Schlechte Schweißnähte, tropfendes Öl, Rost: Woran Berlins Busse kranken

Nach Corona nimmt die Zahl der Fahrgäste in Berlin wieder zu. Doch die BVG-Busflotte ist geschrumpft, und Qualitätsprobleme ärgern das Werkstattpersonal.

BVG-Bus in Berlin: Fahrgäste steigen ein und aus.
BVG-Bus in Berlin: Fahrgäste steigen ein und aus.Imago/Jürgen Ritter

Berlin wächst und nach einem coronabedingten Rückgang wächst auch die Zahl der Fahrgäste wieder. Dazu passt es allerdings nicht, dass die Zahl der Linienbusse bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) deutlich gesunken ist. Zwar hat das Landesunternehmen neue Fahrzeuge geordert. Doch 90 bestellte Elektrobusse konnten bisher nicht geliefert werden, quer durch die Flotte ärgert sich das Werkstattpersonal mit Qualitätsproblemen herum. Rost, Ölverluste oder schlechte Schweißnähte bereiten den Technikern viel zusätzliche Arbeit. Wie groß sind die Probleme bei der BVG?

Die Sonne schien, vor dem blauen Himmel hob sich die sonnengelbe Lackierung des Elektrobusses vom Typ Ebusco 2.2 vorteilhaft ab. Unter dem Motto „Welkom in Berlijn“ bereitete die BVG dem Neuankömmling aus den Niederlanden am 25. August des vergangenen Jahres einen großen Bahnhof. Zur Feier des Tages erschien sogar Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) auf dem Betriebshof Indira-Gandhi-Straße in Weißensee und fuhr eine Runde mit. Für die Reichweite, die mit 290 Kilometer beziffert wurde, gab es Lob. Stolz gab die BVG bekannt, dass die batterieelektrische Flotte der BVG bis Ende Dezember um 90 Fahrzeuge dieses Typs wachsen wird.

Damals noch hochgelobt: Wagen 1930, ein E-Bus Ebusco 2.2, steht auf dem Betriebshof Indira-Gandhi-Straße am 25. August 2022 bereit. Bislang wurde der BVG kein Bus dieses Typs geliefert.
Damals noch hochgelobt: Wagen 1930, ein E-Bus Ebusco 2.2, steht auf dem Betriebshof Indira-Gandhi-Straße am 25. August 2022 bereit. Bislang wurde der BVG kein Bus dieses Typs geliefert.dpa/Michael Kappeler

Mit hessischem Nummernschild am Ostbahnhof unterwegs

Doch seitdem hörte man nichts mehr von den versprochenen Neuzugängen. Das hat seinen Grund: „Bislang ist kein einziger der Busse von der BVG abgenommen worden“, sagte ein Insider der Berliner Zeitung. Zwar wurden einige Ebusco-Wagen in Berlin schon gesichtet, aber für die BVG war keiner von ihnen unterwegs. Stattdessen habe man den Bus 1930, den die BVG im August vorgestellt hatte, Anfang Dezember angeblich mit Groß-Gerauer Nummernschild („GG“) am Ostbahnhof angetroffen.

„Bei den 90 neuen E-Bussen gab es leider eine Lieferverzögerung, sodass diese erst ab diesem Monat in den Betrieb gehen werden“, erklärte BVG-Sprecher Nils Kremmin. „Grund sind vor allem Probleme in der Lieferkette. Zum Beispiel die überall bekannten Chip-Engpässe, ein Brand im Werk eines Komponentenzulieferers, diverse Lockdowns in Zulieferländern und nicht zuletzt auch der Krieg Russlands gegen die Ukraine. Am Ende fehlten dadurch wichtige Teile, um die Fahrzeuge fertigzustellen und durch die BVG abnehmen zu können. Wir sind die ganze Zeit in engem Austausch mit Ebusco sowie dem Zulieferbetrieb und unterstützen, wo wir können.“

„Fehlender Unterbodenschutz, falsche und schlechte Schweißnähte, Rost“

„Globale Lieferkettenunterbrechungen und Corona haben sich wie in der gesamten Automobilindustrie auf die Produktionsplanung ausgewirkt“, bekräftigte Ebusco-Sprecher Rob Stevens. „Alle 90 BVG-Busse sind inzwischen fertiggestellt, und mit dem ersten Bus hat die Fahrerschulung stattgefunden. Die Verfügbarkeit einiger kundenspezifischer IT-Systeme sowie die verzögerte Lieferung und Installation der Heiz- und Klimasysteme verzögerten jedoch die Inbetriebnahme.“ BVG und Ebusco hätten ein Team gebildet, das „hart“ daran arbeite, die letzten Hürden zu nehmen. „In den kommenden Monaten werden die Busse Schritt für Schritt ausgeliefert“, so Stevens.

