Klimawandel: Der Lieblingsbaum von Förster Franusch stirbt

Die Buche im Nordwesten Berlins kennt Marc Franusch seit 25 Jahren. Der Baum ist fast 200 Jahre alt. Gaben ihm die fünf Dürresommer in Folge nun den Rest?

Förster Marc Franusch am Fuße seines Lieblingsbaums in einem Wald in Hermsdorf.
Förster Marc Franusch am Fuße seines Lieblingsbaums in einem Wald in Hermsdorf.Volkmar Otto

Die Natur legt sich langsam wieder zur Ruhe – so wie jeden Herbst. Deswegen ist Berlin derzeit besonders schön. Alles ist bunt. Berlin leuchtet. Der Herbst hat die Herrschaft über die Stadt übernommen. In den Wäldern, den Parks, bei den Straßenbäumen. Nun weicht das etwas schlappe Grün dieses Dürresommers dem zarten Gelb des Herbstes, dem Orange und Rot und Braun. Die Natur erlebt seinen alljährlichen optischen Höhepunkt. Indian Summer in Berlin.

Der ewige Zyklus von Werden und Vergehen war selten so spannend wie in diesem Jahr. Denn es ist unklar, was in ein paar Monaten passiert. Der Klimawandel zeigt zwar bereits seit mehr als 20 Jahren Wirkung. Doch in der Region Berlin-Brandenburg reihten sich nun gleich fünf Dürresommer aneinander. Wird es nach diesem Herbst wieder überall ein Frühlingserwachen geben?

Deshalb sind wir mit Marc Franusch in Hermsdorf unterwegs, ganz im Nordwesten Berlins – auf dem Weg zu seinem Lieblingsbaum. Der 58-Jährige ist Förster und Wald-Erklärer bei den Berliner Forsten. Er läuft eine Holperstraße mit den letzten Häusern der Stadt entlang. Zwischen zwei Grundstücken führt ein schmaler Weg in den Wald. Förster Franusch kennt den Wald schon lange. Er wohnt seit mehr als 25 Jahren in der Nähe.

Warum werden die Bäume im Herbst bunt?

Auf dem Weg zu seinem Lieblingsbaum geht es vorbei an Eichen und Kiefern, Linden und Birken. Noch ist der Wald recht grün, aber das Gelb gewinnt die Überhand. Franusch erklärt, warum Laubbäume im Herbst bunt werden: Unten im Boden sammeln die Wurzeln unermüdlich Wasser und Nährstoffe. Oben in der Baumkrone sind die grünen Blätter, die bei der Photosynthese unentwegt Kohlendioxid in Sauerstoff verwandeln und das Wasser verbrauchen oder verdunsten. Dadurch entsteht oben ein Sog, durch den das Wasser aus den Wurzeln durch den Stamm gesaugt wird. Die Baumfabrik läuft auf Hochtouren.

Doch im Herbst ist es irgendwann zu kalt, die Tage werden kürzer. Die Bäume bereiten sich auf eine Art Winterruhe vor. Dafür werden alle Nährstoffe aus den Blättern in den Stamm zurückgeholt. Die Nährstoffe sind im Chlorophyll. Und da das grün ist, weicht diese Farbe aus den Blättern. Sie werden gelb, orange, rot, braun und fallen ab. Der Baum überwintert. Ein Leben auf Sparflamme, nur die Knospen für den Frühling werden angelegt. Irgendwann wird es wieder wärmer und die Bäume wieder grün.

Einst war die Krone dieser Buche wesentlich größer und ließ keine Sonnenstrahlen auf den Waldboden.
Einst war die Krone dieser Buche wesentlich größer und ließ keine Sonnenstrahlen auf den Waldboden.Volkmar Otto

Diesen Kreislauf durchlebt Franuschs Lieblingsbaum seit Ewigkeiten. Da der Mann nun mal Buchen ganz besonders mag, ist auch sein Lieblingsbaum eine Buche. Sie wurde einst neben dem Weg in diese kleine Hügellandschaft mit elf anderen Buchen gepflanzt. Dicke Stämme, mächtige Kronen voller Blätter in Zartgrün, die sich nun verfärben. Ein eigener Mini-Wald im Wald. Luftig und weiträumig. „Hier gehen wir oft spazieren, hier führt auch meine Joggingstrecke entlang“, sagt er und schaut sich um. „Ich dachte, dass ich vielleicht meine Tochter mit dem Hund sehe.“ Er hat sich einfach vor Jahren für diese Buche als Lieblingsbaum entschieden.

