Jeder Abschied tut ein bisschen weh. Und sei es der von einer der hässlichsten Häuserreihen der Stadt – der Passage an der Joachimsthaler Straße zwischen Hardenbergplatz und Kantstraße. Während drumherum die City-West mit dem Hotel Waldorf Astoria, dem Bikini-Haus und seit Donnerstag auch dem Amerika-Haus aufblüht, schien hier die Uhr stehen geblieben zu sein.

Schon immer hatte sich das Elend und die Kriminalität vom nahen Bahnhof Zoo aus bis in die Joachimsthaler Straße ausgebreitet und hielt gute Geschäfte fern. Zwischenzeitlich forderten Gewerbetreibende sogar eine Videoüberwachung. Dazu kam es nie. So hat sich unter unwirtlichen Bedingungen ein für Bahnhofsnähe typischer Branchenmix eingenistet und gehalten: ein Leihhaus, Imbissbuden und Schnellrestaurants, zwei Erotikkaufhäuser, Souvenir-Kramläden, Billigboutiquen, ein Automatenkasino, ein Donuts-Geschäft, ein Blumenladen.

Baubeginn nächstes Jahr

Jetzt müssen sie alle raus. Die einzelnen Betreiber rechnen mit einem Auszug spätestens Ende Februar. Danach soll der Riegel abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Investor ist das US-Immobilienunternehmen Hines, das unter anderem am Alexanderplatz ein 150-Meter-Hochhaus plant. Eine Mischung aus Büros und Ladengeschäften ist geplant. 2015 soll mit den Bau begonnen werden.

Bis dahin wird – ein wenig – getrauert. „Das ist schade. Schließlich gibt es unser Geschäft hier beinahe 50 Jahre“, erzählt Tatjana Gorkow, Verkäuferin von Blumen Range, einem Verkaufsstand mit Plastikplanen ringsum, die nur zur Straße hin offen sind. Obwohl das Umfeld schwierig sei, habe man sich arrangiert und betreibe einen 24-Stunden-Betrieb.

Viele Hotels in der Umgebung und auch nachtaktive Taxifahrer gehörten seit Jahren zu den Stammkunden. „Auch wenn’s vielleicht nicht so aussieht: Das ist ein wirklich guter Platz für Blumenhandel“, sagt Tatjana Gorkow. Jetzt seien alle in der Firma ein bisschen bekümmert, dass man Ende Februar 2015 weg müsse. Auch der Keller, in dem Mitarbeiter zum Beispiel täglich zahlreiche Sträuße binden, müsse geräumt werden. Der Inhaber suche schon einen neuen Platz für Blumen Range in der Nähe.

Wohl ohne Perspektive am neuen Ort ist auch das Erotikkaufhaus World Of Sex, das sein Sortiment auf zwei Etagen anbietet. Ja, man müsse Ende Februar räumen, berichtet ein Angestellter. Ob oder womöglich wo in Berlin es danach weitergehe, wisse er nicht. Auch für WOS, wie sich der Laden abkürzt, sei der Standort stets günstig gewesen, schließlich siedle sich die Branche traditionell in Bahnhofsnähe an.

Zukunft für Fast Food

Die vergangenen Jahre jedoch seien mager gewesen, Phänomene wie das Internet mit seinem Überfluss an sexuellen Angeboten mache herkömmlichen Anbietern, die immer noch auf Videokabinen setzen, das Leben schwer. Erst in den vergangenen Wochen hätten sich die Bilanzen verbessert – „seit Beate Uhse weg ist“, sagt der WOS-Verkäufer. Der Branchenriese, der an der Ecke Kantstraße einen als Erotik-Museum verbrämten Sex-Shop betrieben hatte, ist bereits im September ausgezogen. Das Geschäft mit dem Offline-Spielzeugverkauf und den Kabinen habe sich überholt, heißt es in der Flensburger Konzernzentrale schon länger.

Am anderen Ende der Passage, Ecke Hardenbergstraße, bietet Burger King Fast Food an. Es ist der alte Standort der längst Pleite gegangenen Billigrestaurant-Kette Aschinger – und soll auch im Neubau ein Ort für günstiges Essen bleiben. „Wir haben die feste Zusage, dass wir wieder hier einziehen können, wenn alles fertig ist“, sagt der stellvertretende Restaurantleiter. Essen geht immer, billig essen erst recht.

Nach bisherigen Plänen sollen die Neubauten bis 2017 fertig sein. Die Abrissgenehmigung liegt vor, die Baugenehmigung ebenso, auch die Baukörper sind vom Bezirksamt abgesegnet worden. Nach Auskunft des Bezirks gehe es nur noch um Fragen der Zulieferung und der Verkehrssituation. Doch die seien leicht zu klären. Dennoch ziert sich Hines bislang, die Pläne offenzulegen. In etwa zwei Wochen, heißt es, erfahre die Stadt endlich, was anstelle ihres hässlichsten Hauses entstehen soll.