Berlin - Sie gehören zu Berlin wie das Brandenburger Tor und die Currywurst. Die Doppeldeckerbusse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sind ein Wahrzeichen dieser Stadt. Touristen schätzen die Aussicht vom Oberdeck, Pendler die vielen Sitzplätze. Drinnen gibt es viel Raum, um Abstand halten zu können – wichtig in Corona-Zeiten. Doch die Großen Gelben sind immer seltener auf den Straßen zu sehen. Die Doppelstock-Flotte, die einst 416 Fahrzeuge umfasste, ist erneut geschrumpft. „Derzeit sind 238 Doppeldecker zugelassen“, sagte Jannes Schwentu, Sprecher des Landesunternehmens. „Davon sind aktuell 170 einsatzfähig“ – rund 30 weniger als vor einem Jahr. Beobachter erwarten, dass der Bestand weiter zusammenschmilzt. Nach bis zu 16 Jahren Dauerbetrieb sind die Fahrzeuge am Ende, kein Wunder bei 100.000 Kilometern pro Jahr. Ersatz ist bestellt. Doch wann genau die Serienlieferung beginnt, steht noch nicht fest.

Ob auf der Linie M29, M48 oder auf anderen Strecken: Wo früher fast nur Doppeldecker unterwegs waren, muss die BVG-Kundschaft jetzt oft mit kleineren Bussen vorliebnehmen. Manchmal wird es voll – zu voll für Pandemiezeiten. Während sich Fahrgäste drängen, kursieren im Internet Fotos von Berliner Doppelstöckern, die nach Polen verkauft worden sind und dort ungenutzt herumstehen. Passt das zusammen?

Rund 60 Liter Diesel auf hundert Kilometer

So beliebt die Doppeldecker bei vielen Fahrgästen sind: Wirtschaftlich gesehen sind sie ein Albtraum. Angesichts eines Verbrauchs von rund 60 Litern Diesel auf hundert Kilometer ist der Betrieb kostspielig. Der Aufwand für die Instandhaltung ist viel größer als bei den neuen Fahrzeugen, die bei der BVG eintreffen. Sie stoßen mehr Schadstoffe aus und Menschen, die eingeschränkt mobil sind, können die Treppen nicht erklimmen.

Hinzu kommt, dass die heutigen Doppeldecker vom Typ MAN Lion’s DD A39 fast von Anfang an Sorgen bereitet haben. Schon bald musste Rost entfernt, mussten Komponenten saniert werden. Rund die Hälfte der anfangs aus 416 Dreiachsern bestehenden Flotte kam in den Genuss einer Aufarbeitung – trotzdem gibt es auch bei diesen Fahrzeugen Störungen und Ausfälle. Die nicht aufgearbeiteten Busse sind jetzt „am Ende ihrer Tage“, sagte ein Bus-Experte. „Der Instandhaltungsaufwand übersteigt den Restwert. Wie jeder Privatmensch mit eigenem Auto steckt die BVG nicht mehr fünfstellige Summen in verbrauchsintensive Busse.“ Konsequenz: Ausmusterung.

Der Doppeldecker, eine Berliner Ikone, ist in die Jahre gekommen. Dabei prägen doppelstöckige Vehikel schon lange das Straßenbild. Schon bald schaffte die Omnibus-Compagnie, die 1846 auf fünf Linien den Pferdebusbetrieb aufgenommen hatte, Wagen mit Oberdeck an. Aus Gründen der „Schicklichkeit“ durften die Treppen solcher Fahrzeuge erst ab 1896 auch von Frauen erklommen werden. Busse mit geschlossenem Oberdeck sind seit 1925 in Berlin unterwegs. Während in Berlin, Hauptstadt der DDR, der Linienverkehr mit Doppeldeckern 1974 endete, waren in West-Berlin über viele Jahre hinweg rund tausend Große Gelbe im Einsatz. Nach der Wende dachte die BVG ernsthaft darüber nach, auf Doppeldecker zu verzichten. Doch dann rang sie sich dazu durch, die heutige Fahrzeuggeneration zu bestellen – mit einer Option für bis zu 600 Busse. 

„Es ist bekannt, dass wir regelmäßig Fahrzeuge ausflotten und verkaufen“, sagte BVG-Sprecher Schwentu. „Gründe dafür können sein, dass deren Weiterbetrieb für uns nicht mehr wirtschaftlich ist oder dass sie den gestiegenen Ansprüchen zum Beispiel an die Barrierefreiheit oder an Umweltstandards nicht mehr entsprechen.“

Mit detektivischem Spürsinn erkunden Bus-Fans, von denen es in Berlin einige gibt, was aus den verkauften Fahrzeugen wird. So ist Doppeldecker 3512 heute in Worms als Rundfahrtbus unterwegs. Das Busunternehmen Meyering in Lingen, das der BVG immer wieder Fahrzeuge für den Schülerverkehr abnimmt, hat mit den Wagen 3504 und 3566 ebenfalls zwei alte Berliner in Diensten. Die in Polen fotografierten Busse waren im vergangenen Sommer von einem Händler in Lichtenberg gekauft worden. Für viele BVG-Doppeldecker heißt es allerdings: nächste Station Schrottplatz. Bei der Firma Theo Steil in Eberswalde werden viele Fahrzeuge verschrottet.

Bereits vor Jahren war klar, dass die jetzige Flotte ersetzt werden muss. Doch obwohl die Fahrzeuge immer störanfälliger wurden, zögerte die BVG damit, Ersatz zu bestellen. Erst 2018 wurde der Kauf neuer Fahrzeuge besiegelt – mit dem schottischen Hersteller Alexander Dennis Limited, kurz ADL. Die Prototypen namens Alexander und Dennis rollen seit dem vergangenen Herbst durch Berlin. „Sie laufen sehr gut“, lobte die BVG. Als die Dreiachser vorgestellt wurden, hieß es, dass die ersten 25 der 198 Serienfahrzeuge in diesem Jahr geliefert werden. Wann genau sie kommen, „können wir erst sagen, sobald die Serienbestellung ausgelöst wurde“, sagte Schwentu. In den Bussen haben 112 Fahrgäste Platz, mehr als ein Dutzend weniger als in den heutigen Doppeldeckern.

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Die Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus Berlin pflegt das Doppeldecker-Erbe. Die Bus-Enthusiasten haben viele historische BVG-Fahrzeuge in ihrer Obhut – unter anderem diesen Büssing DE74 von 1974.

„Entscheidend ist, ob die BVG für die Nachfrage die richtigen Busse hat“, sagte Jens Wieseke, Sprecher des Fahrgastverbands Igeb. Dass kleinere Fahrzeuge Doppeldecker ersetzen, sei häufig ein Problem. Er kritisierte, dass es in Berlin von 2030 an nur noch elektrische Linienbusse geben soll – was auch für die Diesel-Doppeldecker von ADL das Aus bedeuten würde. Ausfälle während des Frostwetters in diesem Februar hätten gezeigt, dass E-Busse noch nicht alltagstauglich seien. Wieseke: „Mir ist es lieber, wenn 100 Fahrgäste zuverlässig mit einem Dieselbus befördert werden als in 80 Pkw.“