Funkhaus Berlin, Großer Aufnahmesaal 1 mit Orgel: Daniel Barenboim nahm hier mit der Staatskapelle Berlin zahlreiche Konzerte auf und rühmt den Raum für seine Akustik: „Ich betrachte den Saal als eines der besten Aufnahmestudios weltweit.“
Foto: Imago Images

Berlin-RummelsburgDas Areal empfängt den Besucher unwirtlich: Die Nalepastraße in Rummelsburg endet im Teilstück der Hausnummern 10 bis 18 in einer Sackgasse. Ein Sammelsurium an Gebäuden – bewohnt, unbewohnt, Werkhallen und Büros liegen scheinbar ungeordnet links und rechts, Autos von Carsharing-Firmen parken am Rand. Dieser Flecken Berlins lässt lang vergangene Jahre nach dem Mauerfall wieder wach werden, als solche Ecken vielerorts zu finden waren und zum maroden Charme der Hauptstadt beitrugen. Schließlich konnte und kann hier etwas entstehen. Und das ist auch auf diesem Gelände der Fall.

Es gehört den Investoren Uwe Fabich und Holger Jakisch. Sie kauften bereits den Postbahnhof, die Kreuzberger Erdmannhöfe und den Wasserturm am Ostkreuz. Über die beiden Männer ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt, sodass sie in Medien schon mal als „Immo-Phantom“ bezeichnet werden. Das Gelände mit dem Rundfunk der DDR erwarben sie Medienberichten zufolge 2015 für zwölf Millionen Euro. Seitdem haben sie in die historischen Gebäude investiert. Im Frühsommer kauften sie auch das ehemalige Kraftwerk Rummelsburg, das nördlich der Nalepastraße an der Rummelsburger Landstraße liegt. In diesem Jahr gelang es ihnen, das letzte Puzzlestück zu erwerben, das ihnen fehlte, um über das gesamte Areal bis zum Ufer der Spree zu verfügen.

Karte des Areals.
Grafik: BLZ/Hechner

Inspiration aus Südamerika

Dort befinden sich das Bürogebäude der Reederei Riedel und der Hafen mit den 15 Schiffen des Unternehmens sowie Reparatur- und Wartungsanlagen. Die Gebrüder Lutz und Stefan Freise haben das Gelände 2009 gekauft, das aus einer reinen und noch dazu ölverseuchten Brache bestand. Nach drei Jahren Sanierungs- und Baumaßnahmen zogen sie dorthin um. Seit fast acht Jahren wird die beliebte Reederei, die 1971 in Kreuzberg gegründet wurde, nun von hier aus betrieben.

Die Brüder Freise haben Fabich und Jakisch im Herbst Reederei und Gelände verkauft. „Wir haben viel Lebenszeit ins Unternehmen gesteckt“, sagt Lutz Freise, 58. Die Entscheidung sei ihnen nicht leicht gefallen, denn das Unternehmen war seit fast 50 Jahren in nur zwei Händen: denen der Riedels und denen der Freises, beide Familien waren eng miteinander verbunden.

Heinz und Marga Riedel, 1990, am Landwehrkanal. Foto: Privat
Zwei Familien - ein Unternehmen

Die Anfänge der Reederei Riedel: Heinz Riedel wurde 1927 in Bernburg (Sachsen-Anhalt) geboren. Der begeisterte Ruderer wurde Reeder. 1960 verließ er die DDR versteckt auf einem Frachtschiff eines Freundes. Mit seiner Frau baute er zunächst im Rheinland eine Tankspedition auf. Mit Klaus Freise, einem früheren Mitarbeiter, gründete er 1971 die Reederei Riedel in Berlin. Ihr erstes Schiff, die „Kehrwieder II“, lag im Urbanhafen, wo die Reederei Riedel noch heute anlegt. Im Lauf der Jahre kamen immer mehr Schiffe hinzu.

Nach der Wiedervereinigung:

Die Wende bildete einen großen Einschnitt. Berlin wurde groß und weltweit attraktiv. Am 2. März 1990 fuhr die Reederei Riedel mit dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper an Bord erstmals von West nach Ost – „von der Kottbusser Brücke durch die Oberschleuse bis zum Müggelsee“, wie sich Lutz Freise erinnert, der Sohn von Klaus Freise. In den folgenden Jahren wurden die Schifffahrten durch die wasserreichste Stadt Europas immer beliebter.

Nach dem Tod des Gründers:

1996 verstarb Heinz Riedel. Klaus Freise kaufte der Erbengemeinschaft die Reederei ab, erwarb neue Schiffe und stellte mehr Mitarbeiter ein. „1996 hatten wir neun Fahrgastschiffe, heute sind es 15“, sagt Freise. Von 120.000 Gästen wuchs ihre Zahl auf 400.000. Heute ist die Reederei Riedel die zweitgrößte Berlins. Vor acht Jahren ist sie von Kreuzberg nach Oberschöneweide gezogen. Das Hafenbecken hat sie selbst gebaut. Dafür musste das Erdreich umfangreich saniert werden.

Neue Ära nach Verkauf:

Seit dem 1. Januar 2020 hat die Reederei neue Eigentümer. Die Brüder Stefan, 54, und Lutz Freise, 58, haben die Firma an die Investoren Uwe Fabich und Holger Jakisch verkauft. Diese wollen das Schiffsunternehmen und sein Areal in ihre Pläne für ein Konferenzzentrum integrieren. Die Freises werden im Übergang als Geschäftsführer weitermachen. Und danach? „Es gibt Überlegungen“, sagt Lutz Freise vage. Zwei seiner Söhne werden möglicherweise im Unternehmen bleiben. (mec.)

