Für immer mehr Menschen beginnt der Tag mit einer langen Fahrt. Aktuelle Zahlen der Agentur für Arbeit zeigen nun, wie stark der Pendlerverkehr gewachsen ist. Die Zahl der Menschen, die in Berlin arbeiten und anderswo wohnen, stieg von 2014 bis 2017 um 15,9 Prozent. Auch die Zahl der Berliner, die in anderen Bundesländern arbeiten, nahm zu – um 14,3 Prozent. Doch die Verkehrspolitik hat diesen Trend lange ignoriert. „Viele Bahn- und S-Bahn-Verbindungen, die durch die Grenze getrennt waren, sind immer noch nicht wieder aufgebaut“, sagte Christfried Tschepe vom Fahrgastverband IGEB am Dienstag.

Der Stadtplaner kann sich noch gut an eine Konferenz im Land Brandenburg erinnern, an der er vor einigen Jahren teilnahm. Tschepe verlangte, die S-Bahn-Trassen nach Velten, Falkensee und Rangsdorf wiederherzustellen – eine Forderung, die er am Dienstag während der Jahrespressekonferenz seines Verbands wiederholte. Aber der damalige Verkehrsminister Jörg Vogelsänger erteilte ihm eine Abfuhr. Mit ihm, so der SPD-Politiker, werde es keine einzige neue Strecke geben.

10.315 Tage stand die Berliner Mauer. Seitdem die Grenzöffnung begann, sind 10.316 Tage vergangen. Die Mauer ist nun länger weg als sie stand. „Doch es zeigt sich, dass es leichter ist, etwas zu trennen als etwas wieder aufzubauen “, so Tschepe. „Seit dem Mauerfall 1989 wurde viel geschafft. Doch vieles, was im Zweiten Weltkrieg, in der Nachkriegszeit und durch den Mauerbau zerstört wurde, ist noch nicht wiederhergestellt worden.“

Immer noch Streit in Falkensee

Ein Beispiel ist die S-Bahn Spandau–Falkensee. Bis heute ist man sich im Landkreis Havelland nicht darüber einig, ob die beim Mauerbau 1961 gekappte Verbindung wiederhergestellt werden sollte. „Seit mehr als einem Vierteljahrhundert wird darüber diskutiert. Das können wir nicht verstehen“, sagte IGEB-Sprecher Jens Wieseke. Rund um Berlin ist Falkensee mit 40.000 Einwohnern die einzige Stadt, die im Nahverkehr nicht per S-Bahn erreichbar ist – nur mit Regionalzügen, die häufig überlastet sind, und Bussen. Viele Havelländer befürchten, dass die schnellen Regionalzugverbindungen ausgedünnt werden, wenn die S-Bahn wieder fährt. „Wir brauchen beide Systeme“, entgegnete Jens Wieseke. Bei Störungen könne das jeweils andere Verkehrsmittel einspringen, eine Arbeitsteilung zwischen überregionalem und regionalem Verkehr wäre möglich.

Klar, dass der Wiederaufbau der S-Bahnstrecke nach Falkensee, am Besten mit einer Verlängerung nach Nauen, auf der Forderungsliste des Fahrgastverbands landete. Das gilt auch für den Neubau der Stammbahn zwischen Berlin, Zehlendorf und Potsdam. Auf Platz 1 steht aber die S-Bahn nach Velten. Heute endet die S 25 in Hennigsdorf. Doch auch in diesem Teil des Landkreises Oberhavel siedeln sich immer mehr Menschen an. „Die Streckenverlängerung nach Velten wäre einfach zu realisieren“, so Wieseke. „Zu diesem Projekt gibt es ein klares Ja aus der Region, einen breiten Konsens.“

Der Ausbau vorhandener Trassen steht ebenfalls auf dem Wunschzettel. Noch immer gibt es eingleisige S-Bahn-Abschnitte, etwa nach Potsdam, Hoppegarten, in Richtung Bernau. Das verlängert die Fahrzeit, weil Bahnen aufeinander warten müssen. Bei Störungen gerät das Fahrplangefüge leicht aus den Fugen, Verspätungen summieren sich. Sonderfahrten bei Veranstaltungen sind nicht möglich – was zum Chaos beim Lollapalooza-Festival in Hoppegarten beigetragen hat. „Alle eingleisigen Abschnitte müssen zweigleisig ausgebaut und signaltechnisch so ausgerüstet werden, dass eine Fünf-Minuten-Zugfolge möglich ist“, sagte Tschepe.

An der Grenze ist Schluss

Oft vergessen wird, dass im Kalten Krieg auch das Straßenbahnnetz in Berlin auseinandergerissen wurde. „Dort ist der Mauerverlauf immer noch zu sehen“, sagte Verbands-Vize Matthias Gibtner. Bisher wurden im Berliner Westen nur einzelne Stichstrecken gebaut. Zwar forciere der rot-rot-grüne Senat den Ausbau des Netzes, doch es gehe zu langsam voran. Ganz oben auf der Wunschliste stehen die Strecken Warschauer Straße–Hermannplatz und Turmstraße–Mierendorffplatz.

Für die Wiederherstellung der Straßenverbindungen wurde seit 1989 mehr getan, so der Verband. Aber selbst im Busverkehr wirke die Grenzziehung nach, sagte Gibtner. Die Linie M 41 aus Mitte, Kreuzberg und Neukölln endet im Grenzbereich an der Sonnenallee. Wer weiter will, muss nach Treptow hinein laufen und dort umsteigen – wie früher.