Berlin - In anderthalb Stunden mit dem Hochgeschwindigkeitszug von Berlin nach Kopenhagen, in vier bis fünf Stunden von Berlin nach Oslo: Skandinavische Verkehrsexperten haben große Pläne für einen neuen europäischen Nord-Süd-Korridor - und sie treiben sie mit Energie voran. Noch mutet ihr Vorhaben wie eine Utopie an. „Doch viele große Errungenschaften haben mit einer Utopie begonnen“, sagt Knut Halvorsen, Geschäftsführer der norwegischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Oslo Teknopol. Der Bedarf sei da, Geld stünde bereit, und erste Analysen hätten ergeben, dass eine Schnellbahnstrecke von Norwegen über Schweden nach Deutschland profitabel wäre.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin unterstützt das Projekt. „Für uns ist es ein Beispiel dafür, wie Europa weiter zusammenwachsen könnte“, sagt der Vize-Hauptgeschäftsführer, Christian Wiesenhütter. Das Konzept sei „eine realistische Vision“.

Vor kurzem war Halvorsen wieder in Berlin, um für das Projekt zu werben. „Wenn auch Deutschland es will, könnte die Vision Wirklichkeit werden“, sagt der 52-jährige Volkswirt. Doch die größte Arbeit müssen er und sein Team, dem auch das deutsche Unternehmen DB International angehört, in Norwegen leisten. Dort beraten sie die Regierung und das Parlament. Anders als fast alle anderen Staaten hat Norwegen nicht ein Problem mit zu wenig, sondern mit zu viel Geld. Der Staat verdient an der Erdölförderung kräftig mit. Das einst bettelarme Land hat mehr als 400 Milliarden Euro auf der hohen Kante. Vorhersagen zufolge wird es 2019 ungefähr doppelt so viel Geld sein.

Doch weil der staatliche Pensionsfonds den größten Teil bislang auf den Aktienmärkten angelegt hat, musste er angesichts der dortigen Turbulenzen Verluste verbuchen. Darum sucht Norwegen nach Möglichkeiten, einen Teil des Reichtums sicherer anzulegen - zum Beispiel in den Bau von Verkehrswegen. 2013 will das Parlament darüber entscheiden.

Tunnel unter der Ostsee

Doch die Schnellbahnstrecken von Oslo nach Bergen, Stavanger und Trondheim, deren Planung nun vorangetrieben wird, sind nur ein Teil des Konzepts, an dem Halvorsen arbeitet. Würde das vorgesehene Geld nur im Inland investiert, könnte das die Inflation fördern. Deshalb werden jetzt auch Investitionsmöglichkeiten im Ausland durchgerechnet.

Dabei geht es natürlich nicht nur darum, deutschen Touristen die Reise zum Kopenhagener Smørrebrød oder zum Osloer Opernhaus zu verkürzen. Der zunehmende Verkehr zwischen Norwegen, Schweden und dem übrigen Europa ist ein langfristig sicheres Geschäft, analysiert Halvorsen. „Da die Öresund-Brücke zwischen Malmö und Kopenhagen an ihre Kapazitätsgrenzen stößt, wird ein zweiter Korridor zwischen Skandinavien und Norddeutschland benötigt. Er wäre eine langfristig sichere und profitable Investition“ - für die sich auch chinesisches Kapital interessiere. „China hat Währungsreserven von 2.000 Milliarden Euro und hat wie Norwegen ein Interesse daran, die damit verbundenen Risiken zu streuen.“

Kernstück der Schnellbahnstrecke würde ein 97 Kilometer langer Ostsee-Tunnel, der Schweden und Stralsund verbindet. Von dort würde die Trasse aus Oslo, deren Kosten von geschätzten 20 Milliarden Euro größtenteils vom Ausland getragen würden, schnurstracks nach Berlin führen. Die Stadt sei nicht nur als attraktives, wachstumsorientiertes Ziel, sondern auch als Verkehrsdrehscheibe attraktiv, so Halvorsen.

Erste Schritte wurden bereits getan. 2007 unterzeichneten Politiker aus Deutschland, Dänemark, Westschweden und der Region Oslo die COINCO-Charta. Das Kürzel steht für „Corridor of Innovation and Cooperation“. Dort reifte das Konzept für die Schnellbahnstrecke heran.

2018 soll der erste Abschnitt, der Oslo mit Ski verbindet, fertig sein. Bis 2025 soll die Verlängerung nach Kopenhagen folgen. Danach könnten die Bauleute Kurs auf Deutschland nehmen, hieß es. „Der Nord-Süd-Verkehr wächst. Gebiete, die am äußeren Rand Europas zu liegen schienen, drängen in die Mitte“, sagt IHK-Vize Wiesenhütter. „Das Projekt bietet Berlin eine strategische Chance. Es muss sie ergreifen.“ Berlin ist schon Teil des COINCO-Logos: ein blauer Punkt ganz unten.