1991 wurde aus der Erweiterten Oberschule das Carl-von-Ossietzky-Gymasium. 
Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinDies ist ein Bilanztext im Zeichen des Übergangsjahrs zwischen 30 Jahre Mauerfall und 30 Jahre deutsche Einheit. Der Mauerfall markiert das De-facto-Ende einer deutschen Diktatur, eines diktatorischen Systems. Und dieses Ereignis hat sehr viele Lebensschicksale geformt. Auch meines. Ich schreibe hier als persönlich Betroffener, aber auch als einer, der nach dreißig Jahren mal mehr, mal weniger politischer Aktivität eine Bilanz ziehen kann.

Am Freitag, den 30. September 1988 wurden in der Erweiterten Oberschule, der EOS Carl von Ossietzky Berlin-Pankow, also in Ost-Berlin, drei Schüler der elften Klasse (zwei Jungen und ein Mädchen) und ein Schüler der zwölften Klasse vor der gesamten versammelten Schülerschaft vom Direktor der Schule verwiesen. Ich war einer von ihnen. Der Vorgang bedeutete für uns im DDR-System den Ausschluss von allen Schulen, von höherer Schulbildung insgesamt – kein Abitur, kein Studium, kein Berufsweg, wie wir ihn uns vorgestellt haben und einschlagen wollten.

Was war unser „Vergehen“? Drei Wandzeitungsartikel, ein Kommentar zu den Solidarnosc-Streiks in Polen, eine Kritik an der Militärparade in Ost-Berlin und die ironische Anbringung eines waffenverherrlichenden Gedichts („Ein Gedicht, das uns sehr beeindruckt hat“), sowie ein außerschulischer Protest gegen Neonazis in der DDR im Rahmen einer staatlichen Kundgebung.

Welche Schulstrafen wurden ausgesprochen? Vier Schüler werden relegiert. Das bedeutete: kein Abitur in der DDR. Vier weitere Schüler erhielten geringere Schulstrafen – zwei Verweise plus Schulwechsel, zwei Verweise und Schulverbleib.

Die ganze Affäre durchlief innerhalb von nur drei Wochen mehrere Eskalationsstufen. Sie endete mit dem Showdown, einem kombinierten Rausschmiss aus der FDJ und der Schule für die vier als Rädelsführer gebrandmarkten Schüler am 29. und 30. September 1988.

Rehabilitation der Ossietzkyschüler

Am Montag, dem 13. November 1989, also am Montag nach dem Mauerfall, wurden die Ossietzkyschüler rehabilitiert. Öffentlich, an gleicher Stelle, in der Schule. Wir konnten damit wieder an staatlichen Schulen in der DDR, in unserer Heimat lernen. Die zeitliche Koinzidenz mit dem Mauerfall war natürlich einerseits Zufall, aber andererseits natürlich auch wieder nicht. Die Rehabilitation der Ossietzkyschüler war eine der Forderungen der friedlichen Opposition und der Demonstranten gewesen. Wir standen auf den Listen der Widerständler ganz oben. Alle vier relegierten Schüler haben nach der Wende Abitur gemacht.

Diese Analyse soll sich nicht mit den vielen Details der Abläufe beschäftigen, sondern auch eine Reflexion sein: Welche Lehren kann man aus der Ossietzky-Affäre für unsere Demokratie und unsere Freiheit ziehen?

Die eigentlich kleine Schul-Geschichte hatte damals eine ungeheure Wirkung entfaltet. Das lag sicherlich daran, dass sich in unserer Schul-Affäre die ganze Kleingeistigkeit, Engstirnigkeit und Brutalität des Regimes besonders deutlich gezeigt hat. Die Affäre ist aber auch interessant, weil sich so viele Leute entscheiden mussten, wie sie sich in einer kritischen Situation verhalten würden. Viele, die damals von dieser Sache hörten, konnten die Entscheidungs-Zwangslagen sehr gut nachvollziehen.

Und dies möchte ich genauer betrachten. Vielleicht die leicht kontraintuitive Erkenntnis zuerst: Am wenigsten zu entscheiden hatten wir, die wir als „Rädelsführer“ ausgemacht wurden. Wir, die aktiven Protestler, konnten bis zu unserem Rausschmiss eigentlich nichts mehr tun. Die Chance zur, wenn man es so nennen will, „Unterwerfung“, zur Abbitte wurde nämlich uns aktiven Schülern gar nicht eingeräumt.

