Neubau für die Ernst Busch Berlin: Schauspielstudenten besetzen Studiobühne

Berlin - Der Protest gegen die gestrichenen Mittel für einen zentralen Neubau der Schauspielschule „Ernst Busch“ wird immer größer, die Kritik prominenter Künstler an der Politik von SPD und CDU immer schärfer und die protestierenden Studenten selbst kündigen für die kommenden Wochen „auch radikale Formen des Widerstandes“ an.

Etwa 300 Schauspielschüler, Künstler und Mitarbeiter der Berliner Bühnen sind am Montag von ihrem bisherigen Protestcamp an der Zinnowitzer Straße, in dem sie seit einer Woche leben und spielen, zum Roten Rathaus gezogen. Anschließend wollten sie eine ihrer vier Spielstätten besetzten, die Studiobühne BAT in der Belforter Straße in Prenzlauer Berg. Dort soll der Protest in den kommenden Tagen fortgesetzt werden. „Hier wird so lange kein Unterricht stattfinden, bis die Politik einlenkt“, sagte ein Sprecher der Studenten.

Am vergangenen Freitag hat der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses mit der Mehrheit von SPD und CDU den Neubau an der Chausseestraße in Mitte gekippt. Ein zentraler Neubau stand schon viele Jahre fest, der Architekturwettbewerb war schon entschieden. Die SPD-Fraktion sei nicht bereit, die um 2 Millionen Euro auf 36,4 Millionen gestiegenen Kosten für den geplanten Neubau mitzutragen, sagte deren finanzpolitischer Sprecher Torsten Schneider. Ursprünglich waren 28 Millionen Euro für die Schule vorgesehen. Die Fraktion habe bereits einer Steigerung auf 34 Millionen zugestimmt. Doch mehr wolle sie nicht genehmigen.

Mit Empörung haben Berliner Künstler auf diese Entscheidung reagiert. „Es ist eine vollkommen absurde Posse“, sagt der Schauspieler Ulrich Matthes, der an der Schauspielschule unterrichtet. „Der Zustand der Schule ist einer solchen Top-Institution absolut unangemessen. Ich glaube, dass es sich hierbei um einzelne politische Profilierungsversuche handelt“, sagt Matthes. Derzeit spiele in Berlin die Wahl eines neuen SPD-Landesvorsitzenden eine wichtige Rolle, da versuchten sich offenbar einige Betroffene hervorzuheben.

"Ein kulturelles Verbrechen"

Der Rektor der Hochschule, Wolfgang Engler, rief dazu auf, den „Amoklauf einiger Abgeordneter“ bei den Haushaltsberatungen über die Zukunft der Hochschule zu stoppen. Die Hochschule sei völlig unverschuldet zwischen die Fronten innerparteilicher Auseinandersetzungen in der Berliner SPD geraten und drohe nun, ihr Opfer zu werden.

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Auch die Theaterleiter Frank Castorf, Ulrich Khuon, Armin Petras Claus Peymann und Jürgen Schitthelm unterstützen einen Neubau. Regisseur Alexander Lang sagte, es sei „katastrophal, was mit jungen Menschen in Berlin gemacht wird, ich kann mich für diese Stadt nur schämen“. Es sei „ein kulturelles Verbrechen“, wie mit dieser Schule umgegangen werde, die einen internationalen Ruf habe und ein wertvolles Kulturgut sei.

Die Akademie der Künste fordert eine langfristige Lösung. Die dezentrale Unterbringung an mehreren Standorten für die verschiedenen Studienfächer behindere empfindlich die künstlerische Ausbildung. Die von Klaus Staeck geleitete Akademie fordert, den ursprünglichen Bauplan umzusetzen. „Es gibt dazu keine künstlerisch akzeptable Alternative.“ Der Regisseur Thomas Ostermeier, Künstlerischer Leiter der Schaubühne am Lehniner Platz, forderte die Studenten zu radikalem Widerstand auf, das seien zum Beispiel auch Besetzungen. Die Ablehnung des Neubaus sei „ein undurchsichtiges Verfahren und „klare Interessenpolitik“, sagte Ostermeier der Berliner Zeitung. Es herrsche ein „innerfraktioneller Machtkampf der SPD.“ Ostermeier hat an der Schauspielschule Regie studiert und begleitete am Montag den Protestzug durch die Stadt.

Jauch holt Störer in den Saal zurück

Mittlerweile dürften die Bürger im gesamten Bundesgebiet über die Proteste der Berliner Schauspielschüler Bescheid wissen. In der Talkshow von Günther Jauch gab es am späten Sonntagabend vor laufenden Kameras einen Zwischenfall. Personenschützer und Ordner hatten einen Aktivisten, der mit lauten Rufen einen „zentralen Standort“ gefordert hatte, unsanft aus dem Saal getragen. Günter Jauch fordert die Security auf, den Mann wieder hereinzuholen. „Hier wird keiner einfach aus der Sendung wie in der Ukraine rausgehauen“, sagte Jauch in Anwesenheit der Politiker Klaus Wowereit (SPD), Renate Künast (Grüne), Norbert Röttgen (CDU), Gregor Gysi (Linke), Christian Linder (FDP) und Johannes Ponader (Piraten). Unter Beifall der Zuschauer wurde der Mann in den Saal zurückgebracht. Der Störer muss keine strafrechtlichen Konsequenzen befürchten. „Wir erstatten keine Strafanzeige“, sagte eine Mitarbeiterin der Produktionsfirma gestern auf Nachfrage. Die Redaktion verteidigte das Einschreiten der Security. „Sie haben vorschriftsmäßig gehandelt.“

Wowereit erklärte in Jauchs Sendung den Hintergrund des Protestes: Der Neubau der renommierten Schule sei „ein ernsthaftes Anliegen“, er war vom Senat beschlossen, dann aber vom Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses gestoppt worden. Wowereit betonte, das Parlament entscheide über den Haushalt. Die entscheidende Abstimmung der Abgeordneten findet am 14. Juni statt.

Die Schauspielschule „Ernst Busch“ gehört zu den besten in Deutschland. Nina Hoss, Devid Striesow, Sandra Hüller, Fritzi Haberlandt und Jan Josef Liefers haben dort studiert. Der Schule ist auf vier, teils marode Standorte verteilt. Der DDR-Bau in der Schnellerstraße in Niederschöneweide ist asbestbelastet. (mit dpa, dapd)