Ledersitze, WLAN, Kaffee am Platz: Darauf können sich Fahrgäste in Berlin freuen

Zum Fahrplanwechsel am 3. Advent gehen auf 17 Linien in Berlin und Brandenburg neue oder modernisierte Züge an den Start. Die Kapazität steigt, auch für Fahrräder.

Bald unterwegs in Berlin und Brandenburg: Ein Zug vom Typ Siemens Desiro HC. Die ODEG hat 29 Garnituren gekauft. Sie fahren unter anderem nach Potsdam, Brandenburg und Frankfurt (Oder).
Bald unterwegs in Berlin und Brandenburg: Ein Zug vom Typ Siemens Desiro HC. Die ODEG hat 29 Garnituren gekauft. Sie fahren unter anderem nach Potsdam, Brandenburg und Frankfurt (Oder).dpa/Soeren Stache

Die Experten waren sich einig, berichtet Thomas Dill vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB): „Sowohl das Schienennetz als auch das Zugangebot muss massiv ausgebaut werden. Es muss geklotzt werden. Das hat die Region bitter nötig.“ Jetzt stehen Bahnfahrgästen in dieser Region die größten Verbesserungen seit Langem unmittelbar bevor. Auf 17 Linien des Regionalverkehrs gehen neue oder modernisierte Züge an den Start, Fahrpläne und Kapazität werden massiv aufgestockt. Doch zum Fahrplanwechsel am 11. Dezember wird noch nicht alles so sein wie angekündigt.

Normalerweise geben sich Menschen aus der Branche kühl und sachlich. Wenn man aber mit ihnen über das Netz Elbe-Spree spricht, ist zu spüren, dass die Spannung steigt. „Berlin und Brandenburg stehen vor dem größten Betriebsstart im Regionalverkehr – nicht nur seit der Gründung des VBB 1996, sondern in ganz Deutschland“, so Dill. Der Leiter des Centers für Nahverkehrs- und Qualitätsmanagement ist einer der Planer.

Auf der wichtigsten Linie können 70 Prozent mehr Fahrgäste befördert werden

Es geht um zwei Drittel des Regionalverkehrs – um stark genutzte Strecken wie die nach Potsdam, Brandenburg, Frankfurt (Oder), Cottbus und Nauen, Wittenberge und Elsterwerda, zum BER. Die Zahl der Kilometer, die alle Regionalzüge pro Jahr insgesamt im künftigen Netz Elbe-Spree zurücklegen, steigt von 23 Millionen auf 28 Millionen. Multipliziert man die Kilometer mit den Sitzplätzen, nimmt das Angebot sogar um rund die Hälfte zu. Auf 80 Prozent der Linien wächst die Kapazität, auf 40 Prozent sieht der Fahrplan mehr Züge vor als jetzt. Weiterhin sind bei allen Fahrten Zugbegleiter an Bord.

Ein Blick ins Erste-Klasse-Abteil eines Siemens Desiro HC. Dort nehmen die Reisenden auf Ledersitzen Platz.
Ein Blick ins Erste-Klasse-Abteil eines Siemens Desiro HC. Dort nehmen die Reisenden auf Ledersitzen Platz.ODEG

„Die heiße Phase hat begonnen, die letzten Vorbereitungen sind im Gang. Wir wollen sicherstellen, dass der Übergang gut funktioniert“, sagt Thomas Dill. Allein bei der Ostdeutschen Eisenbahn (ODEG), die sich mit der Deutschen Bahn (DB) den Verkehr teilt, wird die Zahl der Beschäftigten um 30 Prozent aufgestockt. „Jeweils mehr als hundert Lokführer und Servicekräfte kommen hinzu“, berichtet Geschäftsführer Lars Gehrke. Täglich starten in Moabit Einweisungsfahrten für das Fahrpersonal, die neue Leitstelle ist in Betrieb. Es gibt aber noch Lücken, die Personalvermittler füllen.