Wir hatten keine Lust mehr

Natürlich hätten wir einfach den Mund halten können. Wir hätten uns im realsozialistischen Schulbetrieb im Endstadium des Regimes unauffällig verhalten können – diesen Punkt kann man machen. Ja, wenn wir unsere kritischen Artikel nicht geschrieben und unsere Aktionen nicht gemacht hätten, wäre die Ossietzky-Affäre nicht losgebrochen. Auch hatte es Warnungen gegeben von Mitschülern und Lehrern, die irgendwo zwischen wohlmeinend vorsichtig und „warum lasst ihr uns nicht unsere Ruhe, ist doch alles schon schwer genug“ schwankten. Aber darauf hatten wir tatsächlich keine Lust mehr.

Mein Freund Kai und ich waren frisch an die EOS gewechselte 16-Jährige, die einfach viel zu lange duckmäusern und heucheln mussten, um überhaupt das Privileg eines Abiturschulplatzes zu erhalten. Denn das DDR-System war sehr konsequent: Abitur gab es nur für staatstreue Schüler und überhaupt nur für eine sehr kleine Minderheit. Nur ungefähr zehn Prozent der Absolventen der 10. Klasse der Oberschule durften auf die weiterführenden EOS, die nur zwei Jahrgänge, die elfte und die zwölfte Klasse umfasste.

Wir hätten also den Mund halten können. Wir hätten nicht auf Probleme und Widersprüche aufmerksam machen müssen. Aber die Themen, zu denen wir uns äußerten, betrafen uns eben auch unmittelbar. Ich will nur ein Thema erwähnen: Die unsägliche Militarisierung der DDR, des selbst ernannten Friedensstaats. Wir haben diese indirekt über eine Kritik an der Militärparade in Ost-Berlin angesprochen. Die schlimme Militarisierung, das mörderische Grenzregime war ja nur die Spitze des Eisbergs, betraf uns Jungs ja ganz direkt. Wir mussten uns für Abitur und Studium zu einem dreijährigen Armeedienst verpflichten.

Wir hätten schweigen können

Wir hätten solche Themen nicht anpacken müssen. Wir hätten keine Artikel an die Schulwandzeitung heften müssen. Wir hätten schweigen können. Dann hätten wir die Lawine so nicht ausgelöst. Aber das Ausmaß der Reaktion haben wir weder geahnt noch gewollt. Als es losging, als die Lawine rollte, wurde uns keine Möglichkeit mehr gegeben, uns zu entscheiden. Ich sehe uns deshalb eigentlich weder als Opfer noch als Helden.

Um es ganz klar zu sagen: In einem diktatorischen System kann man nur die Gefahr verringern, wenn man gar nichts tut. Jegliches Aufmucken oder Anecken ist definitiv nicht gewollt. Für den Verursacher ist es gefährlich und potenziell nicht einzufangen. Aber dies ist nur der Blick auf uns Schüler im Zentrum des Sturms. Interessanter und vielschichtiger wird es, wenn wir den Blick auf die anderen Betroffenen richten. Denn die Frage der Entscheidung spielte bei den anderen, weniger aktiven Schülern durchaus eine gewichtige Rolle. Ich nenne mal die Stichworte: Solidarisierung, Distanzierung, Mitverantwortung.

Philipp Lengsfeld in der Aula seiner einstigen Schule in Berlin-Pankow.
Berliner Zeitung / Markus Wächter

Beginnen wir mit der Solidarisierung: Es gab Schüler, die sich mit den aktiven Schülern solidarisiert haben. Es ist ihnen nicht gut bekommen: Die finale Liste der acht bestraften Schüler beruhte auf einer Unterschriftenliste unter eine Solidaritätserklärung. Wir haben sie erstellt, als es so aussah, dass mein Mitstreiter Benjamin ganz allein für die Proteste bestraft werden sollte. Alle Schüler, die diesen Brief unterschrieben haben, egal wie gering ihr Anteil an der Aktion war, wurden bestraft.

In einem diktatorischen System ist Solidarisierung mit jemandem, der Kritik äußert oder der von der Macht gebrandmarkt wurde, fast noch schlimmer als das ursprüngliche Aufbegehren selber. Denn eine Kritik wird nicht dadurch gefährlich, dass sie sachlich richtig ist – das kann im Zweifel immer weggeredet werden. Sie wird gefährlich, wenn sich andere anschließen oder sich solidarisch zeigen.

