Spandau: Nahezu flächendeckende Videoüberwachung in Wohngebiet mit 10.000 Menschen

Nach Bränden im Quartier Heerstraße Nord in Spandau: Die landeseigene Gewobag plant umfangreiche Maßnahmen an den Hauseingängen.

Wohnhäuser im Gebiet Heerstraße Nord in Spandau.
Wohnhäuser im Gebiet Heerstraße Nord in Spandau.Berliner Zeitung/Markus Wächter

In Berlin dürfte das einmalig sein. Im Wohngebiet Heerstraße Nord in Spandau, wo es in den vergangenen anderthalb Jahren zu mehr als 100 Brandstiftungen gekommen ist, wird von der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag eine nahezu flächendeckende Videoüberwachung eingeführt. Das kündigte Gewobag-Chefin Snezana Michaelis in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung an.

„Wir sind zwar nicht der einzige, aber der größte Einzeleigentümer vor Ort“, sagte sie. „Wir haben 5454 Wohnungen in der Heerstraße Nord“, so Michaelis. „2055 Wohnungen gehören zum Altbestand, den wir seit Jahrzehnten bewirtschaften, 3399 Wohnungen haben wir im Dezember 2019 von der ADO erworben.“ Rund 10.000 Menschen leben damit in dem Quartier. Das Gebiet habe eine Größe von 46 Hektar. Das entspreche ungefähr der Größe von 64 Fußballfeldern.

„Wir sind dabei, eine Videoüberwachung in dem Wohngebiet einzuführen“, sagte Michaelis. „Im April dieses Jahres haben wir in enger Abstimmung mit der Polizei zunächst 26 Kameras im Blasewitzer Ring installiert, weil das ein Schwerpunkt der Brandstiftungen war.“ Bis Jahresende werde die Gewobag einen Großteil der Durchgänge mit Kameras ausrüsten. „Das heißt, wir werden in dem Quartier eine nahezu flächendeckende Videoüberwachung der Eingänge haben“, so Michaelis.

Kosten für Videoüberwachung belaufen sich auf rund eine Million Euro

Die Kosten belaufen sich auf fast eine Million Euro. Die Installation der Videoüberwachung dauere, weil die Gewobag als öffentlicher Auftraggeber die Leistungen ausschreiben müsse. „Unser Plan ist, dass wir bis Weihnachten mit allem durch sind“, sagte Michaelis. Pro Aufgang müssten mehrere Kameras installiert werden, um die Eingänge und die Zugänge zum Keller zu überwachen. „Wir wissen, dass eine Videoüberwachung keinen Brand verhindert. Die Technik kann aber helfen, den oder die Täter zu fassen – und auf diese Weise dazu beitragen, künftige Taten zu verhindern“, so Michaelis.

Seit April 2021 hat die Polizei im Gebiet Heerstraße Nord insgesamt zehn jugendliche und erwachsene Personen als Tatverdächtige ermittelt, die „einzeln oder in unterschiedlichen Konstellationen verdächtig sind, Brände gelegt zu haben“, wie die Polizei am Dienstag auf Anfrage erklärte. Das zuständige Brandkommissariat habe 107 Branddelikte registriert – angefangen von „Sachbeschädigung durch Inbrandsetzen an unterschiedlichsten Objekten über Kfz-Brandstiftungen bis zu schweren Brandstiftungen in Gebäuden“.

Die Einführung der Videoüberwachung im Gebiet Heerstraße Nord ist nach Angaben der Gewobag-Chefin rechtlich abgesichert. „Die Rechtsprechung sagt, wenn es ein öffentliches Interesse gibt, wozu die Aufklärung von Straftaten gehört, dann ist dies möglich“, so Michaelis. „Wir müssen die Bewohner aber darüber informieren.“ Deswegen werde es entsprechende Hinweisschilder geben, auf denen über die Videoüberwachung informiert wird. Die Bilder sollen 72 Stunden gespeichert und dann gelöscht werden. Der Sicherheitsdienst, der auf Drängen von Mieterseite wieder eingeführt worden war, soll auch nach Einrichtung der Videoüberwachung zunächst weiter Streife im Quartier laufen. Das koste weitere 400.000 Euro im Jahr, sagt Michaelis. „Wenn die Polizei den oder die Täter ermittelt, werden wir klären, ob es dabei bleibt.“