Auf der Regionalexpresslinie RE1, die Magdeburg mit Brandenburg, Potsdam, Berlin und Frankfurt (Oder) verbindet, sind heute noch DB-Loks mit jeweils fünf roten Doppelstockwagen unterwegs. Jede Zuggarnitur bietet rund 600 Sitzplätze. Zum Fahrplanwechsel im Dezember wird die ODEG den Betrieb auf der stark genutzten Strecke übernehmen. Der Fahrplan, der heute zwischen Brandenburg und Frankfurt einen Halbstundentakt vorsieht, wird verdichtet. Dill: „Künftig wird bis zu dreimal pro Stunde gefahren. In der Hauptverkehrszeit steigt die Kapazität um 70 Prozent.“

Pro Zug 800 Sitzplätze und 64 Stellplätze für Fahrräder

Fabrikneue Züge vom Typ Siemens Desiro High Capacity, kurz HC, lösen die jetzigen Fahrzeuge ab. Den Großteil des Verkehrs übernehmen Vierteiler in Doppeltraktion, berichtet Lars Gehrke. In den Doppelpacks summiert sich die Zahl der Sitzplätze auf 800: 760 in der zweiten, 40 in der ersten Klasse. Im Vergleich zu heute bedeutet das also eine deutliche Ausweitung, so der ODEG-Chef. Auch für Radfahrer werde mehr Platz geschaffen. Die heutigen Garnituren können 48 Räder befördern, die doppelten Vierteiler insgesamt 64. Von der vierteiligen Desiro HC hat die ODEG 14 Triebzüge angeschafft.

Zu der Neubauflotte gehören auch 15 sechsteilige Desiros, die 637 Sitzplätze und 48 Fahrradstellplätze aufweisen, wie der Verbund mitteilt. Allerdings fällt die erste Klasse mit 50 Plätzen, jeweils zur Hälfte auf zwei Bereiche aufgeteilt, dort ziemlich voluminös aus. „Die zwei Abteile der ersten Klasse begründen sich damit, dass die Züge in ferner Zukunft geteilt dann zu Zwei-Mal-Vier-Wagen-Verbände umgebaut werden sollen“, sagte ein Bahnexperte. Für die Fahrgäste in der zweiten Klasse werde der Gewinn an zusätzlichen Sitzplätzen im Vergleich zu den heutigen DB-Garnituren, die rund 600 Plätze haben, also nicht groß sein. „Ich befürchte, dass wird noch viel Streit in den Zügen geben wird“, sagte er. „Die Zustände, wie sie derzeit herrschen werden nicht besser.“

Die Zulassung der 29 neuen Züge ist noch für diesen Oktober geplant. „Der VBB geht davon aus, dass das klappt. Aber klar, die ODEG und Siemens stehen mächtig unter Druck“, sagt Thomas Dill. Den Fahrgästen wäre es zu wünschen, dass die letzten Hürden rechtzeitig genommen werden, denn ihnen bringen die Desiros einige Verbesserungen.

Künstliche Intelligenz erkennt brenzlige Situationen – und meldet sie

Einige Beispiele: WLAN, Videokameras, Echtzeit-Auslastungsanzeigen außen und innen, spezielle Zugfensterscheiben für einen besseren Netzempfang. Ein smartes Sicherheitssystem, bei dem Künstliche Intelligenz Aggressionen und Gefahren an Bord erkennen soll, ist ebenfalls geplant. Doch dazu gibt es noch Gespräche mit dem Datenschutzbeauftragten von Mecklenburg-Vorpommern, heißt es. Neu sind auch die Catering-Teams, die Fahrgäste mit Kaffee, anderen Getränken und Snacks versorgen. „Sie sollen mit Trolleys oder Bauchläden im RE1 und RE8 unterwegs sein“, so Gehrke. Die neue, zweigeteilte Linie RE8 wird Wismar mit dem BER und Berlin mit Elsterwerda/Finsterwalde verbinden. Dort rollen die KISS-Doppelstockzüge, die man bei der ODEG schon kennt – in modernisierter Form mit 400 Sitz- und 36 Radstellplätzen.

Die Deutsche Bahn wird zwischen Nauen, Berlin und Cottbus wiederum den Betrieb von der ODEG übernehmen. Auch auf der neuen Linie RE2 nimmt im Vergleich zu heute die Kapazität spürbar zu. Heute fahren Doppelstockzüge mit 420 Sitz- und 36 Fahrradstellplätzen in den Spreewald – künftig können pro Zuggarnitur 550 Menschen im Sitzen reisen, und 60 Fahrräder haben dann Platz. „Geplant ist, dass die DB in Wittenberge rund 150 Doppelstockwagen umbaut“, berichtet Thomas Dill.