Mein zweiter Punkt betrifft die Trennung von Familie und Staat. Ein diktatorisches System akzeptiert keinen familiären Schutzraum. Im Gegenteil, ein diktatorisches System trägt den Konflikt absichtsvoll tief in die Familien, auf sehr zerstörerische Weise. Und da sind wir beim Thema Distanzierung und Mitverantwortung.

Klare Stoßrichtung der Gespräche 

Zunächst der einfachere Schritt: die Distanzierung. Da der kritische Artikel über die Militärparade in der Schule eine rege Debatte ausgelöst hatte, entstand die Idee eines Briefs an die Junge Welt, das Zentralorgan der FDJ, der Freien Deutschen Jugend, also die Zeitung der Schülerschaft. Unter diesem Briefentwurf standen im Zenit der ersten Phase der Affäre 37 Unterschriften von Schülern. Hier setzte der staatliche Gegenschlag an: Mit allen 37 betroffenen Familien wurden vonseiten der Klassen- und Schulleitung Gespräche geführt. Sie hatten die klare Stoßrichtung, dass sich die jeweiligen Kinder entscheiden müssen. Im Prinzip zwischen Staat, Schule, Karriere auf der einen Seite – und ihren Überzeugungen, ihrem Gewissen, ihrer Jugendlichkeit, ihren Freunden, ihren Peers und auch schlicht der Realität auf der anderen Seite.

Aber die knallhart geforderte Distanzierung, das Zurückziehen der Unterschrift, gerne noch garniert mit irgendwelchen devoten Erklärungen oder gar Schuldzuweisungen und Distanzierungen von den aktiven Schülern, reichte nicht mehr, als die Affäre Fahrt aufnahm. Distanzierung war jetzt zu wenig, es musste Mitverantwortung für die Verurteilung der Mitschüler sein. Trauriger Höhepunkt dieses Gewissenkonflikts war der FDJ-Rausschmiss, der als Pseudolegitimation für den am folgenden Tag geplanten Schulrausschmiss dienen sollte.

Die FDJ, die Freie Deutsche Jugend, war nominell die Jugendorganisation der SED, de facto aber eine Staatsjugendorganisation in der jeder DDR-Jugendliche „freiwillig“ Mitglied war, wenn er oder sie in dem Staat etwas erreichen wollte. Erinnert sei nur an die unsägliche, stark von Kräften in der Linkspartei beförderte Kontroverse um die FDJ-Mitgliedschaft der Kanzlerin. Praktisch alle Schüler der Ossietzky-Schule waren Mitglieder der FDJ. Die FDJ war der Arm des Staates in der Schülerschaft.

Die Verquickung von Staat, Schule und Politik wurde auch gar nicht groß verschleiert, sondern ganz transparent organisiert. In der Schule waren die Grundorganisationen der FDJ schlicht die Klassenverbände. Die Schulebene der FDJ spielte praktischerweise gleich die Rolle einer Schülervertretung, die es unabhängig von der FDJ natürlich nicht gab – ein perfides System, das aber geschickt aufgesetzt war. Dies war kein Zufall: Das DDR-Bildungsministerium wurde seit Jahrzehnten von Margot Honecker geleitet, der Frau des zweiten DDR-Chefs Erich Honecker. Beide sind über den FDJ-Apparat aufgestiegen. Und Ministerin Margot Honecker persönlich hat den Rausschmiss der Ossietzky-Schüler entschieden und veranlasst, was wir damals natürlich nicht wussten. Die Ministerin hatte in einem wichtigen persönlichen Zusatz außerdem angeordnet: Dem Schulrausschmiss müsse der FDJ-Rausschmiss vorangehen.

