Die Entscheidung von Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD), den Eigentümer des Grundstücks am Leipziger Platz 18/19 von der Verpflichtung zum Bau von Wohnungen zu befreien, stößt beim früheren Senatsbaudirektor Hans Stimmann auf Kritik.

„Wenn wegen des Verkehrslärms am Leipziger Platz in den Obergeschossen keine Wohnungen mehr genehmigt werden können, dürfte man auch an keiner Berliner Hauptstraße mehr neue Wohnungen bauen“, sagte Stimmann am Donnerstag der Berliner Zeitung.

Wirtschaftliches Kalkül

Stadtentwicklungssenator Geisel hatte zuvor erklärt, dass der Investor des Leipziger Platzes 18/19 von der Verpflichtung zum Bau von Wohnungen befreit werde, weil das Grundstück „von beiden Seiten besonders verlärmt“ sei.

Die Ziele des Bebauungsplans, auf mindestens 20 Prozent der Flächen Wohnungen zu errichten, würden auf dem Areal mit dem Anspruch kollidieren, gesunde Wohn- und Lebensverhältnisse zu schaffen, so Geisel. Politisch brisant ist der Vorgang, weil Ex-Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) den Investor berät und zuvor im Bezirk Mitte nach Möglichkeiten zur Befreiung von der Wohnungsbau-Verpflichtung gefragt hatte – aber abgeblitzt war.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung weist Vorwürfe einer Einflussnahme Strieders zurück. Stimmann, der von 1991 bis 2006 als Senatsbaudirektor sowie als Staatssekretär in der Stadtentwicklungsbehörde tätig war, zeigt sich vom Lärmschutzargument indes nicht überzeugt. „Dass der Investor am Leipziger Platz 18/19 keine Wohnungen errichten will, hat nichts mit Menschenliebe zu tun, sondern ist aus meiner Sicht rein wirtschaftlich begründet“, sagte er.

Büros ließen eine höhere Rendite erwarten als Wohnungen. „Wenn der Investor die Wohnungen am Leipziger Platz für 6,50 Euro je Quadratmeter anbieten würde, würden die Leute bis zum Brandenburger Tor Schlange stehen“, so der frühere Senatsbaudirektor, der eine Zeit lang unter dem damaligen Stadtentwicklungssenator Strieder arbeitete.

Der Leipziger Platz habe im Gegensatz zur teilweise engen Leipziger Straße sogar den Vorteil, dass es dort keine Straßenschlucht gebe, sagte Stimmann. „Es ist absurd zu sagen, dort könnten keine Wohnungen gebaut werden.“ Dafür Lösungen zu finden, sei Aufgabe der Architekten. Das gehöre inzwischen zu ihrem Alltag. „Sicher, wenn einer die Ruhe und Abgeschiedenheit wie in Kladow erwartet, wird er die in Berlins Mitte nicht finden“, räumte der 75-Jährige ein.

Lebendige Stadt als Ziel

Dass am Potsdamer Platz und am Leipziger Platz auf 20 Prozent der Flächen Wohnungen entstehen, habe der Senat den Investoren abgetrotzt, sagte Stimmann. Der Entscheidung sei „eine der größten politischen und architektonischen Auseinandersetzungen nach der Wiedervereinigung“ vorausgegangen.

„Alle hätten stattdessen natürlich lieber mehr Büros gebaut. Wir wollten aber eine gemischt genutzte Innenstadt haben, in der auch nach Büroschluss noch Menschen auf der Straße zu sehen sind“, so Stimmann. Er habe die Vorgabe gegenüber Investoren vehement verteidigt.