Illustratorin Ruohan Wang zeigt Skizzen in ihrem Studio in Berlin.
Foto: dpa/Sven Braun

BerlinKeine Frage, Ruohan Wang weiß sich in Szene zu setzen. Bei dem Besuch in ihrem Atelier in Berlin, von dem sie jeden Tag auf den Sportplatz eines Gefängnisses blicken kann, trägt die Künstlerin ein grünes Hemd mit Blumen und Blättern darauf, ein weißes Marken-Käppi und eine gestreifte Trainingshose. Immer wieder holt sie ihr gelbes Telefon hervor, um Fotos zu machen oder es sich in ihre blauen Socken zu stecken. Vor ihren Bildern posiert sie auf einem Gymnastikball. Dazu gibt es Orangensaft.

In Berlin hat sich über die vergangenen Jahre eine dynamische und vielfältige Illustrations- und Comicszene entwickelt – und Ruohan Wang ist nicht umsonst eines der prominenten Gesichter. Ihre Arbeiten hat sie in Paris und New York gezeigt. Geboren ist sie in Peking. Seit 2012 wohnt sie in Berlin. Hergekommen ist sie für ein Studium an der Universität der Künste. Berlin war nur eine Option von vielen. Auf der Liste standen auch Schweden und Frankreich.

In der Zeit an der Hochschule entwickelte sie in der Klasse von Henning Wagenbreth ihren ganz eigenen Stil: Skizzenhafte Zeichnungen legt sie über bunte Flächen. Ihre meisten Bilder bestehen aus vielen kleinen Zeichnungen, in der Regel gibt es eine Geschichte, in der es auch um sie selbst geht. Für ihre Bilder nutzt sie meist Neonfarbe. Auf ihrem Lieblingsbild malte sie sich auf dem Fahrrad in leuchtendem Orange – ihre Lieblingsfarbe. Die Motive bringt sie auf Leinwände oder druckt sie auf T-Shirts.

Zeichnen als Beruf und Leidenschaft

Was sie an Illustration mag? Dass sie dabei Fine Art und Grafik verbinden kann. Und dass praktisch jeder Mensch die Ressourcen dafür hat: Papier und Bleistift – mehr brauche es nicht. Sie selbst wollte immer zeichnen, sagt Ruohan Wang.

Jemand, der sich auch international sehr gut auskennt, ist die Verlegerin Johanna Maierski. Sie betreibt die Druckwerkstatt Colorama und hat viele Messen auf der Welt besucht. Das Drucken hat sie während ihres Urbanistik-Studiums entdeckt. In der Szene in Berlin gebe es die unterschiedlichsten Menschen. Egal, ob sie das Zeichnen als Beruf ansehen oder als Leidenschaft – oft unterstützten sie sich gegenseitig, statt miteinander zu konkurrieren, sagt Maierski. Viele kämen aus dem Ausland. Essenziell seien das Internet und Kunstbuchmessen. Sie bieten Treffpunkte. „Zeichnerinnen bewundern sich manchmal aus der Ferne, ohne zu wissen, dass die andere sie auch bewundert“, sagt Maierski.

In der Workshop-Reihe „Clubhouse“ versucht sie, Künstler von überall zusammenzubringen. Gestartet hat Maierski die Reihe mit Aisha Franz, die seit zehn Jahren in Berlin lebt. Studiert und unterrichtet hat Aisha Franz in Kassel. Mit Freunden gründete sie das Kollektiv „The Treasure Fleet“. Die Inspiration für ihre Graphic Novels und Comics, deren Protagonisten meist kugelrund sind, zieht sich Aisha Franz aus ihrem eigenen Leben und aus Alltagsbeobachtungen. Sie wolle gehaltvolle Geschichten mit „viel Quatsch“ erzählen, sagt sie.

Das Besondere an der Szene in Berlin sei, dass die Menschen sehr offen miteinander umgingen und sich viel austauschten. Ruohan Wang und sie seien befreundet. Die Freundschaften würden sich auch in den Bildern bemerkbar machen. Aisha Franz erzählt von einem Workshop mit Studierenden in Kassel, zu dem sie Ruohan Wang eingeladen hatte: Ruohan brachte Neonfarbe und Glitzer mit. „Alle hatten total viel Spaß“, berichtet sie. Ruohan Wang sagt, dass sie Aisha Franz’ Graphic Novel „Shit is real“ sehr inspiriert habe.

Es gibt viele Verbindungen. Und das, obwohl die Künstlerinnen alle sehr unterschiedliche Stile, Ansätze und Ziele haben. Aisha Franz unterrichtete in Kassel Illustration und würde das gerne wieder machen. Ruohan Wang zeigt ihre Arbeiten in Galerien oder arbeitet mit großen Marken. In Berlin wollen sie alle erst mal bleiben. „Die Stadt ist schön, die Leute und die Stimmung auch“, sagt Ruohan Wang.