Der Stammtisch aus dem Bilderbuch ist in Berlin kaum noch aufzuspüren. Dort, wo man ihn vermuten würde, in den typischen Eckkneipen, sucht man ihn vergeblich. „Zum Stammtisch“ heißt zwar eine Kneipe in der Moabiter Bredowstraße. Aber Männer mit geschwollenem Selbstbewusstsein, die unter Alkohol Sprüche klopfen, sind drinnen Fehlanzeige. „Jeder Tisch hier ist ein Stammtisch, und die meisten Gäste sind Stammgäste“, erklärt der Wirt und bittet herein.

Es ist an der Zeit, ein altes Phänomen neu zu definieren. Auf die Frage, was den Stammtisch eigentlich ausmacht, antwortet ein häufiger Gast: „Man trifft sich regelmäßig, ohne sich zu verabreden, und kann in entspannter Atmosphäre loswerden, was man auf dem Herzen hat.“ In der Smartphone-Ära, in der jeder, der etwas auf sich hält, WhatsApp und Twitter nutzt, mutet das fast wie eine prähistorische Kommunikationsform an.

Im Moabiter „Stammtisch“ ist das Ambiente gepflegt: dezente Küstenromantik und Lampensammelsurium. Es darf geraucht werden. Man ist nicht zu Hause, fühlt sich aber so. Regelmäßige Zusammenkünfte gibt es auch. In dem Lokal trifft sich die Bezirks-SPD; und jeden Mittwoch findet sich ein Kammerorchester nach der Probe zum Klönen im Hinterzimmer ein.

Der althergebrachte Stammtisch mit der Dauerreservierung für Honoratioren ist in der Großstadt Berlin offenbar verdrängt worden von einer Vielzahl an Kommunikationstreffs. Sie alle benutzen den Begriff des Stammtischs, um ihr lockeres und trotzdem verbindliches Gespräch im halböffentlichen Raum zu kennzeichnen.

Aber nach Feierabend geht es hier nicht nur um Schulangelegenheiten, um Politik oder um ausgefallene Hobbys, etwa die Lektüre von Tolkiens „Herr der Ringe“. Am Stammtisch werden auch Geschäfte gemacht. In einigen Branchen nutzen selbstständige Unternehmer und Freiberufler den regelmäßigen Talk zur Kontaktpflege und zum Austausch über Neuigkeiten in der Branche auf Augenhöhe. Das berühmte Vernetzen findet hier statt.

Ein bunter Indoor-Spielplatz

Zum Beispiel auf dem Gelände der alten Brotfabrik in Berlin Prenzlauer Berg: In den Räumen der hippen Gamesfirma Wooga trifft sich seit Oktober 2014 ein Mal im Monat ein Unternehmerstammtisch aus der Medienbranche. Das Büro, das dafür genutzt wird, sieht aus wie ein Indoor-Spielplatz: bunt, unübersichtlich, erlebnisorientiert. Die Stammtisch-Teilnehmer kennen sich durch ein Förderprogramm namens Catapult. Diese Initiative wurde ins Leben gerufen von Startup.net-Berlin-Brandenburg und unterstützt den zweitstärksten Wirtschaftszweig des Landes, die Digitale Wirtschaft. Catapult will neuen Firmen den soliden Einstieg ins Unternehmerleben erleichtern – der Stammtisch gehört als Mittel zur Live-Vernetzung dazu.

Eine Runde von fünf bis acht Unternehmern und Unternehmerinnen kommt regelmäßig zusammen, um sich auszutauschen. Denn Start-ups sind anfangs oft Kleinstunternehmen: Meist bestehen sie nur aus zwei Gründern und höchstens zwei weiteren Mitarbeitern. Sie haben eine gute Idee in Ansätzen umgesetzt, müssen jetzt aber für eine stabile Finanzierung und einen effektiven Vertrieb sorgen. Da ist es wertvoll, wenn man sich Rat holen kann. „Ich schätze den direkten Austausch mit Kollegen und habe beim Stammtisch wichtige Informationen bekommen, zum Beispiel, wie man mit Hilfe des Blue-Card-Verfahrens einen Mitarbeiter aus dem Ausland nach Berlin holen kann“, erklärt Philip Paar, der die Firma Laubwerk gegründet hat.

