Berlin - Arm, aber sexy, das von Klaus Wowereit 2003 in einer Krisenzeit präsentierte Motto, zog schon in den Zwanziger- und Dreißigerjahren. Tourismus, seinerzeit noch Fremdenverkehr geheißen, sollte nach dem Willen der Marketingleute Besucher, und mit ihnen Geld, Arbeitsplätze und ein bisschen Vergnügen bringen.

Curt Moreck (1888-1957), ein Bestsellerautor jener Jahre, schrieb das passende Buch dazu: „Ein Führer durch das lasterhafte Berlin – das deutsche Babylon 1931“. Das zog. Wer will nicht mal, wenigstens kurz, das Verruchte spüren, hinter Glitzer und Glamour das Halbseidene, Verbotene kosten?

Nach dem gleichen Verfahren arbeitet das Berlin-Marketing auch heute, wenn es die Zwanzigerjahre als golden oder zumindest wild preist und wenig Mühe für Erklärungen aufwendet, wie Weltwirtschaftskrise, Not, Elend mit dem „Tanz auf dem Vulkan“ zusammenhängen, wie der Verlust von sozialem und sittlichem Halt parallel gehen können. Die gepriesene Serie „Berlin Babylon“ spielt auf ähnlicher Klaviatur, und Nichtberliner mühen sich, krampfhaft berlinernd, auf berlinisch zu machen.

Kein Berlin-Klischee wurde ausgelassen

Curt Moreck, bürgerlich Konrad Haemmerling, in Köln geboren, lange in München ansässig, schrieb als Nichtberliner, doch mit der Attitüde des Total-Auskenners, über das Innenleben der Stadt. Rechnen wir also mit einer Prise Etikettenschwindel.

Das war zur Zeit des Erscheinens den meisten Lesern egal, und das muss auch heute nicht stören. Wer das Werk haben wollte, musste trotz zweier Reprints in den 1980er- bzw. 1990er-Jahren zuletzt antiquarisch um die 150 Euro zahlen.

Der Autor selbst räumt früh im Text ein, auf welche Fantasien er baut. Mit Blick auf die Friedrichstraße schreibt er: Sie war „dem Manne in der Provinz Inbegriff einer Märchenwelt voll Licht, Frauen und Erotik, war höchstes Ziel seiner Wünsche“. Als der Autor auf Pirsch ging, hatte sich das Revier im Vergleich zur Kaiserzeit erweitert: Der neue Westen, vor allem der Kurfürstendamm, lockte.

Moreck verspricht Intensität, Reize, Glühen, Vibrieren, Lust, Genuss, Leidenschaften und Sucht – und zwar in der Halb- , ja Unterwelt. In der Nacht, im Halboffiziellen pulst es nur so. Der Herzschlag der Metropole! Oh, diese Berliner! Kurz: Kein Klischee, das die Stadt zu bieten hat, ließ der Erfolgsautor aus. Warum auch, wenn alle Welt genau das haben will! Lassen wir uns also ein auf die sexy Tour.

Versuchungen werden zu Versuchen

Da begegnet der Herr den „Mädchen, die uns an Straßenecken den Teppich ihres Lächelns vor die Füße legen“, sie „verkörpern die Erotik der City in allen Jahresklassen“; in den Seitenstraßen des Tauentzien wittert er „hinter sittsamer Kulisse“ die „Gefilde der gewalttätigen Venus“; in der Zwielichtstunde wächst „die Erschütterung moralischer Grundsätze zu einem Erdbeben“, werden „Versuchungen zu Versuchen“.

In der Dämmerung, der „erosgesegneten Stunde“, erwacht abermals die Genusssucht, verlangt „nach Zärtlichkeiten“. In Kleinkunstbühnen freut er sich über das „bacchantische Gebahren der anwesenden Damen“, den „Huris dieses Paradieses, die den heiteren Gott“ (den Alkohol) beschwören. In Striptease-Schuppen tanzen „hüllenlose Schönheiten“.

Es geht in Teesalons, Kaffeehäuser, Tanzpaläste, Revuen und Bars, durch Straßen, in Kinos, auf Rummelplätze, in Varietés und Kabaretts. Natürlich auch in Restaurants.

Neuauflage mit Glossar, Register und Fotos

Schließlich gerät man „in die vierdimensionale Geometrie“ der Geschlechtervielfalt, in Lokale „wo Personen in Weiberkleidung keine Weiber, die in Männerkleidung keine Männer“ sind und dann noch solche, „die Kleidung ihrem Geschlechte gemäß tragen“. An solche Orte der „Ungeheuer“ führte die Reisegesellschaft Cook ihre Gäste in einer speziellen Tour.

Moreck schätzt die Zahl der Schwulenlokale auf etwa achtzig, dazu ebenso viele lesbische. Beiden widmet er ausgiebige Beschreibungen. Und was sieht er in einem Schwulenlokal am Spittelmarkt? „Zwischen den Tischen tanzen Knaben mit Knaben, werfen schmachtende Blicke zu den Tischen.“ Bei den Lesben erlebt er streng: „Männer haben hier zu kuschen!“

Der be.bra Verlag hat das Werk fast 90 Jahre nach Erscheinen um Glossar, Register und Fotos erweitert, neu aufgelegt. Man kann es als Zeitzeugnis sehen und Einsichten gewinnen. Und wer die floskelbeladene, vor keine Übertreibung zurückschreckende Sprache erträgt, kann Hunderte Sätze zum Vorlesen finden, die das Publikum zum Glucksen bringen – vielleicht auch, weil es sich wiedererkennt.