Was Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Mittwoch verkündete, ist keineswegs neu: Bereits der heutige Linke-Politiker Gregor Gysi und viele andere DDR-Bürger machten Abitur und absolvierten gleichzeitig eine Lehre. Gysi zum Beispiel ließ sich im Volkseigenen Gut in Blankenfelde zum Rinderzüchter ausbilden. Melken lernte er dabei auch. Berufsausbildung mit Abitur, hieß das in der DDR.

Ab dem kommenden Schuljahr soll es das duale Abitur, wie das Ganze nun genannt wird, wieder in Berlin geben. Dieses Berufsabitur werde ab Herbst zunächst für Hotelfachleute und für Sanitär-Heizungs-Klimatechniker angeboten, betonte Scheeres. „Das ist ein anspruchsvoller Weg für leistungsstarke Schüler.

Geld von Anfang an

Verlockend dabei: Wer sich dafür entscheidet, erhält eine Ausbildungsvergütung zwischen 448 und 775 Euro monatlich. Das sei attraktiv auch für Familien, die über ein eher geringes Einkommen verfügen, sagte Ulrich Wiegand, Geschäftsführer der Berliner Handwerkskammer, die das Projekt gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) unterstützt.

Innerhalb von vier Jahren sollen die Jugendlichen einen Berufsabschluss und das Abitur erreichen. Man spare also ein bis zwei Jahre, sagte Scheeres. Vom Status her sind die jungen Leute in dieser Zeit Auszubildende, haben deutlich weniger Ferien als Oberstufenschüler. Die Idee: Wer nach der 10. Klasse einen guten Mittleren Schulabschluss hat und sich nicht zwischen Abitur und Ausbildung entscheiden kann, soll künftig beides machen. „Das ist sozusagen ein bezahltes Abitur“, sagte Christoph Irrgang, Vize-Hauptgeschäftsführer der IHK. Die Jugendlichen müssten ja nicht gleich darauf fixiert sein, dass nach dem Abitur unbedingt ein Studium folgen müsse.

Stattdessen sollen sie dann an den Berufsschulen in kleineren Klassen von maximal 20 Schülern lernen. Das Oberstufenzentrum Max Taut in Lichtenberg sowie das Oberstufenzentrum Gastgewerbe Brillat Savarin in Weißensee beteiligen sich an diesem Schulversuch. Lange hat es gedauert, bis diese Vereinbarung zustande kam. Jetzt ist man spät dran und hofft noch auf Bewerbungen. Natürlich wollen Handwerkskammer und IHK damit wieder besonders leistungsstarke Azubis gewinnen. Zuletzt häuften sich die Klagen über nicht wirklich ausbildungsreife Jugendliche. Hotellerie und Sanitär-Heizungs-Klima-Techniker sind bisher für viele Jugendlichen keine attraktiven Ausbildungsberufe.

„Ich konnte aber sehr früh die Theorie in der Praxis überprüfen“

„Es geht heute nicht mehr nur um die Frage, wie ich die Kloschüssel in die 4. Etage bekomme“, sagte Andreas Koch-Martin. Er leitet das Ausbildungszentrum für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik und sagt, dass es heute um Photovoltaik und Energieeinsparung gehe. Besonders interessiert am dualen Abitur seien größere Unternehmen, aber auch kleinere Firmen, die einen Nachfolgger suchen. „Jemand mit dualem Abitur kommt da als Führungskraft in Frage“, sagte Gerrit Buchhorn, Vize-Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Berlin. Letztlich stütze ein solches Angebot natürlich auch die duale Ausbildung.

Auch andere Branchen hätten bereits Interesse gezeigt am dualen Abitur – vor allem das Baugewerbe, hieß es. Bildungssenatorin Scheeres warb mit ihrer eigenen Biografie. Sie habe an einer Kollegschule im Rheinland einst Abitur gemacht und sich gleichzeitig zur Erzieherin ausbilden lassen, sagte sie. Das sei sehr arbeitsintensiv gewesen. „Ich konnte aber sehr früh die Theorie in der Praxis überprüfen.“ Diese Ausbildung habe ihr auch bei späteren Bewerbungen geholfen.

In der Mittelstufe umwerben

Die jetzige Kombination von gymnasialer Oberstufe und praxisorientierter Berufsausbildung verbinde Allgemeinbildung und berufliche Bildung, sagte Scheeres. Mit der Kultusministerkonferenz sei bereits abgestimmt, dass das Berliner Berufsabitur in anderen Bundesländern anerkannt werde. Bundesweit umwerben die Handwerkskammern angesichts des Fachkräftemangels leistungsstärkere Schüler schon in der Mittelstufe.