Unterstützung in Zeiten der Corona-Krise: Ein Einkaufsnetz mit Lebensmitteln hängt an der Tür einer isolierten Person. 
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BerlinFrau Mühlens, stürzt die Corona-Krise Deutschlands Nachbarschaften in eine Krise?

Nein, genau das Gegenteil ist der Fall. In der Krise wird den Menschen bewusst, dass sie einander brauchen. Genau das geschieht jetzt bei Corona. Ich glaube, dass es eine Zeit ist, in der die Bedeutung der Nachbarschaft zunimmt. Es geht ein Ruck durch die Gemeinschaften und vieles wächst zusammen.

Wenn man aber auf Websites von Quartiermanagern wie etwa im Körnerkiez in Neukölln schaut, klagen diese über den Ausfall von Veranstaltungen oder nur eingeschränkte Sprechstunden. Wie disponieren Nachbarschaften um?

Einerseits sollen Menschen keinen Kontakt miteinander haben. Andererseits müssen sie aber, gerade in diesen schwierigen Zeiten, in Kontakt miteinander bleiben, den Schwächsten helfen. In Berlin, wie auch in der ganzen Bundesrepublik, entstehen Telefonnetzwerke und -konferenzen, Einkaufshilfen, Balkonaktionen, Bücherspenden, Kochangebote oder Hunde- und Kinderbetreuungsaktionen. Neue Brieffreundschaften entstehen. Und: Das Schwarze Brett im Hausflur feiert in vielen Nachbarschaften ein regelrechtes Comeback.

Ertrud Mühlens ist Gründerin des "Netzwerks Nachbarschaft"
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Das heißt, die Rückmeldung, die sie von den Nachbarschaften erhalten, fällt positiv aus?

Positiv wäre jetzt zu viel gesagt. Wir bekommen mit, dass es anfangs eine große Schockstarre gegeben hat, weil die Grundlage des bisherigen nachbarschaftlichen Miteinanders weggefallen ist, also etwa Treffen auf dem Hof, Begrünungsprojekte, Straßenfeste oder die Eröffnung eines neuen Spielplatzes. Dann aber setzte eine Welle von konstruktiven und kreativen Ideen ein. Im Mittelpunkt standen Fragen: Wie können wir Gemeinschaft leben angesichts der Coronakrise? Kann man sich treffen und wenn ja, wie soll das aussehen? Was kann man tun, wenn man sich nicht persönlich begegnen kann? Daraus sind diese tollen Initiativen erwachsen. Und inzwischen bekommen wir sogar Rückmeldungen von Nachbarschaften, die sagen, dass sie den Sinn des Miteinanders wiederentdeckt haben und sich fragen, wie sie die große Solidarität in die Zeit nach Corona mitnehmen können.


Die Idee von Netzwerk Nachbarschaft

  • Erdtrud Mühlens (67) hat das Netzwerk Nachbarschaft 2004 gegründet. Es war die erste bundesweite Plattform für den Austausch und die Vernetzung von Nachbarn. 2018 wurde die Hamburgerin für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
  • Das „Netzwerk Nachbarschaft“ ist ein bundesweites Netzwerk, in dem etwa 2 800 Nachbarschaften organisiert sind. Es verfolgt die Idee, dass Nachbarschaften das Potential haben, die Lebensqualität jedes Einzelnen zu verbessern – und bietet die Plattform, sich als bundesweites Aktionsbündnis auszutauschen.
  • Die Teilnehmer können sich kostenlos eintragen, Checklisten abrufen und Auszeichnungen für ihre Projekte gewinnen. Während der Coronakrise organisiert das „Netzwerk Nachbarschaft“ etwa die Aktion „Jede Wiese zählt“.

Wie fällt die Reaktion der Nachbarschaften in Berlin aus?

Wir haben verschiedene Initiativen in Berlin als Mitglieder, etwa die „KungerKiezInitiative“, den Gierkekiez oder das „Netzwerk Märkisches Viertel“. In allen haben sich neue Kommunikationswege und Organisationsstrukturen seit Corona gefunden. Es gibt die Nachbarschaftsinitiative „Friedenau näht gegen Corona“. Dort werden Mund- und Nasenschutzmasken hergestellt, ein Mitmachblog geführt und Online-Spiele organisiert. Mog61 aus Kreuzberg („Miteinander ohne Grenzen“) hingegen berichtet, dass es eine riesige Welle von Solidarität gibt – und dass sie inzwischen das Problem haben, dass sie all die Hilfsangebote kaum noch bündeln können. Die sagen uns: Es gibt so viele kleine Hilfsangebote, dass es schwerfällt, die Übersicht zu behalten.

Das heißt, in Kreuzberg wird davon abraten, seinem Nachbarn die Einkäufe zu bringen oder Kinderbetreuung anzubieten?