„Ausgerechnet sie gehört inzwischen zu den Buchen, die schwer geschädigt sind“, sagt Franusch und zeigt auf einen 30 Meter hohen Baum mit einer halbtoten Krone. „Vor acht Jahren sind mir noch keine Probleme aufgefallen.“ Und das wären sie ganz sicher. Er ist nun mal Förster, und Buchen gehören zu seinen Lieblingsbäumen. „Dieser Baum war mal ein Musterbeispiel für eine Buche.“

Immer mehr Bürger wollen dem Wald helfen

Er kennt sich mit der Natur aus. Gefühlt ist Marc Franusch fast sein ganzes Leben lang Förster. „Jedenfalls erzählen meine Eltern, dass ich immer zu allen gesagt habe: Ich werde Förster.“ Eigentlich war das der Berufswunsch des Vaters, der dann bei der Berliner Berufsfeuerwehr war. Franusch erzählt, dass er als Kind im Garten in Lichtenrade stundenlang Ameisenvölker beobachtet hat und Spinnen in ihrem Netz fütterte. „Ich brauchte kein Spielzeug, nur Bäume, Wald und Natur.“ Er studierte in Göttingen Forstwirtschaft und ergatterte dann eine von zwei freien Stellen im Berliner Forst.

Er arbeitete als Büroleiter in dem Forstamt, in dem sein Lieblingsbaum steht. Dann war er 20 Jahre lang Sprecher der Berliner Forstverwaltung, nun ist er Leiter des Teams „Wald und Gesellschaft“ und damit zuständig für die Waldbildung und die strategische Erholungsplanung, wie er sagt. Es geht um Fragen wie: Wo wird ein Wanderweg gebraucht oder ein Waldspielplatz? Das Team koordiniert auch die Bürgerbeteiligung. „Wegen des Klimawandels kommen immer mehr Bürger und wollen dem Wald helfen, wollen Bäume pflanzen.“ Mit der Krise ist auch wieder das Interesse für den Wald da.

Und die Krise ist offensichtlich. Von den zwölf alten Buchen auf den Hügeln sind fünf schwer geschädigt. Franusch legt den Zeigefinger vor die Lippen. Als es still ist, sind leise Geräusche zu hören, so als würden einzelne dicke Regentropfen auf die trocknen Blätter am Boden fallen. Doch es sind die kleinen Früchte des Baumes – es regnet Bucheckern. Franusch hebt eine Fruchthülle auf. „Die Natur schüttet ihr Füllhorn aus“, sagt er. „Im Frühjahr werden hier wahrscheinlich wieder einige tausend Keimlinge wachsen.“ Kleine Triebe. Wenn dann kein Regen kommt, gehen sie ein oder werden von Rehen gefressen. So geht es Jahr für Jahr, Generation für Generation. Es sterben tausendmal mehr Bäume, als wirklich richtig groß werden. Dafür ist nicht nur Regen nötig, sondern meist auch, dass ein großer Baum stirbt und Platz macht. Dann fällt Sonne in den Wald und lässt einen neuen Baum groß werden.

Gepflanzt in dem Jahr, in dem Beethoven starb

An Franuschs Lieblingsbaum fällt inzwischen reichlich Sonne in den Wald, denn die Krone ist nur noch klein. Es gibt nur Schätzungen, wie alt die Buche ist. „Ich habe dazu etwas in alten Akten gelesen“, sagt er und legt sich mutig auf eine Zahl fest: 195 Jahre. Das wäre 1827.

