Sie sind klein, und sie sind gefährlich. Feinstaubpartikel schweben in der Luft. Werden zu viele eingeatmet, steigt das Risiko, an Herz, Kreislauf und Atemwegen zu erkranken. Seit vielen Jahren trägt das Umweltbundesamt Messergebnisse aus den deutschen Städten zusammen. In dieser Statistik hat es Berlin nun erstmals an die Spitze geschafft und einen Negativrekord erzielt.

In keiner anderen Stadt in Deutschland ist der zulässige Tagesmittelwert für Feinstaub 2018 bislang so oft überschritten worden wie in Berlin. Die Hauptstadt hat Stuttgart, sonst stets auf Platz 1, von der Spitze verdrängt. Das ist allerdings keineswegs nur ein hausgemachtes Problem – denn Osteuropa verhagelt Berlin die Bilanz.

Wenn Kraft- und Brennstoffe verbrannt werden, Autos bremsen oder Reifen über rauen Asphalt rollen, gelangt Feinstaub in die Luft. Baumaschinen und Zigaretten belasten die Umwelt ebenfalls damit. Die Partikel können auch natürliche Ursachen haben, aus Meeresgischt und von staubigen Äckern stammen – oder Silvester beim Böllern frei werden.

Verhältnisse haben sich verschoben

Die Vorgabe der Europäischen Union ist strikt: In einem Kubikmeter Luft dürfen im Tagesdurchschnitt höchstens 50 Millionstel Gramm Feinstaub schweben. Dieser Mittelwert ist an der Messstelle in der Neuköllner Silbersteinstraße seit Anfang Januar an 22 Tagen überschritten worden.

Mit 21 Tagen kam Gelsenkirchen auf den zweiten Platz, gefolgt von der Messstelle Am Neckartor in Stuttgart, für die bis Ende April 20 Überschreitungstage vermerkt worden sind. Diese Zahl sei weiterhin aktuell, sagte Jana Steinbeck von der Stadtverwaltung Stuttgart am Freitag. Die Daten für die darauffolgenden Tage ließen keine weitere Überschreitung erkennen.

Warum ist Berlin plötzlich Feinstaub-Hauptstadt? „Nicht an der Berliner Station hat sich etwas geändert, sondern an anderen, im Westen oder Süden der Republik gelegenen Messstellen“, erklärte Matthias Tang, Sprecher der Umweltsenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne).

Es könnte auch so formuliert werden: Die Verhältnisse haben sich verschoben. Stuttgart und andere Städte schneiden besser ab als in vergangenen Jahren, und das lässt Berlin besonders schmutzig aussehen.

Partikel aus dem Osten

Wobei die Verantwortung für den Negativrekord nicht in Berlin liege: „Der Effekt beruht auf dem Einfluss des Ferntransports“, so Tang. Dass der zulässige Wert oft überschritten worden sei, gehe auf „Wind aus östlichen Richtungen vor allem im Januar und Februar 2018“ zurück.

Dabei werden „Luftmassen in den Nordosten Deutschlands transportiert, die relativ stark mit Partikeln vorbelastet worden sind“, erläuterte der Sprecher. „Dann kommt es mindestens an den Straßenstationen, teilweise aber auch an allen Messstationen zu Überschreitungen des Grenzwertes, obwohl der Beitrag aus Berliner Quellen gering ist.“

Dass Luftströmungen Feinstaub aus polnischen, zum Teil auch aus tschechischen Kraftwerks- und Fabrikschloten nach Berlin tragen, ist kein neues Phänomen. Wenn in Berlin eine Ostströmung mit einer Wetterlage zusammenfällt, bei der es zwischen Luftschichten kaum noch Austausch gibt, können sich die Partikel wie unter einem Deckel sammeln. Dann schlagen die Messfühler an, wie zum Beispiel in der Silbersteinstraße. „Inzwischen bessert sich die Situation in Polen aber“, sagte ein Experte aus der Verwaltung.

Umweltzone lässt aufatmen

Bei Inversionswetterlagen reichern natürlich auch Berliner Autos, Kamine, Fabriken und andere lokale Quellen die dicke Luft an. Doch die Belastung ist gesunken – von 1989 bis 2015 um 86 Prozent. Vor allem die Einführung der Umweltzone 2008 wirkte sich positiv aus, so der Senat.

Zwar gab es laute Proteste, als viele Autos aus dem Gebiet innerhalb des S-Bahn-Rings ausgesperrt wurde. Die Pflicht zur grünen Plakette hat dazu beigetragen, dass sauberere Autos gekauft wurden.

Aber auch in Stuttgart habe sich einiges getan, sagte Jana Steinbeck. „Wir haben einen ganzen Strauß von Maßnahmen umgesetzt, damit die Luft sauberer wird“, so die Sprecherin. Beispiele: Der Verkehr wurde flüssiger gestaltet, Straßen wurden mit Wasser besprengt. Das Land Baden-Württemberg erließ eine Umweltrichtlinie für Baumaschinen, an Tagen mit Feinstaubalarm dürfen Kamine nicht betrieben werden.

In Berlin und Stuttgart geht man davon aus, dass eine weitere Vorgabe 2018 eingehalten wird: Pro Kalenderjahr darf der zulässige Tagesmittelwert an höchstens 35 Tagen überschritten werden. In Berlin wurde die Vorgabe zuletzt 2015 nicht erfüllt. 

Mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger 

Trotz Verbesserungen – der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland(BUND) will den Senat nicht aus der Verantwortung entlassen. Weiterhin trage der Verkehr zur Feinstaubbelastung bei, und hier müsse sich noch viel ändern, sagte Landesgeschäftsführer Tilmann Heuser. „Jetzt muss es um die Infrastruktur gehen“, forderte er. Radfahrer und Fußgänger müssten mehr Platz bekommen – damit diese umweltfreundlichen Fortbewegungsarten attraktiver werden.

Das würde auch dazu beitragen, dass weniger Stickstoffdioxid in die Luft dringt. Zwar ist in Berlin auch die Belastung mit diesem giftigen Verbrennungsprodukt gesunken – von 1989 bis 2015 um 73 Prozent. Doch vielerorts ist die Belastung weiterhin höher als erlaubt – etwa in der Leipziger, Potsdamer und Michael-Brückner-Straße. Wie berichtet will der Senat testen, ob Tempo 30 und eine Verflüssigung des Verkehr die Emission senken. In der Leipziger Straße hat der Versuch im April begonnen, vier weitere Straßen folgen 2018. Ein Dutzend Straßen wurde für weitere Versuche ausgewählt.

Dem Verwaltungsgericht liegt eine Klage der Umwelthilfe vor, die eine weitere Senkung der Stickoxidbelastung erreichen will. „Ein konkreter Termin ist weiter nicht absehbar“, teilte Gerichtssprecher Stephan Groscurth am Freitag mit.