Wohnungen werden als Ersatzunterkünfte hergerichtet

Bei der Einführung der Videoüberwachung bleibt es nicht. „Um für den Fall vorbereitet zu sein, dass es doch weitere Brandstiftungen gibt, statten wir zehn bis 15 leer stehende Wohnungen in dem Quartier als Ersatzunterkünfte aus“, kündigt Michaelis an. Die Wohnungen sollen mit Kochmöglichkeiten, Betten, Stühlen und Tischen ausgestattet werden. Dort könnten Mieter unterkommen, die nach einem Brand zunächst nicht in ihre Wohnungen zurückkehren können. Denn nach einem Brand sind die Wohnungen in der Regel ohne Strom, Wasser, Abwasser, Heizung und Telefon.

„Bis zum Jahresende sollen die Ersatzwohnungen zur Verfügung stehen“, so Michaelis. „Außerdem mieten wir im Hotel Ibis am Bahnhof Spandau dauerhaft ein Kontingent von 20 Zimmern an, die nach einem Brand als Ausweichquartier zur Verfügung stehen.“ Damit sei die Gewobag unabhängig von der Buchungssituation in dem Hotel – und die Mieter könnten im Notfall schnell untergebracht werden. Hintergrund: In der Vergangenheit hatten sich Mieter beschwert, dass sie nicht schnell genug im Hotel untergebracht wurden. Die Gewobag hatte dies mit der Buchungssituation begründet.

Probleme gibt es auch immer wieder mit notwendigen Reparaturen. „Die Schäden, die bei einem Brand entstehen, sind gewaltig“, sagte die Gewobag-Chefin. „Wir versuchen immer, die Schäden so schnell wie möglich zu beseitigen.“ Bei Ersatzteilen aus dem Ausland, zum Beispiel für Aufzüge, könne es „aufgrund von Lieferengpässen aber manchmal auch etwas länger dauern“, räumte sie ein. Wie berichtet, hatten Mieter beklagt, dass ihr Aufzug nach einem Brand wochenlang nicht zu benutzen war. Zugleich übten Bewohner immer wieder Kritik an der schlechten Erreichbarkeit der Gewobag.

Vor-Ort-Büro soll noch im November eröffnen

Darauf will das landeseigene Unternehmen ebenfalls reagieren. Damit die Mieter aus dem Gebiet Heerstraße Nord die Gewobag besser erreichen können, soll spätestens zum 24. November ein Vor-Ort-Büro im Blasewitzer Ring eröffnet werden. „Dort wird es einmal pro Woche eine allgemeine Sprechstunde geben“, kündigte Michaelis an. „Ansonsten vergeben wir Termine nach Vereinbarung mit den Mietern – so wie im Büro in der Breiten Straße in der Spandauer Altstadt.“ Ab sofort gebe es zudem eine extra Telefonnummer und E-Mail-Adresse, wo sich die betroffenen Mieter nach einem Brand direkt melden können. Damit müssen sie nicht über das Servicecenter gehen, was oftmals mit längeren Wartezeiten verbunden ist. Außerdem gibt es eine Hauswart-Rufbereitschaft am Wochenende rund um die Uhr.

Mithilfe der Videoüberwachung will die Gewobag versuchen, noch andere Probleme anzugehen. Und zwar den Vandalismus und die illegale Entsorgung von Sperrmüll. „Wenn wir jemanden erkennen, der seinen Müll illegal entsorgt, werden wir ihm die Kosten für die Abfallbeseitigung in Rechnung stellen“, so die Gewobag-Chefin. „Dann müssen nicht alle Mieter dafür zahlen.“ Im Gebiet Heerstraße Nord sei die illegale Müllentsorgung „ein großes Problem“. Die Gewobag habe im Jahr 2021 insgesamt 13.800 Kubikmeter Sperrmüll aus dem Quartier abgeholt. „Das kostet jeden Mieterhaushalt 5,60 Euro im Monat, also über 60 Euro im Jahr“, so Michaelis.