Doch die Pläne, die die beiden Investoren fürs Gelände haben, überzeugten Lutz und Stefan Freise. „Wir geben das Geschäft in gute Hände. Die Investoren werden es mit viel Potenzial weiterführen“, sagt Lutz Freise. Noch in diesem Jahr soll hier ein Konferenzzentrum entstehen. Rund 250 Kongresse, Konferenzen und andere Veranstaltungen gingen Berlin jährlich verloren, weil keine geeigneten Flächen zur Verfügung ständen, sagt Freise. Neben den bestehenden Gebäuden soll ein Hotel errichtet werden. „Ab dem Frühjahr werden die Pläne konkreter“, kündigt Fabich, 46, an. Er hält sich zum Zeitpunkt der Recherche in New York auf. Seine Reise, die ihn auch nach Südamerika führt, soll ihm Inspirationen für einen Hotelneubau verschaffen. „Überall dort, wo neu gebaut wird, schaue ich mich um.“ An welcher Stelle das Hotel stehen wird, ist noch nicht bekannt. „Da ich nicht auf fremdes Kapital angewiesen bin, kann ich frei planen“, sagt Fabich. Die Investoren wollten „nach und nach schöne Gebäude addieren“. Der Weg sei das Ziel.

Blick auf das von der Reederei Riedel genutzte Gelände am Wasser.
Foto: camcop media/Andreas Klug

Funkhaus steht im Mittelpunkt des Kongresszentrums

Eines ist aber schon klar: Im Mittelpunkt des Kongresszentrums soll das Funkhaus stehen. „Es ist der Star“, sagt Fabich. Die Investoren haben es in den vergangenen Jahren wieder hergerichtet, sodass es schon genutzt wird. Das Gebäude ist für seine hervorragende Akustik bekannt. Die Band Depeche Mode stellte 2017 dort ihre neue CD vor, der Pianist und Komponist Nils Frahm gab 2018 ein Konzert.

Das Funkhaus ist Teil eines größeren Gebäudekomplexes, der vor dem Mauerfall vom Rundfunk der DDR genutzt wurde. Er war Anfang der 50er-Jahre auf das Gelände gezogen, weil die Berliner Rundfunkgebäude in Charlottenburg und damit im Westteil der Stadt lagen.

Der leer stehende Baukomplex einer früheren Sperrholzfabrik an der Nalepastraße wurde zu einem Funkhaus ausgebaut. Im Foyer des zentralen Gebäudes wurden auch Marmorplatten aus der Neuen Reichskanzlei von Adolf Hitler verlegt. Bis der Rundfunk der DDR 1991 eingestellt wurde, fanden in den Studios ungezählte Konzerte von Künstlern aus der DDR, dem Ostblock und der ganzen Welt statt.

Drei Gebäude, das Funkhaus, der Kulturblock und die sogenannte Shedhalle zählen heute zum Ensemble. Konzertveranstaltungen und Firmenevents werden dort regelmäßig ausgerichtet. Die private dBs Music School Berlin für elektronische Musik, ein Ableger einer englischen Akademie gleichen Namens, ist hier untergebracht, weiterhin eine Pizzeria und ein Café.

Die Reederei Riedel liegt nördlich davon. Das Verwaltungsgebäude befindet sich im ehemaligen Stromversorgungshaus des Rundfunks. Historische Elemente wurden in den Neubau integriert. Eine Werkhalle versperrt zurzeit noch den Blick zum Wasser, wenn Besucher von der Nalepastraße aufs Gelände kommen.

Schiffsshuttle aus der City

„Diese Halle wird auf jeden Fall abgerissen“, sagt Fabich. Wer von der Straße kommt, soll einen freien Blick auf das Hafenbecken haben. Das Reederei-Gelände soll in ein Entree verwandelt werden. Eine Plaza soll hier entstehen, auf der die Besucher zu den unterschiedlichen Orten des Areals – Konferenz, Hotel, Gastronomie – gelangen.

Die Spree spielt eine besondere Rolle in den Planungen. Wasser und Boote kombiniert ergeben für die Investoren eine eigene Transportmöglichkeit der Gäste vom Zentrum zum Konferenzzentrum. „Wir haben über die Riedel-Schiffe eine direkte Anbindung zum Beispiel zu Anlegern am Ostkreuz oder anderswo in der Stadt“, sagt Fabich. Diese Perspektive freut auch Freise. „Wer ein Konzert besucht, kann am Hauptbahnhof aufs Schiff gehen und sich bis zur Ankunft nach 30 Minuten auf die Veranstaltung einstimmen“, sagt er. Einen Schiffsshuttle hat es in der Vergangenheit schon für Veranstaltungen im Funkhaus gegeben. „Die Gäste aus der ganzen Welt waren begeistert.“

Lutz und Stefan Freise werden den Übergang der Reederei in die Hände der neuen Inhaber begleiten. Diese wollen die Reederei nicht selbst betreiben. Deshalb wird derzeit mit unterschiedlichen Betreibern verhandelt, die das Kerngeschäft der Reederei professionell führen. „Bis gesichert ist, dass der Betrieb unverändert weitergeht, stehen wir zur Verfügung“, sagt Freise.