Berlin/Brandenburg - Es war ein Zufall, der die Ermittler vermutlich auf die Spur einer neuen Gruppe gewaltbereiter Neonazis führte. Ende März dieses Jahres wurde in der Frühstückspension „Weißes Haus“ in Herzberg, einem kleinen Dorf im Landkreis Ostprignitz-Ruppin, die Leiche des 45-jährige Jörg L. gefunden. Der Mann aus Zimmer 15 hatte eine Herzattacke erlitten.

Ein Notarzt konnte ihm nicht mehr helfen. Eigentlich ein normaler Todesfall. Hätte in dem Raum nicht auch noch ein Militärrucksack gestanden, in dem sich drei Waffen befanden, darunter eine schussbereite Pistole. Nicht nur das machte die Ermittler stutzig. Auch der Tote selbst. Bei ihm handelte es sich um einen einschlägig bekannten Rechtsextremisten aus Berlin. Klar war den Fahndern schon bald auch, dass die Neonazis in der gepachteten Pension ein Schulungszentrum einrichten wollten

Razzia in drei Bundesländern

Nach dreieinhalb Monaten Ermittlungen sind die Ermittler nun am vergangenen Sonnabend in einer großangelegten Razzia gegen die militante rechtsextremistische Gruppierung, der auch Jörg L. angehört haben soll, vorgegangen. Während der achteinhalbstündigen Aktion, die am Vormittag begann, durchsuchten 56 Beamte im Auftrag des Brandenburger Landeskriminalamtes und der Staatsanwaltschaft in Neuruppin insgesamt acht Wohnungen und Büros: jeweils drei Objekte in Berlin und Brandenburg, darunter im Barnim.

Zwei Durchsuchungen gab es in Nordrhein-Westfalen. Mit der Razzia wollten die Fahnder der Veröffentlichung über die rechtsextreme Vereinigung im Nachrichtenmagazin Der Spiegel zuvorkommen, das in seiner neuesten Ausgabe über den brisanten Waffenfund im Zimmer Nummer 15 in Herzberg und dessen Hintergründe berichtet.

Ermittelt wird gegen fünf Beschuldigte, vier Männer und eine Frau. Zwei der Verdächtigen stammen aus Brandenburg, zwei aus Nordrhein-Westfalen. Der fünfte Verdächtige ist Jan G. aus Berlin, der Jörg L. lange kannte, ihn noch wenige Tage vor dessen Tod getroffen und den Toten schließlich in der Pension gefunden haben soll.

„Wir werfen den Beschuldigten die Bildung einer bewaffneten Gruppe sowie den Verstoß gegen das Waffengesetz vor“, sagte Oberstaatsanwältin Lolita Lodenkämper am Sonntag der Berliner Zeitung. Sie bestätigte auch, dass die Fahnder im Zuge des Todesermittlungsverfahrens von Herzberg auf die fünf Verdächtigen gestoßen seien.

Bei der Durchsuchung am Sonnabend wurden unter anderem 16 Computer sichergestellt sowie „jede Menge Speichermedien“, ein Luftdruckgewehr und Schreckschusspistolen. „Die Beweismittel müssen jetzt erst einmal ausgewertet werden“, sagte die Oberstaatsanwältin. Dann könnten die Ermittler auch etwas über die Ziele der Gruppe sagen.

Bei den Verdächtigen aus Nordrhein-Westfalen handelt es sich offenkundig um den einschlägig vorbestraften Neonazi und langjährigen Aktivisten der rechtsextremen Szene Meinolf S. und dessen Lebensgefährtin. Meinolf S. betreibt bei Gütersloh einen rechtsextremistischen Versandhandel. Der 57-Jährige war lange Zeit NPD-Funktionär und einstmals auch Mitglied der Nationalistischen Front (NF), die im Jahre 1992 verboten wurde.

Meinolf S. macht aus seiner Gesinnung keinen Hehl. Auf der Website seines Versandhandels können eindeutig erkennbare Neonazi-Klamotten ebenso bestellt werden wie Musik-CDs mit rechten Inhalten, rechtsextremistische Flugblätter und ein Neonazi-Magazin, das alle zwei Monate erscheint und für das Meinolf S. verantwortlich zeichnet. Auf der Internetseite berichtet der gelernte Maschinenschlosser auch freimütig über seine einschlägigen Vorstrafen.

Der Neonazi soll auch hinter der Anmietung des „Weißen Hauses“ in Herzberg, einem ehemaligen LPG-Anwesen, stecken. So soll die Lebensgefährtin des Rechtsextremisten das 4.500 Quadratmeter große Areal samt Büros und Pensionszimmer in der 660 Einwohner zählenden Gemeinde von den ahnungslosen Eigentümern gepachtet haben, um dort angeblich Computer-Kurse und Seminare über alternatives Leben abhalten zu können.

Nach Angaben eines Ermittlers macht S. kein Geheimnis daraus, dass aus dem „Weißen Haus“ eine rechtsextremistische Kaderschmiede ins Leben gerufen werden sollte. Davon spreche er auch in einem Nachruf auf Jörg L., dem Toten aus dem Weißen Haus, den er einen überzeugten Nationalsozialisten, hervorragenden Computerfachmann und Führer nennt. Und er drückt sein Bedauern darüber aus, dass der Tod von Jörg L. das Projekt Schulungszentrum in Herzberg nun verhindert habe.

In dem Dorf selbst wird viel über den Toten gesprochen und über das geplante Schulungsprojekt für Neonazis, von dem niemand so recht etwas geahnt hatte. Nun steht das „Weiße Haus“ wieder leer.