Er war ein kaltblütiger Mörder: Heinrich Müller, Chef der Geheimen Staatspolizei und Reichskriminaldirektor der Nazis, war an Planung und Exekution des Holocaust maßgeblich beteiligt. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges verlor sich seine Spur im braunen Untergrund. Jetzt sorgt der Historiker Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, für eine Sensation: Der berüchtigte „Gestapo Müller“ liegt nach seinen Recherchen in einem Massengrab auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Mitte - dort, wo einst die Vorfahren seiner Opfer ruhten.

Jahrzehntelang hatten sich Justiz und Geheimdienste festgebissen. Mal wurde Müller in Karlsbad in Tschechien vermutet, dann in Albanien als Polizeichef, später in Panama und Argentinien, wohin sich sein Untergebener Adolf Eichmann verkrochen hatte. Beim „Nazi-Jäger“ Simon Wiesenthal stand er ganz oben auf der Liste. Noch bis Anfang der 90er Jahre hoffte das Wiesenthal-Zentrum ihn zu finden - vergeblich.

Auch die Vermutung, Müller habe sich wie andere Nazi-Täter einem Geheimdienst angedient, konnten nie nachgewiesen werden. Die CIA ließ eigens einen Untersuchungsbericht anfertigen, um klarzustellen, dass kein US-Dienst je Kontakt zu dem Gestapo-Mann hatte.

Nach Tuchels Erkenntnissen überlebte Müller das Ende des Krieges am 8. Mai 1945 nicht. Der Historiker verweist auf Aussagen Müllers, der nach Hitlers Selbstmord am 30. April seine aussichtslose Lage erkannt habe. In der Nacht zum 2. Mai soll er Vertrauten seinen Selbstmord angekündigt haben. Müller, der als Pilot im Ersten Weltkrieg mehrfach ausgezeichnet und 1933 Polizeichef in Bayern wurde, war gerade 45 Jahre alt geworden.

Der Wissenschaftler stützt sich auf Archivfunde und Aussagen eines Totengräbers, der den Gestapo-Chef identifizierte und im August 1945 zusammen mit anderen Leichen auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Mitte anonym beerdigte. Doch die Hinweise des Mannes wurden vernachlässigt. „Es ist unverständlich, dass der Totengräber nur einmal von der Polizei vernommen wurde“, sagt Tuchel.

Auch später hätte man es besser wissen können: In den 50er Jahren versicherte Walter Lüders, einst Mitglied in Hitlers letztem Aufgebot, dem „Volkstrum“, dass er die Leiche von „Gestapo Müller“ Leiche im Garten der Reichskanzlei gesehen habe. 1955 erhielt die sogenannte „Wehrmachtauskunftsstelle“ von der Ost-Berliner Verwaltung die Information, Müller liege auf dem jüdischen Friedhof.

Nach Tuchels Recherchen wurde Müllers Leiche im August 1945 in einem provisorischen Grab in der Nähe des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums von einem Beerdigungskommando gefunden. Historischen Dokumenten zufolge wurde der NS-Verbrecher damals eindeutig identifiziert. Müllers Leiche habe eine Generalsuniform getragen. In der inneren, linken Brusttasche steckte unter anderem sein Dienstausweis mit einem Foto.

Wie mehr als 2500 andere Leichen, wurde wohl auch Müller aus den Kriegsruinen geborgen und auf den Friedhof in der Großen Hamburger Straße gebracht. 1942 hatte die Gestapo den Friedhof beschlagnahmt und ein Sammellager für die 55 000 Juden eingerichtet, die von Berlin aus in die deutschen Konzentrationslager Auschwitz und Theresienstadt deportiert wurden. Ein Jahr später zerstörte die Gestapo das Gelände, auf dem unter anderem der Aufklärer Moses Mendelssohn (1729-1786) und sein Lehrer David Hirschel Fraenkel (1707-1762) ruhten.

Ob sich je die Überreste von Müller nachweisen lassen, ist offen. Ein bitterer Beigeschmack bleibt. Für Dieter Graumann, Präsident des Zentralrates der Juden, sind Tuchels Erkenntnisse „eine geschmacklose Ungeheuerlichkeit“. (dpa)