Berlin - So haben es die Politiker versprochen: Neue Züge sollen den S-Bahn-Betrieb stabiler und zuverlässig machen. Doch jetzt wurde bekannt, dass die Fahrgäste erheblich länger als angekündigt auf moderne S-Bahnen warten müssen. Denn die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung geht davon aus, dass der größte Teil der neuen Wagenflotte erst 2019 und 2020 geliefert werden kann. Bislang war öffentlich von 2017 die Rede. Selbst der neue Plan ließe sich nur einhalten, wenn der Senat bald endlich die nötigen Entscheidungen zur S-Bahn-Zukunft trifft, die schon seit zwei Jahren ausstehen. Zu viel Zeit ist ungenutzt vergangen, neue S-Bahnen lassen sich nicht über Nacht entwickeln und bauen.

Nach Informationen der Berliner Zeitung geht die Verwaltung davon aus, dass für 2017 nur einige wenige Probezüge zu erwarten sind – gerade mal zwei Dutzend neue Wagen. Sie sollen ab Dezember 2017 auf der Linie S 47 nach Spindlersfeld rollen. Mit dem Gros der neuen S-Bahnen wird erst lange danach gerechnet.

Im Februar 2019 soll die S 46 nach Königs Wusterhausen damit bestückt werden, im Juni 2019 auch die S 8 nach Zeuthen. Auf dem stark frequentierten Ring wird die Flotte noch später modernisiert. Erst ab Januar 2020 könnten neue S-Bahnen dort im Zehn-Minuten-Takt fahren, ab August 2020 wären genug da, um einen Fünf-Minuten-Takt zu gewährleisten, heißt es im Konzept.

So viel steht fest: Der neue offizielle Zeitplan unterscheidet sich von den bisherigen Ankündigungen, wonach die Fahrgäste schon 2017 mit einer ersten großen Frischzellenkur für die S-Bahn-Flotte rechnen können. „Es ist nicht realistisch anzunehmen, dass alle Wagen 2017 geliefert werden können“, sagte Daniela Augenstein, die Sprecherin des Stadtentwicklungssenators Michael Müller (SPD), am Donnerstag. Kenner der Szene hatten das schon seit Längerem bezweifelt. „Die S-Bahn der Zukunft muss entworfen, gebaut und zugelassen werden. Das dauert“, warnte Rouzbeh Taheri vom S-Bahn-Tisch noch im Januar.

Senator fordert Ende der Debatte

Andere Beobachter warnen bereits vor den drohenden Konsequenzen der Verzögerung. Die fast 390 neuen Wagen werden benötigt, um die älteren S-Bahnen abzulösen – die Züge der Baureihen 480 und 485. Sie waren zuletzt 2010 und 2011 zur Hauptuntersuchung. Der „Zug-TÜV“ gilt maximal acht Jahre, danach sollten die Züge ausgemustert werden. „Wenn die Züge nun länger in Betrieb blieben, würden neue teure Hauptuntersuchungen fällig“, so ein Experte. „Zudem müssten alle Wagen dann noch das neue Sicherungssystem bekommen, das nach und nach auf allen Strecken eingeführt wird. Auch diese Nachrüstung würde den Senat viel Geld kosten.“

Manch ein Experte bezweifelt sogar, ob die Alt-Züge überhaupt noch fit gemacht werden können. „Viele sind am Ende ihrer Lebensdauer angelangt“, hieß es. Eine Verschrottung wäre unausweichlich – mit der Folge, dass es für die S-Bahn lange Zeit nicht mehr genug Wagen gäbe.

Die Probleme sind eine Folge des seit Jahren andauernden Streits um die Zukunft der S-Bahn, der auch die Entscheidung über neue Wagen blockiert. Seit 2010 liegen in der Senatsverwaltung Pläne in der Schublade, den Betrieb auf dem Ring und im Südosten Berlins auszuschreiben. Doch viele Sozialdemokraten lehnen einen solchen Wettbewerb ab. Sie fordern, dass ein kommunales Unternehmen S-Bahnen betreibt. Diese Diskussion hat jetzt in der SPD-Fraktion erneut begonnen.

„Ich bitte darum, dass wir diese Debatte schnell führen, damit wir keine Zeit mehr verlieren“, sagte Senator Müller am Donnerstag im Verein Berliner Kaufleute und Industrieller. „Wir brauchen dringend neue Züge für die S-Bahn. Da können wir den Fahrgästen nicht sagen: Ihr müsst noch zwei Jahre länger im Winter auf den Bahnsteigen frieren, wir müssen erst noch diskutieren.“