Linum - In dieser Woche ist gewaltiges passiert auf den weiten Feldern rings um das Storchendorf Linum. Dort im Rhinluch, einem uralten Moorgebiet, ist nämlich der lange erwartete Besuch eingetroffen.

Das Gebiet ist das wichtigste deutsche Rastgebiet für Kraniche – jedenfalls im Binnenland. Vergangene Woche wurden noch 40.000 Kraniche gezählt, die von Skandinavien, Russland und dem Baltikum kommend, dort eine Weile rasten und sich vollfressen, bevor sie in ihre Überwinterungsgebiete weiterfliegen. In dieser Woche schnellte ihre Zahl sprunghaft nach oben.

„Nun sind es etwa 70.000 Kraniche“, sagt Norbert Schneeweiß, Chef der Naturschutzstation Rhinluch. „Dazu kommen noch mal ähnlich viele Gänse.“ Die Massenankunft der Zugvögel lag vor allem daran, dass es warm war und dass Ostwind herrschte, den die Zugvögel nutzten, um Kraft beim Fliegen zu sparen.

Kraniche drei Wochen früher im Süden als sonst

Damit dürfte nun der Höhepunkt der diesjährigen Kranichsaison erreicht sein. Denn gleichzeitig mit der Ankunft der neuen Artgenossen sind auch massenhaft Kraniche von Linum aus weiter Richtung Frankreich und Spanien geflogen, wo sie überwintern. „In Spanien sind inzwischen die ersten Kraniche eingetroffen“, sagt Schneeweiß. „Drei Wochen früher als üblich.“

Dieser Herbst ist für die Zugvögel richtig hart. Denn die Hitze, die besonders im Nordosten Deutschlands herrscht, sorgt dafür, dass die meisten Rastplätze viel zu trocken sind. Die äußerst scheuen Kraniche benötigen für ihren Zwischenstopp zwei Bedingungen: Stoppelfelder, auf denen sie etwas zu fressen finden, sowie Feuchtwiesen, auf denen sie nachts im knietiefen Wasser stehen und übernachten können. Beides ist derzeit Mangelware.

Weniger feuchte Schlafwiesen für Kraniche

Denn wegen der Dürre fiel die Maisernte sehr oft aus und die Experten schätzen, dass auch rings um Linum bereits die Hälfte der Felder längst wieder umgepflügt und die Vögel deshalb weniger zu fressen finden. „Das würde auch erklären, warum sich so viele von ihnen schon jetzt auf den Weg nach Süden machen“, sagt Schneeweiß.

Das andere Problem ist, dass die Vögel wegen der Trockenheit seit April auch in den Schutzgebieten rings um Linum dieses Mal viel weniger feuchte Schlafwiesen haben. Glücklicherweise gibt es dort alte Fischteiche, die nicht mehr betrieben werden und aus denen im Herbst nicht mehr das Wasser abgelassen wird. Jetzt finden die Vögel dort einen Platz. Auch gelang es, in einem strengen Wassermanagement Wasser für die Feuchtwiesen abzuzweigen. „Dadurch ist der Wasserspiegel in den Seen nur ganz gering gefallen“, sagt Schneeweiß.

Nach Hitze-Sommer: Jeder will Wasser

In diesem Jahr ist Wasser besonders begehrt, die Natur dürstet danach, die Landwirtschaft, der Wassertourismus. Die Naturschützer sind natürlich froh, dass sie auch etwas abgekommen. „Man muss die Bauern, die Wasserämter und den Landkreis wirklich loben, dass es auch in einem solchen Dürrejahr gelingt, diesen Rastplatz für die Zugvögel herzurichten“, sagt Schneeweiß. „Das ist eine besondere Leistung unserer Gesellschaft für die Natur. Denn es ist weit und breit die einzige größere feuchte Gegend für Vögel.“

Die beachtlichen Wasserprobleme sieht auch Thomas Frey vom Landesamt für Umwelt. Inzwischen führten fast alle Gewässer Niedrigwasser, sagt er. „Niedrigwasserstände über einen solch extrem lange Zeitraum sind selten. Sie zu managen, ist die größte wasserwirtschaftliche Gemeinschaftsaufgabe seit dem Rekordsommer 2003 in Brandenburg.“ Der Deutsche Wetterdienst melde ein sehr hohes Niederschlagsdefizit von April bis August des Jahres. Es sei der längste Sommer der jüngeren Vergangenheit. „Allen beteiligten Partnern geht jetzt zwar nicht die Luft aus“, sagt Frey, „aber das Wasser schon.“

Äußerste Ruhe bitte!

Der grundsätzliche Vorteil rings um Linum ist, dass dort wegen des morastigen Untergrunds kaum Straßen gebaut wurden. Deshalb ist es für mitteleuropäische Verhältnisse extrem ruhig – das ist wichtig für Vögel wie die Kraniche, die bei jedem lauten Geräusch sofort auffliegen, unnötig Energie verbrauchen und noch mehr zu Fressen benötigen.

Dies sollten auch die Kranich-Fans an diesem Wochenende beachten, wenn sie wieder zum großen Spektakel nach Linum fahren, um die majestätischen Vögel im Sonnenuntergang zu beobachten, wenn sie von den Fressplätzen zu den Schlafwiesen fliegen. Alle Besucher sollen sich an einige Grundregeln halten: Die Tiere sollen nur von den Straßenrändern aus beobachtet werden. Niemand sollte mit Auto oder gar Motorrad zu den Schlafplätzen fahren. Jeder sollte mindestens 300 Meter Abstand von Vögeln am Boden halten. Auf keinen Fall Autotüren knallen, weil das die Vögel unnötig aufscheucht. Niemand sollte sich den Vögeln mit Hunden nähern oder die Tiere mit Blitzlicht fotografieren.

Lesung: Am Freitag 18.30 Uhr liest der Autor und namhafte Tierfotograf Carsten Linde in der Fotoausstellung aus seinem Kranichbuch. Ort: Naturschutzstation gegenüber der Kirche. Eintritt frei.