Berlin - Einige Mieter wirken noch ganz gelassen, bei anderen liegen die Nerven schon jetzt blank: „Was soll ich denn jetzt machen“, fragt eine alte Dame immer wieder hilflos. Ihr wurde wie den anderen Bewohnern der Häuser in der Wilhelmstraße 56 bis 59 nahe der Britischen Botschaft in Mitte erst vor wenigen Tagen mitgeteilt, dass ihr Wohnblock abgerissen werden soll. An der Stelle soll ein Neubau entstehen. Die Bürgerinitiative Wilhelmstraße missbilligt das und spricht von einer Vertreibung der Mieter aus der Innenstadt. Die Betroffenen sehen das ähnlich, viele wollen sich aber nicht aus ihrer Wohnung drängen lassen.

Herbert Nattermann ist mit seiner Frau im Februar 1992 eingezogen, damals waren die vier Häuser gerade erst vom Land fertiggestellt worden. „Das ist eine sehr attraktive Wohngegend. Das Brandenburger Tor ist nicht weit, in der Nähe gibt es viele Kultureinrichtungen“, sagt er. Gerade deshalb waren Nattermann und seine Frau vor 20 Jahren nach Mitte gekommen. Schon vor einiger Zeit habe es erste Gerüchte über den Abriss gegeben, jetzt aber sei er überrascht. „Wir sind im Ruhestand. Da überlegt man schon, ob man hier wohnen bleibt.“ Aber man werde keine andere Wohnung mit so guten Mieten und in dieser Lage finden, sagt Nattermann. Allerdings: Die Hygiene in den Häusern sei schlecht, die Beeinträchtigung durch die vielen Ferienwohnungen katastrophal.

Rechtsanwalt bleibt optimistisch

In dem Wohnblock zwischen Behren- und Französischer Straße gibt es knapp 100 Wohnungen, 44 davon sind langfristig vermietet. Einige stehen leer, andere werden als Ferienapartments an Touristen vermietet. Eigentümerin der Häuser wie auch der baugleichen Wohnblöcke an der Wilhelmstraße ist die B.Ä.R. Grundstücksgesellschaft. Sie hatte die Anlage mit 933 Wohnungen Ende 2003 von der Wohnungsbaugesellschaft Mitte gekauft.

Vor zwei Wochen nun informierte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die Mieter über die Abrisspläne der B.Ä.R. Um Nachteile und Härten für die Mieter zu vermeiden, gibt es jetzt ein Sozialplanverfahren, das Regelungen für einen Umzug der Mieter vorbereiten soll.

Nicht informiert hat die Senatsbehörde allerdings die Mieter über einen Passus beim Verkauf der Häuser: Demnach sind Kündigungen der Mietverträge „wegen einer anderen wirtschaftlichen Verwertung ausgeschlossen“. Die meisten Mieter haben entsprechende Anlagen zu ihren Mietverträgen.

Für Rechtsanwalt Oliver Ostendorf, der schon mehrfach Mieter in der Wohnanlage vertreten hat, ist die Sache klar: „Die Mieter müssen nicht befürchten, dass Sie gekündigt werden. Der Vermieter bekommt sie zivilrechtlich nicht raus. Es sei denn, Mieter und Vermieter einigen sich.“ B.Ä.R.-Sprecher Markus Hennig hat bereits angekündigt, den Mietern in dem Sozialplanverfahren Wohnungen in anderen Gebäuden der Wilhelmstraße anzubieten. Man arbeite mit Wohnungsbaugesellschaften zusammen.

Raus wollen die meisten Mieter erst einmal nicht. „Ich möchte in dem Neubau eine gleichgroße Wohnung zu den gleichen Bedingungen haben“, sagt ein Frau. Und Christa Weber fragt: „Warum sollen wir hier das Feld räumen für die, die sich hohe Mieten sowieso leisten können?“ Christa Weber wohnt seit 14 Jahren in der Wilhelmstraße und will die anderen Mieter ansprechen, damit auch sie nicht ausziehen. „Wenn wir alle bleiben, kann er nichts machen.“ Derart kollektiven Widerstand hält Rechtsanwalt Ostendorf aber für Wunschdenken. Zwar werde das Sozialplanverfahren des Senats zunächst scheitern, „langfristig wird sich aber der Vermieter durchsetzen“.

Für die Linkspartei hat das Haus Wilhelmstraße Symbolwert. Die Abgeordnete Katrin Lompscher sagt: Senat und Bezirk dürften sich durch das Sozialplanverfahren „nicht zum Erfüllungsgehilfen einer Luxusmodernisierung der Innenstadt und der Vernichtung von bezahlbarem Wohnraum machen“.