Arbeit mit Gesichtsschutz: Kontaktnachverfolgung im Gesundheitsamt Mitte.
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BerlinMitte hat sich als erster Bezirk Berlins digital für den Kampf gegen Covid-19 gerüstet. Seit Ostermontag verwendet der Bezirk ein neues digitales Seuchenmanagement-Tool: Sormas (Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System), entwickelt 2014 vom deutschen Helmholtz-Institut im Kampf gegen Ebola in Nigeria und Ghana. Die neue Covid-Version der Sofware stellt das Institut Gesundheitsämtern seit Anfang April kostenfrei zur Verfügung. 

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD), Mittes Gesundheitsstadtrat Ephraim Gothe (SPD) und Amtsarzt Lukas Murajda stellten das System am Montag der Presse vor. Die anderen Bezirke sollen erst in den nächsten Wochen nachziehen.

Für die Meldung der Infizierten, deren Zahl Robert Koch-Institut (RKI) und Gesundheitsverwaltung veröffentlichen, nutzen die Bezirke eine Software des RKI namens Surfnet. Die neue Software Sormas soll nun zusätzlich die Nachverfolgung von Infektionsketten erleichtern. Eine in der Bekämpfung der Pandemie extrem wichtige Aufgabe – je schneller Infektionsherde entdeckt und Kontaktpersonen von Infizierten in Isolation geschickt werden, desto erfolgreicher die Eindämmung. In China, Israel, Südkorea, Singapur und Österreich kommen bereits Apps und Tracking-Methoden zum Einsatz. Auch der Bund arbeitet an einer Warnapp.

In den Gesundheitsämtern in Berlin sieht die Realität anders aus: Gearbeitet wird oft noch auf Papier, Praxen und Labore schicken Testergebnisse per Fax, die komplexe Kontaktpersonen-Dokumentation wird bisher in Excel-Listen geführt.  

Sormas soll das perspektivisch ändern: Die Software ist eigentlich als App gedacht, vernetzt alle relevanten Mitarbeiter in Kliniken, Laboren und Behörden per Smartphone oder Tablets und ermöglicht so das Tauschen von Daten in Echtzeit. In Mitte läuft die Software bisher nur auf Rechnern, nicht Smartphones, und nur der Krisenstab des Gesundheitsamtes nutzt sie. Auch jetzt werden noch Daten von Papier übertragen. Von bezirks- oder gar berlinweiter Vernetzung in Echtzeit kann also noch lange nicht die Rede sein. Dennoch sei der Einsatz der Software ein großer Fortschritt, sagte Gesundheitsstadtrat Gothe.

„Vorsintflutlich“ sei das Gesundheitssystem Berlins im Digitalen bisher aufgestellt, diesen Vorwurf könne man erheben, sagt Gothe. An Karfreitag brach das Excel-Listen-System des Krisenstabs ganz zusammen. Zu viele Fälle, vor allem zu viele Mitarbeiter, die auf die Listen zugreifen wollten. „Überlastet“, sagt Gothe. Doch: „Dieser Notfall war extrem hilfreich.“ So nur sei Mitte die Einführung des neuen Systems in drei Tagen gelungen.

Um mit Sormas tatsächlich Mitarbeiter auf Smartphones und Tablets in Echtzeit zu vernetzen, müssten sich alle Bezirke verbinden, sagte Gesundheitssenatorin Kalayci. Bisher hat Gothe damit keine guten Erfahrungen gemacht: Wenn nur zwei Bezirke im IT-Bereich kooperieren wollten, könne die Umsetzung bisher „mehrere Monate“ dauern. Gothes und Kalaycis große Hoffnung: Was Berlin in Sachen Digitalisierung bisher nicht schafft, soll Corona befördern. „Krise ist auch immer eine Chance“, so Kalayci.

Ein anderes, massives Problem in den Gesundheitsämtern kann die Technik nicht beheben: Es fehlt bald an Personal, warnen die Ämter. Von 160 Mitarbeitern im Krisenstab in Mitte kommen nur 20 aus dem Gesundheitsamt selbst, die anderen sind aus anderen Abteilungen des Bezirksamts abgestellt oder Ehrenamtliche, die seit Wochen ohne Bezahlung in Vollzeit arbeiten. In anderen Bezirken sehen die Verhältnisse ähnlich aus: In Pankow kommen auf 126 Mitarbeiter des Gesundheitsamtes 200 Helfer aus anderen Ämtern, in Charlottenburg-Wilmersdorf sind von 160 rund 60 ausgeliehen.

Jetzt, wo die ersten Lockerungen kommen, wollten und brauchten die anderen Ämter ihr Personal zurück, sagt Mittes Amtsarzt Lukas Murajda. Am Freitag warnten in der Berliner Zeitung bereits die vier Gesundheitsstadträte von Pankow, Neukölln, Charlottenburg-Wilmersdorf und Friedrichshain Kreuzberg, dass ein Notstand drohe. Sie forderten, dringend das Mustergesundheitsamt umzusetzen – ein Personalschlüssel in den öffentlichen Gesundheitsdiensten, über den Berlin seit mehr als zehn Jahren diskutiert, der bisher aber nie umgesetzt wurde. Pankows Gesundheitsamt stünden demnach nicht 133 Stellen zu, sondern 179.  

Corona könnte hier schon jetzt entscheidenden Wandel bringen: Was die Gesundheitsstadträte der Bezirke seit Jahren fordern, soll jetzt kommen, teilte Senatorin Dilek Kalayci am Montag mit. „Wir setzen das Mustergesundheitsamt um.“