Nach Informationen der Berliner Zeitung haben sich BVG-Techniker den neuen Elektrobus, den der niederländische Lieferant in China herstellen ließ, intensiv angeschaut. Ihr Urteil über den Ebusco 2.2 fiel wenig schmeichelhaft aus. „Fehlender Unterbodenschutz, falsche und schlechte Schweißnähte, Rost und abgebrochene Gewindebohrer sind schon eine erschreckende Bilanz“, lautete ihr Fazit. Beobachter befürchten, dass die Qualitätsprobleme zu Schäden und Ausfällen führen könnten.

Dabei kann sich die BVG solche Probleme eigentlich gar nicht leisten. Denn die Zahl der Fahrgäste nimmt spürbar zu. Wurden die Verkehrsmittel der BVG 2021 für 715 Millionen Fahrten genutzt, so waren es im vergangenen Jahr bereits wieder 952,2 Millionen. Obwohl der Netzausbau nur langsam vorangeht und die Reisegeschwindigkeit gesunken ist, gilt der öffentliche Verkehr als unverzichtbares Element der Mobilitätswende. Politiker und Planer setzen sich auch im Busbereich für zusätzliche Angebote ein.

Nur noch etwas mehr als 100 Doppeldeckerbusse

Ein Blick auf die offiziellen Zahlen zeigt aber, dass die Linienbusflotte der BVG um rund sieben Prozent kleiner geworden ist. Daten aus dem Unternehmen belegen, dass Ende Oktober 2021 noch 1607 Busse zum Bestand gehörten – und zwar 176 Doppeldecker, 899 Gelenk- und 394 andere Eindeckerbusse, die mit Diesel betrieben werden. 138 Elektrobusse kamen dazu. Ein Jahr später war die Gesamtzahl auf 1491 geschrumpft. Ende Oktober 2022 gehörten der BVG 106 Doppeldecker, 912 Gelenk- und 334 andere Eindeckerbusse, die Diesel tankten. Die Zahl der E-Busse war kaum gewachsen: 139.

„Stand heute zählt die BVG-Flotte 1488 Busse, die für den Linienbetrieb zugelassen sind“, teilte BVG-Sprecher Kremmin Anfang dieser Woche auf Anfrage mit. „Darunter 138 elektrisch betriebene und 113 Doppeldecker.“ Dabei handelt es sich um 44 ältere Fahrzeuge von MAN und 69 neue Busse des britischen Herstellers Alexander Dennis ADL.

„Jeder dachte, es handele sich um kleine Startschwierigkeiten“

Aber auch die Diesel-Doppeldecker von der Insel, deren Produzent Expertise für diese Fahrzeugart zugeschrieben wird, sind für die Werkstattleute ein Thema – obwohl die Lieferung erst vor einem Jahr begonnen hat. „Die Auslieferung der ADL stockt weiter“, berichtete der Bus-Insider. „Zum Jahreswechsel wollte man 120 ADL im Bestand haben,“ stattdessen waren es nur etwas mehr als die Hälfte. Von den bereits gelieferten „großen Gelben“ sei regelmäßig „etwa ein Drittel bis die Hälfte der Flotte wegen kleinerer Macken nicht im Einsatz“, sagte er. Die Vorserienwagen 3550 und 3551 seien lange nicht mehr im Fahrgastbetrieb gesehen worden. Ersatzteilmangel verschärfe die Situation.

„Wir können sagen, dass die neuen Fahrzeuge leider nicht mängel- und störungsfrei bei uns ankommen“, stellten BVG-Techniker fest. „Jeder dachte, es handele sich um kleine Startschwierigkeiten, aber leider ziehen sich die Mängel wie ein roter Faden durch die Flotte.“ Ob die Doppeldecker erfolgreich auf die Straße kommen, sei „völlig offen“.

Technikthemen gibt es auch bei anderen Dieselbussen, wird außerdem berichtet. Mercedes-Benz-Fahrzeuge verlieren Öl aus Ölwannen, Steuergehäusen und Kraftstoffpumpen, hieß es. In der Regel verhindere das aber nicht den Einsatz.

BVG-Sprecher Nils Kremmin sieht dagegen eine positive Entwicklung. „Weitere rund 50 ADL-Doppeldecker sind bereits in Berlin und gehen nach letzten Ausrüstungsarbeiten nach und nach ebenfalls in den Liniendienst“, sagte er. „Bis April erwarten wir auch die restlichen ADL-Fahrzeuge in Berlin.“ Wenn die Ebusco-Fahrzeuge kommen, wachse zudem die Batterieflotte um 90 Busse. „Eine Ausschreibung für weitere E-Busse ist schon in Vorbereitung“, kündigte Kremmin an.