FDJ-Rausschmiss

Dieser Rausschmiss aus der Jugendorganisation lief nach einem genauen Plan ab: Am späten Nachmittag des Donnerstag, dem 29. September 1988, dem Abend vor dem Schulrausschmiss, mussten sich die Mitschüler meiner Klasse in unserem Klassenraum in der Schule zu einer außerordentlichen FDJ-Versammlung einfinden. Und da sind wir beim Thema Mitverantwortung: Es wurde nichts dem Zufall überlassen. Mit allen meinen Mitschülern gab es vorher Einzelgespräche mit der klaren Drohung, die sicherlich meist auch direkt ausgesprochen wurde, dass ein Wunschstudienplatz nur dann infrage kommt, wenn der Schüler oder die Schülerin sich gegen mich stellt. „Frage dich mal, was dein Vater oder deine Mutter sagt, wenn du für diese Sache, für diese Typen deinen Medizinstudienplatz verspielst.“ Und die Versammlung selber wurde komplett durchchoreografiert, mit zugeteilten Wortbeiträgen, geleitet von älteren FDJlern, durch massive Einschüchterung durch Präsenz von zehn Erwachsenen, inklusive des Schulleiters, des Klassenleiters, eines FDJ-Kaders und eines Kaders des Patenbetriebs der Schule.


Die Ossietzky-Affäre - Eine Chronik

  • Bebelplatz, Ost-Berlin, 11. September 1988: Vier Schüler der Oberschule Carl von Ossietzky halten auf einer offiziellen Kundgebung ein Transparent hoch. Darauf steht: „Gegen faschistische Tendenzen“ und „Neonazis raus“.
  • 12. September: Zwei Schüler unterstützen an der Wandzeitung die polnische Gewerkschaft Solidarnosc. Carsten Krenz, der Sohn des späteren SED-Generalsekretärs Egon Krenz, hängt den Text ab. Er fährt mit ihm nach Hause nach Wandlitz. Am nächsten Tag hängt er ihn wieder auf, mit einem Kommentar.
  • 14. September: Der Schüler Kai Feller fordert den Verzicht von Militärparaden. Massive Repressalien des Partei- und Staatsapparats setzen ein.
  • 21. September: Die Schüler Philipp Lengsfeld, Benjamin Lindner und Alexander Krohn versehen ein Liebeslied an die Kalaschnikow aus der Zeitung „Volksarmee“ mit einem ironischen Kommentar. Wenige Tage später ist ihr Schicksal besiegelt. In der Aula werden sie aus der FDJ ausgeschlossen und der Schule verwiesen. Sie stehen vor den Trümmern ihrer Lebensplanung. Die FDJ ist empört über Aussagen wie: „Unsere Gesetze haben ,Hintertüren‘ zur Durchsetzung der Macht des Staates und für willkürliche Auslegungen … Unser Volk ist ein Volk der ,Ja-Sager‘ … Wir sind bereit, für unsere Auffassungen zu kämpfen.“
  • Der Schüler Lengsfeld sagt am Abend seines Rauswurfs am 30. November 1988 in der vom MfS mitprotokollierten Sendung „Kennzeichen D“ des ZDF: „Wenn ich gewusst hätte, an welchem Punkt wir da eine imaginäre Grenze überschritten haben, dann hätte ich sie nicht überschritten, denn ich finde, es ist zu früh für unsere Wesen diesen Konflikt auszustreiten, vom Alter her.“
  • Was die Schüler nicht ahnen: Sie beschleunigen mit ihren Aktionen den Untergang der DDR. Ihre Rehabilitierung wird zu einer zentralen Forderung der Bürgerbewegung. Die „Ossietzky-Affäre“ löste einen Protest-Orkan in der DDR aus.
  • Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk schreibt im „Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur“: Dadurch, dass der Sohn von Egon Krenz ebenfalls in diese Schule ging, ist der Vorfall praktisch intern zur Staatsangelegenheit hochstilisiert worden, so dass neben dem MfS, der SED, der FDJ und der örtlichen Schulrätin auch die Ministerin für Volksbildung, Margot Honecker, sowie der 1. SED Bezirkssekretär, Günter Schabowski, direkt in den Fall involviert waren. Das Bildungswesen, die wichtigste Zelle des totalitär ausgeprägten Erziehungsmodells, geriet ins Wanken. Gerade hier unter den Augen der Machthaber hatte sich eine eigenständige Opposition herausgebildet.“ (mm)

Allerdings hatte man sich nicht getraut, den anwesenden Schülern offenzulegen, dass der FDJ-Rausschmiss als Legitimation für den Schulrausschmiss am nächsten Tag dienen würde. Dieser Punkt war Herrschaftswissen, das heißt, es wussten die Verantwortungsträger und einige wenige eingeweihte, vertrauenswürdige Kaderschüler. Es wurde selbstverständlich offen abgestimmt. Keiner sollte sich verstecken können. Ein fürs Leben prägendes Ereignis, denn allen war bewusst, dass die Vorwürfe eine Farce waren, dass die Veranstaltung mit Schmierenkomödie nur ganz unzutreffend zu beschreiben ist – denn es war keine Komödie.

