Hermann Weiß wohnt in Berlin, in der Nähe des Bahnhofs Gesundbrunnen. Er ist gebürtiger Regensburger, er mag die Natur. Paddeln beispielsweise. Das kann man im Umland von Berlin auch sehr gut machen. Nur ein Auto hat Weiß nicht. „Wie und wie schnell komme ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von zu Hause direkt ins Paddelparadies“, das hat er sich irgendwann gefragt.

Er schaute im Netz nach: Fürstenberg an der Havel entdeckte er als bequem erreichbares Ziel. Am Bahnhof Gesundbrunnen ging es los. Nicht einmal umsteigen musste er, von der Regionalexpress-Station nur ein paar hundert Meter zu Fuß zum Paddelverleih laufen. 60 Minuten später war er da, wo er sein wollte, am Paddelverleih direkt in der Natur, weit weg vom Stadtstress.

Schnell und bequem

Vor sieben Jahren hatte Weiß diese Strecke ins Grüne entdeckt, die ihn zu der Erkenntnis führte: „Ich brauch’ in Berlin kein Auto, um zum Paddeln zu kommen.“ Und auch vieles andere können die Berliner ohne eigenen Wagen erledigen. Schließlich besitzen „41 Prozent der Haushalte besitzen überhaupt kein Auto“, sagt Weiß. Und diese Zahl würde stetig weiter zunehmen."

Die Folge der Weiß’schen Erkenntnis ist naturtrip.org, eine Seite, die genau dieses Wissen auf Knopfdruck bereitstellt, auf der man Ausflüge und Urlaub ohne Auto planen kann – und zwar so leicht wie möglich: Einfach eingeben, wo man sich befindet, und dann mit den Öffentlichen dort hingeleitet werden, wonach einem der Sinn steht: in die Therme, an den See, im Wald wandern, Ziegen melken auf dem Bauernhof.

Es werden nur solche Freizeit-Tipps angezeigt, die mit Bahn oder Bus gut zu erreichen sind. Alle Tipps sind in der Nähe eines Bahnhofs oder einer Bushaltestelle. Laut Weiß erreicht man 77 Prozent der interessanten Reiseziele in Brandenburg von Berlin aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln schneller als mit dem eigenen Auto.

Bei der Entwicklung des Internet-Portals fiel Hermann Weiß ein Umstand praktisch in den Schoß: Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg hat als erster Verkehrsverbund in Deutschland die Fahrplandaten für Entwickler freigegeben. Aus diesen Datenmengen kann minuziös und aktuell die schnellste und bequemste Verbindung ausgerechnet werden. Die Software hinter naturtrip.org macht bis zu 18 Millionen Abfragen pro Sekunde von Rohdaten aller Züge, Busse, S- und U-Bahnen.

Lange Zeit hatte Weiß am Aufbau der Webseite, die den Menschen raus aus der Stadt hilft, nebenbei gearbeitet. Dann, wenn es andere Jobs als Werbetexter bei großen Agenturen oder auch im Wahlkampfteam von Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg zuließen.

Seit etwa einem Jahr macht Hermann Weiß nichts anderes mehr, die Seite naturtrip.org nimmt ihn, die Mitbegründerin Judith Kammerer und drei weitere Angestellte Vollzeit in Anspruch. Möglich geworden ist dies, weil das junge Team unterstützt wird, und zwar einmal im Rahmen der Nationalen Klimaschutz-Initiative vom Bundesumweltministerium. Und zusätzlich von der Deutschen Bahn, die dem Team Mentoren und mietfreie Büroplätze in den S-Bahnbögen der Jannowitzbrücke bereitstellt, in dem auch weitere vom Konzern unterstützte Start-ups ein temporäres Zuhause gefunden haben.

Dadurch hätten sie Planungssicherheit und könnten Ideen entwickeln, um irgendwann selbst auf eigenen Beinen stehen zu können, sagt Weiß. Der 44-Jährige ist sehr zuversichtlich, dass das, was naturtrip.org leisten kann noch viele andere überzeugen wird. Inzwischen haben sich verschiedene Interessenten gefunden, die mit Naturtrip zusammenarbeiten würden, etwa das Land Niedersachsen oder auch die Region Sächsische Schweiz.

Weitere Vermarktungsmodelle

Das naturtrip.org-Team denkt zurzeit über kostenpflichtige Premiumprofile für touristische Betriebe nach. Aktuell können kommerzielle Anbieter wie Hotels oder Restaurants, Paddelvermietungen oder Fahrradverleihstationen ihre Basisinformationen kostenlos in die Karte eintragen.

Aber auch unter den Berlinern werden sich noch viele finden, die die Seite, die ab dem 7. Juli auch auf der Mobilversion in einer neuen Version zur Verfügung steht, schätzen werden, ist Weiß überzeugt. „Mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein, ist nämlich oftmals bequemer, als man so denkt“, sagt er. Beispielsweise könne man ein Bierchen trinken, wenn man möchte. Man müsse sich nicht mit der Parkplatzsuche beschäftigen und vor allen Dingen: „Man schont die Umwelt. Das ist unsere Leitidee.“