Solche Jahreszahlen verdeutlichen die Dimensionen, wenn über Veränderungen im Wald gesprochen wird: Im Jahre 1827 bestand Deutschland noch aus etwa 40 Einzelstaaten. Fachleute wissen auch, dass Heine in dem Jahr seinen ersten Gedichtband veröffentlichte und Beethoven starb. Aber damals erfand auch ein Österreicher die Schiffsschraube, ein Brite verkaufte die ersten Streichhölzer und in Frankreich fuhr Europas erste Pferdebahn, der Vorläufer der Eisenbahn. Das weiß fast niemand mehr, aber die Buchen von damals stehen noch immer. Franusch sagt, er finde alte Bäume fast mythisch. „Die lassen mich ganz ehrfürchtig werden.“

Förster Marc Franusch zeigt an „seiner“ Buche einen Schaden, den der Baum versucht, mit einen schwarzen Schleimfluss wieder zu schließen.
Förster Marc Franusch zeigt an „seiner“ Buche einen Schaden, den der Baum versucht, mit einen schwarzen Schleimfluss wieder zu schließen.Volkmar Otto

Die Buchen überstanden auch zwei Weltkriege und wurden nicht – wie so viele Bäume in den Notwintern – verfeuert. Sie sind Zeugnisse der Vergangenheit und Mahnungen für die Gegenwart. „Wir haben in unserer Region sowieso schon immer durchschnittlich viel weniger Niederschlag als etwa im Schwarzwald“, sagt er. „Hier regnet es so wenig, wie sonst nirgends in Deutschland.“ Die Bäume in Berlin-Brandenburg sind Mangel gewohnt. „Unsere Wälder sind echte Durst- und Hungerkünstler. Wenn die solche schweren Symptome zeigen, macht das deutlich, wie dramatisch die Situation ist.“

Eigenes Mikroklima unter dem Baum

Knapp 15 Meter neben seinem Lieblingsbaum steht eine Buche, die noch prächtig aussieht. Die Äste und Blätter der riesigen Krone bilden ein weites Dach, das kühlen Schatten spendet. Das ist selbst an diesem sonnigen Herbsttag zu spüren. Wer eine Weile unter der Buche steht, steckt die Hände in die Taschen. Es ist ein wenig klamm. Dieser Baum erzeugt ein eigenes Mikroklima. Aber auch dieser Baum hat Probleme. „Da auch 2022 ein Dürrejahr war, sind die Blätter etwas kleiner als sonst“, sagt Franusch. „Aber der Baum ist vital.“

Franusch schaut von der prachtvollen Buche zu „seiner“ Buche. Auch sein Lieblingsbaum war früher kerngesund. „Sonst hätte er sich nicht durchgesetzt und hier fast 200 Jahre wachsen können“, sagt er. Nun sind in der Krone nur noch ein paar dicke Hauptäste übrig. Er zeigt auf einen, der völlig kahl ist. Wind und Wetter haben dafür gesorgt, dass alle toten kleinen Äste längst abgebrochen sind.

Am Ast daneben sind noch viele Mini-Äste dran, aber keine Blätter. Das sei der Beweis, dass der Ast im vergangenen Jahr noch gelebt hat. „Der Ast ist einfach vertrocknet. Da sind noch einige gescheiterte Knospen dran. Der Ast ist dieses Jahr einfach nicht mehr grün geworden, obwohl er wollte und sollte.“

Marc Franusch auf einem alten umgefallenen Baum. In den Wäldern von West-Berlin wird Totholz bereits seit den 70er-Jahren meist liegen gelassen. Dort siedeln sich dann viele Käfer und Mikroorganismen an.
Marc Franusch auf einem alten umgefallenen Baum. In den Wäldern von West-Berlin wird Totholz bereits seit den 70er-Jahren meist liegen gelassen. Dort siedeln sich dann viele Käfer und Mikroorganismen an.Volkmar Otto

Wieder ein toter Ast mehr. Wieder ein Punkt mehr auf der Minusliste. Franusch zeigt auf Risse in der Rinde. Sie reißt nur dann, wenn der Baum nicht mehr widerstandsfähig genug ist. Dort setzen sich Pilze fest und schwächen den Baum weiter. Er zeigt auf eine schwarze Stelle am Stamm. „Das ist Schleimfluss, damit versucht der Baum, sich gegen einen Schaden zu wehren – etwa durch einen Pilz – und Schlimmeres zu verhindern.“

Wird sein Lieblingbaum wieder grün?

Zwei Männer müssen ihre Arme ausstrecken, um den Baum zu umfassen. „Dieser mächtige Stamm passt so gar nicht zu dieser mickrigen Krone“, sagt Franusch. Der Wind weht einige gelbe Blätter herunter.  Wird Franuschs Lieblingsbaum im Frühjahr wieder grün?