Die abstimmenden Schüler ahnten sicherlich die Konsequenzen für ihre betroffenen Mitschüler, zumindest, was das Studium und die weitere Karriere im DDR-System angeht. Und dann kam es bei der Abstimmung über mein Schicksal, wie es vom Staat gewollt war: Von den etwa 18 anwesenden Schülern stimmte nur eine Schülerin für mich, ein Schüler enthielt sich der Stimme. Der Staat hatte seine Scheinlegitimation durch die massive Manipulation der Familien und Kinder hergestellt.

Außerordentliche Schulversammlung

Doch schon am nächsten Tag, beim entscheidenden Rausschmiss aus der Schule, fiel die Inszenierung in sich zusammen. Am Morgen des 30. September 1988 berief der Direktor eine außerordentliche Schulversammlung in die Aula. Die verurteilten Schüler mussten in einer sich quälend hinziehenden Prozedur einzeln vor den Schulleiter und die gesamte Schülerschaft treten, um einzeln die Anklage und das jeweilige Urteil zu hören. Bei den vier Relegationen berief sich der Schulleiter explizit auf die vier FDJ-Rausschmiss-Verfahren vom Vortag. Er verwies die vier Relegierten dann einzeln der Aula und der Schule.

Im Zuge dieser „Exekution“, so kann man es wohl bezeichnen, machte sich unter der verbleibenden Schülerschaft zunehmend Unruhe breit. Sie begannen, das Verfahren zu durchschauen. Eine Mitschülerin sprach schon während dieses Vorgangs aus, was die meisten dachten: Das haben wir mit dem FDJ-Rausschmiss nicht gewollt! Was übersetzt politisch hieß: Das wollen wir mit dem FDJ-Rausschmiss nicht legitimiert haben, was ihr hier macht, geht gar nicht! Sehr viele Schüler hatten mindestens das Jahr bis zum Mauerfall an dieser Kombination aus FDJ-Rausschmiss und dem folgenden Schulrausschmiss vor versammelter Mannschaft sehr schwer zu tragen. Noch heute treffe ich Menschen aus dem Umfeld der Schul-Affäre, die mir von den Konflikten in den Familien am Abendbrottisch erzählen.

Ich habe meinen Mitschülern für ihr Verhalten beim FDJ-Rausschmiss nie einen Vorwurf gemacht. Mir war ihre Zwangslage und die ihrer Eltern völlig klar – trotzdem waren die zwei Stimmen, die nicht „ja“ gesagt haben für mich ungeheuer wichtig: Und ich glaube, den meisten Schülern ist dann auch sofort klar geworden, dass sie ihre Seele für praktisch nichts verkauft hatten – denn die reale Gefahr für den Einzelnen war im Endstadium der DDR eigentlich sehr klein. Sie wäre noch kleiner geworden, wenn mehr Schüler ausgebrochen wären. So ist das System nur ein Jahr später dann auch zu Fall gebracht worden.

Die zerstörerische Kraft der Diktatur

Es gab auch andere Auswege: Ich muss immer noch schmunzeln über die Strategie einer Familie, die ihre Tochter schlicht krankgeschrieben haben – man muss nicht jeden Kampf führen. Aber man sollte sich auch von den Mächtigen nicht so missbrauchen lassen. Diese Art von Entscheidungen haben immer einen Rutschbahneffekt: Erst stimmst du gegen deine Mitschüler beim FDJ-Rausschmiss und später werden dann immer mehr und immer schlimmere Dinge von dir verlangt. Letztlich ist es eine klassische Mafiamethode. In dieser Situation muss jeder für sich eine rote Linie ziehen. Und ein falscher elterlicher Rat wirkt wie ein lang anhaltendes Gift. Die zerstörerische Kraft der Diktatur wirkt bis weit in die Familien hinein und hat Auswirkungen auf jede einzelne Persönlichkeit. Auf diesen Punkt hat mich mein zu früh verstorbener Diplomvater Stephan Brehme, der selber in Leipzig aufgewachsen war und dort am Umbruch aktiv mitgewirkt hat, in einem anderen Zusammenhang ausdrücklich hingewiesen.