Die Gewobag habe einen Dienstleister vor Ort, der sich an fünf Tagen pro Woche darum kümmere. „Wenn einer unserer neun Hauswarte, die es in dem Gebiet gibt, abgestellten Sperrmüll meldet, hat der Dienstleister drei Werktage Zeit, um den Sperrmüll wegzuräumen“, so Michaelis. „Dann bringt er den Sperrmüll in dafür vorgesehene Räume. Und dreimal pro Woche holt die Berliner Stadtreinigung (BSR) diesen Sperrmüll ab“, so die Chefin des Wohnungsunternehmens. „Was mich betroffen macht: Der abgestellte Sperrmüll, darunter alte Bettgestelle und Verpackungsmaterial, kann bei einem Feuer in Brand geraten und die Gefahr für die Bewohner noch vergrößern“, sagt Michaelis.

Hohes Aufkommen an Sperrmüll

„Wir können bisher leider nicht erkennen, dass das Sperrmüllaufkommen sinkt – im Gegenteil, in diesem Jahr wurden bereits bis Ende des dritten Quartals über 10.600 Kubikmeter Sperrmüll und rund 1700 Elektrogeräte entsorgt.“ Selbst in Häusern, in denen es bereits gebrannt hat, werde weiterhin Sperrmüll in Kellerfluren, Treppenhäusern und auf Notbalkonen abgestellt.

Die Gewobag will ihre Mieter bei einer Informationsveranstaltung am Mittwochabend um 18 Uhr in der EventKantine Berlin, Staakener Straße 53, über ihre Maßnahmen im Gebiet Heerstraße Nord informieren. Auch die Polizei und ein Brandschadensanierer sollen zu Wort kommen.

Das Zustandekommen der Veranstaltung sorgt jedoch für Streit. Grund: Der Mieterbeirat wollte eigentlich eine gemeinsame Veranstaltung mit der Gewobag Anfang Dezember durchführen. Der Alternative Mieter- und Verbraucherschutzbund (AMV) sieht deswegen im Verhalten der Gewobag, nun eine eigene Veranstaltung anzusetzen, einen „unglaublichen Affront“, wie AMV-Chef Marcel Eupen sagt. Die Gewobag wiegelt ab. „Dass der Mieterbeirat ebenfalls eine Veranstaltung plant, wussten wir, aber wir kannten das Datum nicht“, sagt Unternehmenschefin Michaelis. „Das haben wir erfahren, als die Einladungen für unsere Veranstaltung bereits gedruckt waren.“ Der Mieterbeirat sei „selbstverständlich zu unserer Veranstaltung herzlich eingeladen“, sagt sie. „Wenn der Mieterbeirat zu seiner Veranstaltung einlädt, wird die Gewobag auch kommen.“

Mieterberater: Weitere Maßnahmen sind notwendig

Der AMV reagiert unterdessen zufrieden auf die Ankündigungen der Gewobag zum weiteren Vorgehen im Gebiet Heerstraße Nord, aber nicht ohne Kritik. „In der Vergangenheit war das Krisenmanagement der Gewobag mehr als unzureichend“, sagt AMV-Chef Marcel Eupen. Der AMV begrüße es ausdrücklich, dass die Gewobag nunmehr die Videoüberwachung ausbauen wolle, den Sicherheitsdienst zunächst beibehalten möchte, ein Vorortbüro eröffne, dauerhaft Hotelzimmer bereithalte  und Bestandswohnungen für die Unterbringung von Mietern anbieten wolle, die nach einem Brand nicht mehr in ihre Wohnung könnten. „Derartige Maßnahmen hätte sich der AMV weit früher gewünscht“, so Eupen.

Der AMV halte die Maßnahmen allerdings immer noch für nicht ausreichend. Notwendig sei unter anderem die Benennung eines „Brandmanagers“, der als Ersthelfer bei Bränden vor Ort sei und die Mieterinnen und Mieter informiere. Darüber hinaus sollte Mietern in Brandnächten ein Fahrservice für den Transport zum Hotel angeboten werden, hilfsweise könnten ihnen auch Taxigutscheine oder eine Kostenübernahmebescheinigung ausgehändigt werden. Neben Essensgutscheinen mangels Kochmöglichkeit im Hotel sollte den Mietern unbürokratisch eine Mietminderung gewährt werden, ohne dass diese zuvor beantragt werden müsse.