Der Förster kennt den Baum lange. „Der rasante Abwärtstrend ist ein Prozess der vergangenen fünf Jahre.“ Der Förster schaut in die Krone. „Ich orakele jetzt mal. Unabhängig davon, ob es demnächst wieder mehr Regen geben wird oder nicht: Der Absterbeprozess wird weitergehen. Vielleicht wird der Baum in drei oder vier Jahren im Frühling nicht mehr grün.“

Plötzlich wird es lauter, Kinder ziehen den Weg entlang. Eine Wald-Kita. Es ist schön hier. Gerade bei dieser Farbenpracht. Doch die Schäden sind überall zu sehen. Selbst bei den Kiefern auf der anderen Seite des Weges. Franusch erzählt, dass auch Nadelbäume leiden. Auch sie verlieren jedes Jahr Nadeln. Im Frühling wächst ein neuer Jahrgang Nadeln nach und später wird ein alter Jahrgang abgeworfen. „Das wissen viele gar nicht“, sagt er. Früher hatten Nadelbäume bis zu sieben Jahrgänge Nadeln. „Vitale Kiefern hatten in unserer Region noch vor wenigen Jahrzehnten meist fünf Jahrgänge. Nun liegt der Durchschnitt bei zwei, maximal drei Jahrgängen.“

Franusch schaut zu seiner Buche. „Es ist das große weltweite Dilemma der Wälder: Einerseits sind sie so elementar wichtig, um dem Klimawandel zu begegnen, gleichzeitig gehören sie zu den Hauptleidtragenden.“ Denn Wälder können auch nicht gegossen werden, so wie Beete oder zur Not auch Felder. Unklar sei, wie es mit dem Klimawandel weitergehe. Klar sei nur, dass es in dieser Region noch nie fünf Dürrejahre in Folge gab. „Ein Wald ist ein System, das nur sehr langsam reagiert, doch beim Klimawandel sind derzeit galoppierende Veränderungen im Gange, die wir nur abschwächen können, wenn wir den Klimaschutz wirklich sehr ernst nehmen“, sagt er. Der Wald werde nicht verschwinden. „Aber wir müssen ihm die Chance geben, sich anzupassen.“

Die ganz kahlen Äste in der Krone sind schon länger tot. Doch die Äste mit den vielen Mini-Zweigen wollten in diesem Frühjahr noch austreiben – eigentlich. Dann sind sie vertrocknet.
Die ganz kahlen Äste in der Krone sind schon länger tot. Doch die Äste mit den vielen Mini-Zweigen wollten in diesem Frühjahr noch austreiben – eigentlich. Dann sind sie vertrocknet.Volkmar Otto

Die Förster setzen längst nicht mehr darauf, massenhaft neue Bäume zu pflanzen. Das ist teuer, arbeitsintensiv und oft auch sinnlos, weil die Sprösslinge aus den Baumschulen nicht immer perfekt zu jedem Standort passen und inzwischen oft vertrocknen. Die große Hoffnung ist nun die „Naturverjüngung“ – damit sind jene Sprösslinge gemeint, die sich von ganz allein in einem bestimmten Waldstück ansiedeln und sich durchkämpfen. Das Motto lautet: Die Natur kann es besser als der Mensch.

Und bei all dem muss die Forstwirtschaft darüber nachdenken, was die Gesellschaft der Zukunft in mehr als hundert Jahren vom Wald erwarten könnte: Soll er vor allem Holz liefern? Welche Rolle soll er als Klimaretter spielen, der massenhaft Kohlendioxid bindet und Sauerstoff produziert? Soll er ein aufgeräumtes Erholungsgebiet sein oder ein naturnaher Wald mit viel Totholz für Insekten, für Mikroorganismen, für die Artenvielfalt. Soll es dort viele Moore geben, die viel Wasser speichern?

Marc Franusch geht zu seinem Baum. Unterwegs zeigt er auf einen kleinen, schönen Maronenpilz. Der ist im bunten Laub so perfekt getarnt, dass ihn wohl nur geübte Försteraugen entdecken. An der Buche legt Franusch eine Hand an den Stamm. „Er bleibt mein Lieblingsbaum“, sagt er. Trotz der Veränderungen oder gerade wegen ihnen. „All das gehört zum Leben und zum Wandel im Wald.“