Damals waren wir Jugendliche. Heute, 30 Jahre später, schreibe ich diese Analyse aus der Sicht eines Berufstätigen für andere Berufstätige. Daher meine dritte und vielleicht wichtigste Botschaft: Diktatorische Systeme haben keinen Respekt vor Berufsethos, vor Rollenverantwortung. Im Gegenteil, sie hintertreiben bewusst jede Rollentreue. Man muss sich noch mal klarmachen: All dies fand an einer Schule, an einer staatlichen Schule statt. Die Hauptakteure waren der Schulleiter und die Lehrerinnen und Lehrer. Sie werden vielleicht merken, dass in meinen Erinnerungen die Worte DDR, SED, FDJ, aber nicht Staatssicherheit, auftauchen.

Eine Facette der Ossietzky-Affäre war der Umstand, dass mit Carsten Krenz einer unserer Mitschüler Sohn des designierten Nachfolgers von Erich Honecker war. Egon Krenz war definitiv der Kronprinz in der DDR und gehörte zum inneren Kreis der Macht. Der Umstand, dass Carsten als überzeugter FDJ-Kader offensiv gegen uns stand, hat immer die Fantasie vieler Deutscher angeregt: Spielte vielleicht Egon Krenz die entscheidende Rolle in dieser Tragödie?

Egon Krenz war "im Urlaub"

Obwohl es bei dieser Vermutung nie letzte Gewissheit geben kann: Ich habe die Sache später ausführlich mit Carsten reflektiert und Egon Krenz auch einmal persönlich getroffen. Selbst wenn ich seine peinliche Ausrede: „Ich war in der Zeit im Urlaub“ keinesfalls schlucke, so bin ich doch davon überzeugt, dass der vielbeschäftigte SED-Kader andere Sachen im Kopf hatte, als sich um die Vorkommnisse an der Schule seines Sohnes zu kümmern. Ich bin ganz sicher (und wir haben auch den entsprechenden handschriftlichen Aktenbeleg): Die Hauptverantwortung für die Ossietzky-Affäre lag bei der schrecklichen Kommunistin Margot Honecker, einer durch und durch verdorbenen Persönlichkeit, die im Land enorm viel Leid angerichtet hat, insbesondere bei Kindern, Jugendlichen, den betroffenen Eltern und der Lehrerschaft. Für mich die Personifikation der Bösartigkeit des diktatorischen Systems in der DDR-Volksbildung.

Aus pädagogischer Sicht war das Vorgehen in der Ossietzky-Schul-Affäre eine Katastrophe und unverzeihlich. Die Beteiligten wussten dies natürlich ganz genau. Sie bekamen es auch unmittelbar zu spüren. Die Schule und der Schulleiter hatten nach der Affäre keine ruhige Minute mehr. Das offenkundig pädagogisch nicht zu rechtfertigende Vorgehen fiel voll auf die Verantwortlichen zurück. Im September 1989, also im Herbst des Umbruchs, versuchte der Schulleiter die Flucht nach vorne. Er veröffentlichte in der Jungen Welt ein Statement, dass das Vorgehen vom Herbst 1988 innerhalb der Schule von oben angeordnet worden war und nicht von der Schule selber ausging. Dies stimmte zwar, aber es half ihm nicht mehr. Er hatte sein Berufsethos verraten. Wenige Wochen nach dem Mauerfall folgte seine Abberufung. Er war damals noch verhältnismäßig jung. Seine Gymnasial-Schulleiterkarriere lag in Trümmern.

Viele Menschen wollen natürlich wissen, wie der weitere Lebensweg der relegierten und rehabilitierten Ossietzky-Schüler ablief. Ich nenne mal die Stichworte für die drei Schüler, die Ministerin Honecker handschriftlich verdammt hat: Kai und Benjamin bekamen nach der Relegation massiv Hilfe durch die evangelische Kirche: Sie arbeiteten zunächst in der Diakonie und erhielten im Herbst ’89 die Zulassung zum Evangelischen Gymnasium Hermannswerder (der einzigen nicht-staatlichen evangelischen Oberschule der DDR).

Der Werdegang der Schüler 

Kai blieb auch nach der Rehabilitation in Hermannswerder, es folgten ein Studium der Theologie und jahrelange Arbeit als Pfarrer in Mecklenburg, jetzt in der Nordkirche. Benjamin wechselte nach der Rehabilitation an eine andere staatlichen Oberschule in Pankow, studierte sein Wunschfach Physik, promovierte und ist jetzt Universitätsprofessor an der Humboldt-Universität (HU) Berlin.

