Brandenburg ist inzwischen das Wolfsland Nummer eins, denn dort leben 21 der bundesweit 46 Rudel. Doch wie mit dem streng geschützten Tier künftig umgegangen werden soll, ist eines der großen Streitthemen im Land.

Am Mittwoch trafen sich Freunde und Gegner des Wolfes in Potsdam zum 4. Brandenburger Wolfsplenum. Ihr Ziel: Die Landesregierung will ihren Wolfsmanagementplan aktualisieren. Der gilt seit 2012 und legt fest, wie mit den Tieren im Land umgegangen werden soll. Umweltstaatssekretärin Carolin Schilde betonte am Mittwoch noch einmal die bisherige Linie, dass Problemwölfe „notfalls geschossen werden dürfen“.

Das streng geschützte Tier werde aber nicht grundsätzlich zum Abschuss freigegeben. Genau das hatte Reinhard Jung vom Bauernbund kürzlich in dieser Zeitung gefordert. Nun spricht Axel Kruschat vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) darüber, warum der Wolf weiterhin geschützt werden soll, warum die Gegner die Hysterie schüren und wie Naturschützer mit Problemwölfen umgehen wollen.

Herr Kruschat, der Wolf ist streng geschützt – noch jedenfalls. Seine Gegner machen seit vielen Monaten massiv mobil, damit dieses Raubtier geschossen werden darf. Kürzlich hat Bundesumweltministerin Barbara Hendricks klargestellt, dass sie den Schutzstatus nicht aufweichen will – vorerst jedenfalls. Und auch das Potsdamer Agrarministerium hat sich beim Wolfsplenum zum Schutz des Wolfs bekannt. Was sagen Sie als Tierschützer dazu?

Es ist ja so, dass ein Problemwolf schon jetzt „entnommen“, also geschossen werden kann. Die Klarstellung der Ministerin zum Schutzstatus ist wichtig in dieser hitzigen Debatte. Es geht vor allem darum, dass die Wolfspopulation trotz einer guten Perspektive immer noch nicht in einem sogenannten günstigen Erhaltungszustand ist, also weiterhin geschützt werden muss. Dieser Erhaltungszustand wird wissenschaftlich und nicht politisch ermittelt.

Welche Beschimpfungen hören Naturschützer derzeit in der hochemotionalisierten Wolfsdebatte?

„Öko-Pegida“ zum Beispiel. Diesen Begriff hat der Landrat des Kreises Märkisch-Oderland benutzt, mit dessen Behörde wir beim Bibermanagment pragmatische Lösungen suchen. Es ist befremdlich, wenn Leute, mit denen man sonst zusammenarbeitet, uns plötzlich mit Extremisten gleichsetzen.

Ist der Ton härter geworden?

Ja. Neu ist aber vor allem, dass sich auch Verbandsvertreter nicht mehr um Fakten kümmern. Da werden Dinge behauptet, die falsch sind. Oder es wird total übertrieben.

Ein Beispiel?

Störche folgten früher oft den Traktoren, um Futter im frisch gepflügten Feld zu finden. Heute wird behauptet, dass nun die Wölfe hinter Traktoren herlaufen. Das kann im Einzelfall vorgekommen sein. Aber zu suggerieren, das wäre jetzt immer so, ist eine Übertreibung, mit der einfach nur Stimmung gemacht werden soll.

Wie gefährlich sind Wölfe?

Wölfe sind Raubtiere und können gefährlich werden. Aber die Begegnung mit dem Wolf ist sehr selten. Im Internet wird mit Todesfällen operiert und dabei aber die Hintergründe völlig außer Acht gelassen, beispielsweise dass Menschen auch Wölfe anfüttern. Die Arbeiten von Elli Radinger sind dazu sehr interessant. Es ist wahrscheinlicher von einem Wildschwein oder einem Hund angegriffen zu werden. Es ist sogar wahrscheinlicher Opfer eines Jagdunfalls zu werden.

Warum dann all die Vorwürfe gegen den Wolf?

Mit der Angst vor dem Wolf soll Front gegen den Naturschutz gemacht werden. Viele Landnutzer sehen im Naturschutz nur ein Hemmnis für ihre Verwertungsinteressen.

Was wurden falsch gemacht in Brandenburg – das sich schon vor Jahren als Wolfserwartungsland einstufte?

