Berlin - Krakrakrah, Arr-Arr, Ärr-Ärr-Käär. Ra-rar-ra, Kr-Kr-Kr, Tschark, Krchzzz. Singen ist was anderes. Ihr Geschrei erinnert eher an das metallische Schnarren eines Motors mit Kolbenfresser.

Trotzdem gelten Krähen als Singvögel. Sie fallen somit unter das Europäische Vogelschutzgesetz. Das verbietet seit 1979, dass man sie jagt, vertreibt oder abschießt. Das hindert viele Berliner nicht daran, genau das zu fordern. Fast täglich gehen beim Naturschutzverband Berlin (Nabu) Anrufe von Bewohnern ein, die am liebsten alle Krähen abknallen lassen würden.

Über 40 Arten zählen zu den Krähenvögeln, Elstern, Raben, Dohlen und Eichelhäher gehören zur Großfamilie. Während westlich der Elbe die schwarzen Rabenkrähen leben, haben sich östlich, auch in Berlin, die Nebelkrähen angesiedelt. Die Schwärme, die im Winter den Himmel als schwarze Girlanden verzieren, sind Saatkrähen aus Nord-und Osteuropa, die hier überwintern.

„Ich fresse Kaninchen“

Seit die Rieselfelder am Stadtrand mit ihren nistfreundlichen Wällen und Hecken beseitigt wurden, zogen die Vögel in die Stadt. Laut Nabu beträgt der Brutbestand der Elstern 4300, die Nebelkrähe bringt es auf 4500 Reviere. Das entspricht nur den brütenden Paaren, die ein Revier um ihr Nest herum verteidigen. Nicht dazu gezählt sind da die ganzen pubertär herumkrakeelenden Jungvögel. Bis sie drei Jahre alt sind, ziehen und lungern diese Halbstarken nämlich freiflottierend oder in Schwärmen herum.

„Also gut, ja: Ich fresse Kaninchenjunge, plündere Nester, schlucke Müll, trotze dem Tod, verhöhne verhungernde Obdachlose“, spricht die Krähe in Max Porters Novelle „Trauer ist das Ding mit Federn“. Aber dass Krähenvögel, wie bei Hitchcock, wirklich Passanten anfallen, passiert sehr selten – wenn, dann höchstens im Mai und Juni, wenn es den Nachwuchs zu schützen gilt.

Aber höchst verspielte Schlitzohren sind Krähen schon. Im Frühjahr machte ein ortsspezifischer Krähenvandalismus von sich reden: Im Glasdach des Hauptbahnhofs pulten sie die glitzernden Schrauben aus den Silikonfugen – und ließen sie von so hoch runter plumpsen, dass die Scheiben zerdepperten. Bekannt ist, das Krähen klug genug sind, Nüsse zu knacken, indem sie sie aus der richtigen Höhe auf die Straße fallen lassen. Sie legen sie auch an Ampeln vor haltende Autos, um sie geknackt bei Rot abzuholen.

Aus Tokio, wo die Menschen ihren enger werdenden Lebensraum auch ungern mit dreisten Krähen teilen, wird berichtet, wie die Krähen ihre Nester mit Kabelbindern und Gummis von Scheibenwischern befestigen und zur Stabilisierung gebogene Drahtkleiderbügel nutzen, die sie von Balkonen klauen. Weil sie ihre Nester dort mangels Bäumen auf Elektromasten bauen, was zu Kurzschlüssen führt, gibt es in Tokio eine Einsatztruppe zur Krähennestentsorgung.

Aber wo sind sie überhaupt? In meiner Pankower Gartenkolonie halten ein paar zeternde Elsternfamilien die Stellung. Am S-Bahnhof Ostkreuz sehe ich gerade mal drei in aristokratischem Missmut herumstolzieren. Und wo sind die ganzen Tauben? Seit vier Jahren versucht man in Berlin, der Taubenplage Herr zu werden, indem man die Tiere in Taubenschläge lockt.

Dort werden sie artgerecht füttert und ihr ätzender Kot entsorgt. Dann werden den Brütenden Gipseier untergeschoben. Quasi Kost und Logis mit Geburtenkontrolle. Weil die Tauben sich zwar bei den betreuten Unterkünften gern umsonst sattfressen, dann aber woanders umso mehr Nachwuchs brüten, gilt das Augsburger Modell, benannt nach dem Ort der Erfindung, nicht mehr als der Bringer. Es sei nur „mittelfristig zielführend“, mussten die Befürworter einräumen.

Der Abbau des Taubenschlags auf dem Dach des Renzo-Piano-Gebäudes am Potsdamer Platz geht allerdings nicht auf ein Scheitern des Konzepts zurück. Der neue Immobilieninvestor will dort lieber eine Dachterrasse für solvente Menschen haben. Schlimm für die standorttreuen Tauben, die so kurz vor dem Winter kein neues Zuhause finden, aber auch verständlich.

Grund für die immer mal wieder schrumpfende Taubenbevölkerung sind Krankheiten. Auch die Amseln soll ein Virus erwischt haben, das von Stechmücken übertragen wird. Von einer Krähenseuche ist noch nichts bekannt.

Sie lachen sogar

Neben Fuchs und Habicht ist der Hauptfeind des Krähenvogels der Mensch. Während die Wikinger, die alten Griechen, die sibirischen Schamanen und nordamerikanischen Indianer die Raben und Krähenvögel für ihre Weisheit oder als Götterboten und Glücksbringer ehrten, ist sie bei uns immer noch der todbringende Galgenvogel.

Vielleicht ist sie uns so unheimlich, weil sie uns so nahe ist? Wie wir ist sie ein Allesfresser und ein zutiefst soziales Wesen mit Familiensinn und lebenslänglichen monogamen Partnerschaften. Wie wir kann sie flüstern, keckern und schimpfen, wie wir liest sie lernbegierig, technisch begabt und verspielt. Oder wie es der Berliner Krähenspezialist Jens Scharon vom Nabu ausdrückt: „So eine Krähe muss auch irgendwie den Tag verbringen“

Lachen können die lustigen Vögel übrigens auch: Klong klong klong.