Ich selber ging nach der Relegation nach England und dort an eine staatliche Oberschule. Rückkehr in die DDR im November 89, Rückkehr an die Ossietzky-Schule, dort später erster frei gewählter Schulsprecher, Physik-Studium, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Pharmaindustrie. Jahrelange Feierabend-Arbeit in der Politik, ehrenamtlicher Kommunalpolitiker, Mitglied des Deutschen Bundestages 2013 bis 2017. Wir alle drei sind verheiratet und haben Kinder.

Im Gegensatz zu der Zwangslage bei meinen Mitschülern hatte und habe ich beim Schulleiter und einigen der anderen exponierten Lehrer kein Verständnis: Ein anderes Vorgehen wäre möglich gewesen. Zwar war der Druck riesengroß, aber die Ministerin hätte uns nicht mit ihren eigenen Händen vor der Schülerschaft rauswerfen können. Dies musste schon jemand weiter unten in der Hierarchie ausführen. Natürlich kommt man aus dieser Art Dilemma nicht mit einer einfachen Krankschreibung raus. Aber wenn ein diktatorisches System einen zu einer Entscheidung zwingt, dann gilt insbesondere für den Berufsethos: Man kann und man muss sich entscheiden. Und mit den Konsequenzen dieser Entscheidung wird man dann sein Leben lang umgehen müssen.

Und das ist der fundamentale Unterschied zwischen einem freiheitlichen und einem diktatorischen System: Ein wirklich freiheitliches System zieht so viele Schutzzonen wie möglich um genau diese persönlichen Dinge. Denn nicht ein Staat sollte entscheiden, ob oder was man studieren will, kein Staat sollte sich in die innersten Familienangelegenheiten reindrängen, und kein Staat sollte Vertreter keinerlei Profession dazu zwingen, massiv gegen ihr Berufsethos zu verstoßen. Dies gilt natürlich für Pädagogen in verschärfter Weise, aber das Prinzip ist immer das gleiche, sei es im Anwaltsberuf, im Gesundheitswesen, ja sogar in der viel gescholtenen Politik oder wie bei mir in der Wissenschaft und der Industrie.

Schuld ist nicht der Einzelne

Wenn es hart auf hart kommt, sollte man sich nicht einreden lassen, dass man sich für einen selbst ernannten guten Staat oder eine vorgeblich gute Sache – und sei es die angebliche Rettung vor dem Weltuntergang – gegen seine Überzeugungen zu stellen habe, oder seine Familie oder gar seine Kinder verraten müsse. Und vor allem sollte man sich niemals einreden lassen, dass eine Macht das Recht hat, den Einzelnen zu zwingen, offenkundig gegen sein Berufsethos zu verstoßen. Ich rede hier nicht von Kompromissen, die braucht man immer. Nein, ich rede von dem Überschreiten einer roten Linie.

Aber wir sollten nie vergessen: Schuld sind nicht die Einzelnen, der Schulleiter und seine schlimmsten Helfer oder einige Hardliner unter den Eltern oder auch den Schülern. Nein, schuld war das diktatorische System und seine Verantwortlichen, in diesem Falle die Verantwortungsträger im Schulsystem von der Schulrätin aufwärts bis zur Ministerin. Und genau deshalb war es so wichtig, dass dieses System zusammenbricht.

Meine Analyse lässt mich aus tiefer Überzeugung für den Schutz der Freiheiten unserer offenen Gesellschaft eintreten: der Freiheit zur Äußerung von Kritik, als Kernstück eines echten, fairen Wettbewerbs, der Berufsfreiheit und dem Schutz des Berufsethos und auch dem Recht auf privaten Rückzug.

Dies ist für mich die wichtigste Botschaft von 30 Jahre Mauerfall, dem Einsturz des diktatorischen DDR-Systems und 30 Jahre deutsche Einheit, dem Beginn des gemeinsamen demokratischen Wegs: Sorgen wir dafür, dass Freiheit und Offenheit in diesem unseren Land jeden Tag verteidigt werden. Und dass diktatorische Mechanismen aus Unterdrückung von Kritik, Manipulation und Konformität nicht in die Vorhand kommen.