Offener Erfahrungsaustausch

Beim Catapult-Stammtisch wird unter Vorsitz eines Moderators nach festen Regeln kommuniziert – eine Stoppuhr für die Redebeiträge gehört dazu. Vertraulichkeit ist übrigens garantiert: Nichts von dem, was beim Treffen gesagt wird, darf nach außen dringen. Was für einen Tolkien-Stammtisch gilt, das gilt hier ebenfalls, ist aber von existenzieller Bedeutung: Man ist Insider in Bezug auf die grundsätzliche Arbeitssituation, in der alle am Tisch sich befinden. Und kann deshalb über kritische Fragen in diesem Rahmen so offen und geschützt sprechen wie sonst nirgendwo.

Philip Paars Firma stellt unter dem Namen Laubwerk virtuelle Pflanzen für Architekturmodelle her. Er hat nach langer Suche endlich einen neuen Mitarbeiter gefunden. Der kommt aus Islamabad und soll die beiden Chefs bei der Programmierung entlasten. Nun muss erst einmal ein Konto eingerichtet werden. Was wiederum die Anmeldung der Wohnung voraussetzt – wegen der akuten Situation auf den Bürgerämtern keine Kleinigkeit. Derweil ist Paars Mitgründer in New York und arbeitet am ersten Prototypen für ein Virtual-Reality-Modell des Central Parks.

Zu den Stammtisch-Teilnehmern gehört auch Anke Schiller, Inhaberin der Firma Filmkunsttechnik. Sie sucht Rat in Sachen Datenbank, für die Kundenbetreuung. Konkrete Programme werden ihr genannt, die Vor- und Nachteile umgehend erörtert; Anke Schiller findet das sehr hilfreich und effizient. Für Franziska Gronwald, studierte Kommunikationsdesignerin und Gründerin der Bewertungs-App votingLAB, ist dieser Stammtisch einer von vielen, die sie besucht. Sie hat gerade einen festen Job als Designerin für User Experience angeboten bekommen. Die Position will sie nutzen, um sich weiter auf die Entwicklung von Benutzeroberflächen zu spezialisieren. Franziska Gronwald bezeichnet sich als „digital native“, sie ist nach eigener Auskunft 24 Stunden online, macht alles schnell und gleichzeitig und nutzt die unterschiedlichsten Kanäle zur Kommunikation. Bisher floss viel Zeit und Leidenschaft in Projekte zwischen Journalismus und Digitaler Dienstleistung. „Aber nirgendwo fliegt die Kuh so richtig“, bilanziert sie trocken.

Sozialisierung für einsame Schreibtischtäter

Beim Unternehmerstammtisch geht es nicht darum, die anderen zu belehren. Vielmehr handelt es sich um einen offenen Erfahrungsaustausch, bei dem wichtige Informationen weitergegeben werden: Die Suche nach dem richtigen Investor ist für die meisten Start-ups überlebensnotwendig. Der Austausch am Stammtisch senkt die Hürden, weil die Teilnehmer einander berichten, wie Gespräche verlaufen sind, wie ein bestimmter potenzieller Geldgeber tickt, wie man sich auf die Verhandlung vorbereitet, was man anzieht. „Die Mischung macht’s“, sagt Anke Schiller: „Der eine hat weniger, der andere mehr Erfahrung. Dazwischen kann ich mich verorten, geben und nehmen. Wenn es so läuft, dann macht es Spaß und bringt etwas fürs Geschäft.“

Beim Übersetzerstammtisch wird beispielsweise in der kleinen Gruppe an schwierigen Übersetzungsfragen getüftelt. Aber die Teilnehmer nutzen die Begegnung auch, um Erfahrungen bei Honorarverhandlungen abzugleichen und überzählige Aufträge weiterzugeben. Auf diese Weise kommt der ansonsten einsame Schreibtischtäter vor die Tür, kann sich sozialisieren und dabei wappnen.

Wie im Verein wird am Stammtisch Gemeinschaft und Gemeinwesen in der analogen Welt gepflegt. Live und zum Anfassen. Direkt und ganz ohne Rechtsform.

Auch im pädagogischen Umfeld, wenn es um Kindergarten und Schule geht, sind Stammtische beliebt und nützlich. Jenseits von Tagesordnungen und Abstimmungszwängen bieten sie die Chance, im ungezwungenen Rahmen zu hören, wie eine Gruppe sich entwickelt. Eine Diskussion über heikle Themen wie den Medien- oder Drogenkonsum des Nachwuchses ist hier anders möglich als etwa im regulären Rahmen eines Elternabends.

Stammtisch, das ist heute Netzwerken: Meinungsbildung an der Basis und Talk ohne Show.