Der Wolfsmanagementplan der Landesregierung wurde 2012 verabschiedet. Auch der Bauernverband hat zugestimmt. Aber weder Regierung noch Bauernverband haben die Sache ernst genommen. Es wurde nicht deutlich genug gemacht, dass Landwirte wolfssichere Zäune aufstellen müssen. Viele Maßnahmen, die damals beschlossen wurden, werden jetzt erst umgesetzt. Das Wolfsinformationszentrum und die Wolfsbeauftragten kommen erst jetzt. Das Verfahren für die Förderung der Präventionsmaßnahmen war zu kompliziert und ist erst jetzt vereinfacht worden. Die Entschädigung für die Risse ist offensichtlich immer noch nicht einfach genug.

Der Wolf ist spätestens seit Rotkäppchen das personifizierte Böse im Wald und wurde gnadenlos gejagt. Das letzte deutsche Exemplar wurde 1904 in der Lausitz erschossen. Dann kam er in den 90er-Jahren aus Polen wieder nach Sachsen und Brandenburg. Warum ist er so wichtig?

Der Wolf ist eine Facette unseres Ökosystems – und je facettenreicher ein Ökosystem, desto stabiler ist es. Wer die Natur wieder herstellen will, muss damit leben, dass es auch Raubtiere gibt. Wir sollten nicht aufrechnen: Was nutzt uns die Stockente, der Schwan, der Fischotter, der Wolf? Wer will das festlegen? Wir wissen doch meist gar nicht so hundertprozentig, welche Funktion welches Tier oder welche Pflanze im Ökosystem hat.

Was erwidern Sie Wortführern der Wolfsgegner, die sagen, dass die Wölfe immer mehr Weidetiere holen – also ausgerechnet jene Tiere, die am besten gehalten werden?

Bei den Rindern wurden 2016 in Brandenburg 26 Kälber gerissen. In solchen Fällen gibt es Entschädigungen. Die Zahl ist weitaus geringer als die Totgeburten, denn bei der Rinderhaltung insgesamt gab es etwa 4500 Totgeburten und etwa 6000 starben in den ersten Wochen. Natürlich ist speziell die Weidetierhaltung in einer prekären wirtschaftlichen Situation, und der Aufwand für den Schutz vor Wölfen kostet zusätzlich. Aber die Bejagung des Wolfs würde die Bauern nicht retten. Weidetierhalter halten ihre Tiere weitgehend artgerecht und erhalten damit das Grünland. Dieser wichtige Beitrag für den Landschaftsschutz sollte deutlich besser honoriert werden.

Inzwischen werden Obergrenzen für Wölfe gefordert, weil sie viele Nutztiere fressen, auch Umwelt- und Agrarminister Vogelsänger spricht davon, dass die Kosten aus dem Ruder laufen – für Entschädigungen für gerissene Tiere sowie für den Schutz der Weiden. Ist das falsch?

Es ist absurd: 2016 ging es um 45.000 Euro für Entschädigungen und 211.000 Euro für die Prävention, also Zäune. Das ist nichts zu den Millionen, die in die Förderung der Landwirtschaft fließen. Es ist nicht nachvollziehbar, warum der Minister daraus einen Notstand konstruiert. Es gibt ein Gesetz zur Förderung des Baus von Stallanlagen, und da ist es rätselhaft, warum der Stallbau gefördert wird, aber nicht der Bau von sicheren Weidezäunen.

Nur 14 der 147 Wölfe, die bundesweit seit dem Jahr 2000 tot gefunden wurden, sind eines natürlichen Todes gestorben. Die anderen starben bei Verkehrsunfällen oder wurden illegal geschossen – eine Straftat …

Illegale Abschüsse werden das Problem eher verschärfen. Wölfe leben meist in Familienverbänden, in denen die Eltern den Jungtieren das Jagen beibringen. Wenn bei illegalen Abschüssen ein Elterntier getötet wird, können die Jungtiere ihre Jagdausbildung quasi nicht abschließen und suchen sich dann die einfachste Beute, die sie finden können: also Weidetiere.

Wie ist es mit „Problemwölfen“?

Gefahrenabwehr muss sein. Aber schon jetzt kann man gegen Problemwölfe vorgehen, die aggressiv sind, die an der Weide alle Sicherungsmaßnahmen überwinden oder sich nicht vertreiben lassen.

Haben Sie mal Wölfe gesehen?

Im Gehege schon. In freier Wildbahn noch nie, obwohl ich seit dem zwölften Lebensjahr im Naturschutz aktiv und sehr oft in der Natur unterwegs bin. Eigentlich sieht und der Wolf zuerst und versteckt sich.