihre Weise das Publikum sortierten. Im Gedränge übten die Neu-Städter den Umgang mit dem Fremden, gewöhnten sich an die Nähe.

Und erst die Tänze! Von den alten höfisch-formalen wollte man längst nichts mehr wissen, sprang zunächst bei Polka, Mazurka und Walzer im Kreis. Zur Jahrhundertwende begann es ganz neu und ganz geradeaus. Der Ragtime aus Amerika übernahm das Parkett. Das Wichtigste am neuen Stil: Schieben und Wackeln. Leichte Schritte, skurrile Körperbewegungen, immer eng aneinandergeschmiegt. Der nächste Höhepunkt kam mit dem Tango, auch er ein echter Schiebetanz.

Der Berliner heute

In den 1920ern schloss der Jazz an die Ragtime-Ära an. Charleston und Shimmy lösten die Paarformation auf, nun konnte jeder für sich die Knie verdrehen und die Arme schütteln. Das Vorbild lieferte Josephine Baker, die schwarze, nackte Schönheit aus den USA. Die Zeitschrift Simplicissimus veröffentlichte über den Charleston folgendes Gedicht: „Wir tanzen / in Fransen /die Welt unserer Väter: Was dann kommt, / und dran kommt / das findet sich später!“

In den Revuetheatern drehte sich da der Massengeschmack schon ins Gegenteil des Wilden: Man liebte plötzlich Land- und Bergidylle, mochte sentimentale Operetten. „Im weißen Rössl“ wurde in Berlin uraufgeführt, man trällerte „Im Salzkammergut, da kammer gut lustig sein…“ Vorbei der Metropolenhype, Berlin wollte es beschaulich sehen, mit Balkonpflanze, Veilchen und Kastanien. Man suchte, mal wieder, nach Identität.

Und heute? Was Neues? Nein, es bleibt beim ständigen Mühen um die innere Urbanisierung. Der heutige Berliner kommt aus Schwaben, Anhalt, der Pfalz, dem Münsterland und der Prignitz. Wenn ihm die gläserne Welt Googles und der Neubauten zu transparent wird, flüchtet er in Bunker-Clubs. Kommt ihm der Alltag zu schön vor, sieht er düstere Theaterstücke an. Wird ihm das Büroleben zu schlaff, geht er abends ins Fitnessstudio aus. Fragt sich: Welche Identität sucht er derzeit?