Nein, soweit geht man da natürlich nicht. Aber es gibt durchaus Nachbarn und Nachbarinnen, die sich eingeschränkt und regelrecht bedrängt vom Hilfsangebot fühlen. Das hat nichts mit fehlender Wertschätzung für Hilfsangebote zu tun, und ich weiß, dass die Menschen wie bei Mog61 sehr dankbar sind für die Solidarität. Aber was Sie nicht vergessen dürfen: Es gibt Leute, die das koordinieren müssen. Hinzu kommt, dass das Engagement gerade der Älteren fürs Gemeinwohl in unserer Gesellschaft eine tragende Säule ist. Sie werden als Akteure gebraucht. Menschen im Alter von 55 bis 64 Jahren engagieren sich mit einem Anteil von 45,2 Prozent häufiger als der Bevölkerungsdurchschnitt. Und bei den 65- bis 74-Jährigen übt fast jeder Dritte die freiwillige Tätigkeit mehrmals die Woche oder gar täglich aus.

In Berlin gibt es viele Kieze als Einheiten, die in der Stadt verteilt sind. Sorgt die Krise dafür, dass Berlin „schrumpft“, sich also viele Menschen im nächsten Umfeld bewegen, statt durch die Stadt zu fahren?

Das beobachten wir auch. Im Grunde genommen ist es so, dass in großen Städten wie Berlin die unmittelbare Nachbarschaft deutlich stärker zutage tritt. Das liegt natürlich auch an der Wohn- und Mietsituation, denn die wenigsten in Berlin haben das Glück in einem großen Einfamilienhaus mit Garten zu leben, sondern sind meistens mit anderen Mietparteien in einem Haus oder gar mehreren Häusern in einem Hinterhof zusammen. Deshalb ist die stärkste Nachbarschaft, die aktuell zutage tritt, die kleine, nämlich die Wohneinheit. Die Fußwege zu den anderen Nachbarn sind in Berlin kurz, das enge Wohnen macht den Kontakt niedrigschwelliger und selbstverständlicher. Berlin zeigt deutlich, dass die Nachbarschaft nicht zwangsläufig ein Konzept ist, das von Haus zu Haus reicht, sondern oft nur Stockwerke Nachbarn trennen.

Berlins Nachbarschaften sind zudem migrantischer als vielerorts in Deutschland. Wie kann eine Nachbarschaft helfen, dass entscheidende Informationen während einer Krise schnell zu Leuten durchdringen, die womöglich kaum Deutsch sprechen?

Auch hier möchte ich das Beispiel Mog61 anführen, weil das ein multikultureller Verein ist. Und die leisten hervorragende Arbeit, indem sie Menschen aufklären über dringende Situationen, auch wenn diese Sprachbarrieren haben. Das reicht von zwischenmenschlichen Gesprächen am Telefon bis hin zu Übersetzungen. Grundsätzlich gilt aber: Ausnahmezustände wie die jetzige sind für migrantische Nachbarschaften oft dramatisch. Migrantinnen und Migranten befinden sich schließlich in einem fremden Land, haben weniger Ahnung von der Infrastruktur und wollen natürlich wissen, wie es Familie und Freunden in ihren Heimatländern geht.

Es gibt in Berlin auch nachbarschaftlich organisierte Gabenzäune für Obdachlose. Wie erklären Sie sich diese neue Welle der Solidarität?

Wenn ich das sagen darf: Mich überrascht diese Welle von Mitmenschlichkeit nicht. Ich kenne diese Nachbarschaftsinitiativen, die in den letzten Jahren schon sehr viel in diese Richtung gemacht haben. Was sich aber geändert hat: Heute ist es viel offensichtlicher notwendig mitzuhelfen. Es geht ohne die Nachbarschaftshilfe nicht mehr. Das hievt die Nachbarschaft und ihre Qualität auf ein neues Level. Da kommen viele alte Werte wieder auf: Wertschätzung, Empathie, Einfühlungsvermögen, Rücksichtnahme, Respekt, Solidarität. Und es wirft natürlich die Frage auf, wie wir in Zukunft miteinander leben wollen.

Durch die Ausgangssperren und häusliche Quarantäne steigen indes auch die Gefahren für häusliche Gewalt, sexuellen Missbrauch oder Süchte. Kann auch hier eine Nachbarschaft helfen?

Gerade jetzt haben wir ja einen Gelegenheitsmoment, in dem die Aufmerksamkeit füreinander erhöht ist und man sich mehr um den anderen kümmert. Deshalb kann ich auch nur bekräftigen: Wer mitkriegt, dass im nahen Wohnumfeld häusliche Gewalt geschieht, muss einschreiten.

Denken Sie, dass dieses Virus das Zeug hat, Nachbarschaften auch nachhaltig und langfristig zu verändern?

Ja, ich glaube, dass der Virus Nachbarn zusammenschweißt. Das heißt: Plötzlich merken die Leute, dass es Mitmenschen gibt, die vielleicht andere Berufe ausüben und anders denken als sie selbst, aber dass sie im Zweifelsfall da sind und man sich auf sie verlassen kann. Es entsteht ein neuer Gemeinschaftssinn. Nach dem Motto:„Wir können uns helfen, und zwar gegenseitig.“ Egal, ob reich oder arm, Ausländer oder Inländer, Mann oder Frau. Diese Grenzen werden durchlässiger. Und da entwickelt sich etwas, was viele Nachbarschaften womöglich nicht mehr missen wollen, auch wenn der Virus verschwindet und wir nicht mehr in einer Ausnahmesituation leben.

Weitere Informationen unter: www.netzwerk-nachbarschaft.net