Platz für Fahrräder, Rollstühle, Kinderwagen: So sehen die Mehrzweckabteile in den modernisierten Doppelstockwagen der DB aus. Solche Fahrzeuge werden auf den RE2, RB10, Rb14 und anderen Linien fahren.
Platz für Fahrräder, Rollstühle, Kinderwagen: So sehen die Mehrzweckabteile in den modernisierten Doppelstockwagen der DB aus. Solche Fahrzeuge werden auf den RE2, RB10, Rb14 und anderen Linien fahren.Deutsche Bahn/Pablo Castagnola

Zum Umbauprogramm gehört unter anderem, dass die Wagen komfortablere Sitze, WLAN, zusätzliche Steckdosen, ein neues WC-Design und größere Infomonitore erhalten. Die Auslastungsanzeige, die im ersten Quartal 2023 scharf geschaltet werden soll, werde auch darüber Auskunft geben, ob und wo Platz für Fahrräder ist. „Um die Radbeförderung zu erleichtern, wird jede Zuggarnitur an beiden Enden ausgebaute Klappsitze haben. Mindestens zwölf Stellplätze werden so garantiert“, sagt Dill.

Die DB lässt in ihren Doppelstockwagen auch die Toiletten erneuern. Hier eine Kabine mit neuem WC-Design.
Die DB lässt in ihren Doppelstockwagen auch die Toiletten erneuern. Hier eine Kabine mit neuem WC-Design.Deutsche Bahn/Pablo Castagnola

„Allerdings gehört es auch zur Wahrheit, dass zum 11. Dezember noch nicht alles so sein wird wie geplant“, so der VBB-Planer. So werden rund die Hälfte der Doppelstockwagen, die zwischen Nauen und Cottbus eingesetzt werden, die neuen Qualitäten noch nicht aufweisen. „Das DB-Werk Wittenberge arbeitet mit Hochdruck. Aber Corona und andere Faktoren haben dazu beigetragen, dass einem Teil der Flotte der Umbau noch bevorsteht. Wir rechnen damit, dass alle Fahrzeuge im Sommer 2023 umgebaut sind.“

Neue Dieselzüge können erst im nächsten Jahr in den Betrieb gehen

Der ODEG stehen ebenfalls noch nicht alle vorgesehenen Züge zur Verfügung, Ersatzkonzepte sind nötig. Das betrifft die acht Dieseltriebwagen des Typs Alstom Lint54. Sie sollen auf den Regionalbahnlinien RB33, 37 und 51 Beelitz, Premnitz sowie andere Orte anbinden. Einer ihrer Vorteile wird sein, dass sie mit rund 140 Sitzplätzen 40 Prozent größer sind als die Fahrzeuge, die heute auf diesen Strecken rollen.

„Fünf Fahrzeuge sind fertig, aber der Zulassungsprozess wird bis kurz vor Weihnachten dauern“, teilte Lars Gehrke mit. Er rechnet damit, dass sie ab Februar 2023 Fahrgäste befördern werden. Die anderen drei Triebwagen sollen im Frühjahr kommen. Aber es gebe ohnehin noch Hindernisse: Die Bahnsteige in Caputh-Geltow, Caputh-Schwielowsee und Ferch-Lienewitz müssen erhöht werden, weil zum Einstieg sonst eine 35 Zentimeter hohe Stufe klaffen würde – maximal 31 Zentimeter wären erlaubt. Die Bauarbeiten seien für März bis Mai geplant, so der ODEG-Chef.

Die nächsten Wochen werden spannend, sagt auch er. Doch der erste Betriebstag wird ein Sonntag sein, an dem normalerweise weniger Fahrgäste als sonst unterwegs sind. Das wird am dritten Advent nicht anders sein. „Entscheidend wird sein, wie wir danach die erste Woche schaffen“, so Gehrke. Erst wenn sie hinter ihm liegt, werde er sich entspannen können.