Berlin - Viele Clubgänger haben Berlin-Mitte bereits aufgegeben – und das wohl zu Recht. Attribute wie alternativ, rau oder gar spannend treffen dort heute nur noch auf wenige Läden zu, stattdessen herrscht vielerorts sanierte Einöde. Clubs wie Scala, WMF in der Ziegelstraße, Zapata oder Eimer sind Geschichte, der Hunger auf noch mehr Ho(s)tels mit noch mehr Touristen hat die meisten interessanten Orte im Zentrum längst aufgefressen.

Und doch blitzen gelegentlich Hoffnungsschimmer auf, so wie jetzt das Naherholung Sternchen. Der DDR-Flachbau, in dem ein Stuttgarter und ein Schweizer seit Herbst an einem neuen Club basteln, liegt äußerst zentral und zugleich versteckt, hinter Kino International und Rathaus Mitte, umringt von wenig charmanten Plattenbauten. „Hier läuft niemand zufällig vorbei“, sagt Betreiber Philipp mit Schweizer Akzent, er selbst habe in seinen zehn Jahren Berlin diese Gegend unweit der Karl-Marx-Allee nie betreten.

Erst als er sich auf die Suche nach einem geeigneten Projektraum befand, gab ihm eine Freundin den entscheidenden Tipp. „Allerdings hat es dann erstmal ein Jahr gedauert, um den Besitzer der Immobilie ausfindig zu machen.“ Seit der Schlüsselübergabe hat Philipp zusammen mit Partner Stephen so einiges über das Gebäude mit den breiten Fensterfronten herausgefunden.

Ostige Leuchten und rosa Gardinen

Entstanden 1961 als „Flachbau für gesellschaftliche Einrichtungen im sozialistischen Wohnkomplex“ beherbergte es das Restaurant Sternchen, zeitweise eine Schulkantine und diente ursprünglich als Treffpunkt der Nationalen Front, jenem Parteienzusammenschluss, der in der DDR Scheinwahlen organisierte, tatsächlich aber die Vormachtstellung der SED absichern sollte. „Wir haben unterm Dach einzelne Leuchtbuchstaben gefunden, kannten die Reihenfolge aber nicht. Dann haben wir einen Anagram-Automaten im Internet damit gefüttert. Plötzlich stand da ,Nationale Front‘“.

Informationen bekamen die Clubmacher auch aus der Nachbarschaft. „Als die Leute merkten, dass hier etwas passiert, kamen viele rüber und schwelgten in Erinnerungen. Einer erzählte, wie er hier am Tresen gesessen und sein letztes Bier getrunken hat, bevor er zur NVA musste. Und in seinen besten Zeiten wurden im Sternchen offenbar ganze Busladungen von Berlin-Touristen aus allen möglichen ostdeutschen Städten angekarrt.“

Seine Vergangenheit ist dem Sternchen noch anzusehen, von der Decke schummern ostige Leuchten, die rosa Gardinen im langgestreckten Galerieraum stammen noch aus der Vorwendezeit, und im weitläufigen Foyer prangt ein Mosaik aus den 60ern: Statt sozialistischem Realismus zeigt es eine ulkige Tierszenerie.

Profit ist nicht das Ziel

Auf dem Dancefloor erinnern weiße Kacheln an die frühere Restaurant-Küche, Putz bröckelt herunter, Kabel hängen frei, eine massive Hobelbank dient als DJ-Pult, dahinter füllt ein Graffiti eine ganze Wand. „Wir sind noch lange nicht fertig mit der Gestaltung“ sagt Philipp, „allerdings bin ich auch kein Fan von fertigen Clubs, wo alles toll reingestellt ist, und dann sollen die Leute kommen und feiern – das funktioniert oft nicht.“

Auch auf der Suche nach einem Programmkonzept ist noch viel in Bewegung. „Wir haben uns entschlossen, diese Location zu öffnen, weil wir mit dem Angebot der meisten Clubs unzufrieden sind“, erklärt Stephen. „Überall gibt es Techno, aber wenig darüber hinaus, wenig Alternatives.“ So sollen im Sternchen DJ-Nächte aber auch Konzerte, Lesungen sowie Film- und Theaterabende stattfinden, während der Berlinale ist die Directors Lounge zu Gast, ein fester Treffpunkt für Filmemacher und Fans. „Ein Ziel ist auf jeden Fall, dies als Spielort für die experimentelle Avantgarde zu etablieren, eine Anlaufstelle für die Improvisationsszene“, sagt Philipp. Man sei nicht auf Profit angewiesen. Klar, die Miete müsse bezahlt werden, doch wichtiger sei es, eine wertvolle Kultureinrichtung zu schaffen. „Der große Reibach ist sekundär.“

Die ersten Veranstaltungen gingen bereits über die Bühne, Jazz-Konzerte, Techno-Performerin Pilocka Krach stellte ihr neues Album vor, das Electro-Swing-Trio Dirty Honkers begeisterte ein volles Haus – und auch Pop-Art-Künstler Jim Avignon hinterließ einen bleibenden Eindruck, in Form von großflächigen Wandzeichnungen, die nun die Bar einrahmen.

Letztendlich könnte aber auch das Sternchen nur ein Vergnügen auf Zeit sein, der erste Zwischenmietvertrag läuft Mitte 2013 aus. Und als hätte man es geahnt, sagt Philipp: „Der Besitzer will das Haus abreißen und ein Hotel drauf stellen.“ Doch wer weiß, vielleicht entsteht bis dahin ja ein Ort, der auch beim Vermieter und der Stadt ein Gespür für Kultur weckt. Das Potenzial zumindest ist vorhanden.