Ihre Mutter muss ins Heim, Pflegestufe 1. Das Geld von der Kasse und die Rente der alten Frau reichen aber nicht aus, um den Platz zu bezahlen. Jetzt hat die Tochter einen Brief vom Sozialamt bekommen, sie solle sich an den Kosten beteiligen. „Bleiben Sie mal ganz ruhig“, sagt Nicole Hosang zu der Tochter, die ihr gegenüber sitzt.

Ob sie Unterhalt für ihre Mutter zahlen müsse, sei noch nicht ausgemacht. Zunächst werde genau geprüft, ob das finanziell zumutbar sei. „In dem Brief steht ein Name. Sie haben im Sozialamt eine Ansprechpartnerin. Wenden Sie sich an sie.“ Und wenn es Probleme gebe, könne sie gern wiederkommen. Ein wenig beruhigt verlässt die Frau den Pflegestützpunkt Gropiusstadt in Neukölln.

Teamleiterin Nicole Hosang hat mit ihren Kolleginnen Gabriele Kennin und Sabrina Grunwald vor wenigen Wochen die hellen Räume im Erdgeschoss des markanten weißen Hochhauses direkt am U-Bahnhof Wutzkyallee bezogen. Im September wurde die Beratungsstelle eingeweiht, es ist der 27. Stützpunkt unter Trägerschaft des Landes und der Pflegekassen in Berlin, in dem sich Pflegebedürftige und ihre Angehörigen kostenlos über betreutes Wohnen, Heime oder Finanzierungsmöglichkeiten informieren können.

Steigender Bedarf

Noch in diesem Jahr soll eine weitere Anlaufstelle aufmachen, denn der Beratungsbedarf wächst. Aktuell benötigen 108.000 Berliner Pflege, bis zum Jahr 2030 dürfte ihre Zahl nach einer Prognose des Senats auf 170 000 steigen.

Die nächste Besucherin kommt. Eine ältere Dame, 70 Jahre alt. Sie hat in ihrem Briefkasten einen Flyer über den Pflegestützpunkt gefunden und will sich erkundigen, wie man ihrer Nachbarin helfen kann. „Sie liegt im Krankenhaus. Ich denke, es läuft auf einen Pflegefall hinaus, sie kann nichts mehr allein machen“, sagt sie. „Haben Sie eine Vollmacht dabei?“, fragt Hosang. Die Frau verneint. „Dann kann ich Sie wegen des Datenschutzes nur allgemein informieren“, erklärt die Pflegeberaterin.

Die Nachbarin solle sich an den Sozialdienst im Krankenhaus wenden. „Die können eine Pflegestufe beantragen. Dann liegt der Antrag schon bei der Kasse, wenn sie nach Hause kommt.“ „Na, wunderbar. Das ist doch schon mal ein guter Tipp“, sagt die Frau. Beim Hinausgehen erzählt sie, dass es in Gropiusstadt viele ältere Bewohner gebe und nimmt eine Broschüre mit. „Man wird ja selbst nicht jünger.“

Pflegeberaterin Gabriele Kennin, die sich während des Gesprächs Notizen gemacht hat, setzt sich an den Computer. „Zeit: 13.05 bis 13.25 Uhr. Dokumentierte anonyme Beratung“, schreibt sie. Das Telefon klingelt. Eine Frau ist am Apparat. Sie zieht um und braucht in dieser Zeit für ihren Sohn eine Unterbringung. Er liegt im Wachkoma. „Da kommt eine stationäre Einrichtung oder Wohngemeinschaft in Frage“, sagt Kennin. „Wir recherchieren das und schicken ihnen innerhalb von drei Tagen Adressen zu“, sagt sie, während ihre Kollegin Sabrina Grunwald schon mal anfängt, im Internet nach geeigneten Einrichtungen zu suchen.

Die drei Beraterinnen haben ein breites Aufgabenspektrum: Sie helfen bei der Suche nach einem ambulanten Pflegedienst oder einem Heim, machen Hausbesuche oder beraten Patienten im Krankenhaus, halten Vorträge in Nachbarschaftszentren, vermitteln Pflegekurse für Angehörige. Viele Menschen, die zur Beratung kommen, wüssten nicht, was zu tun ist, wenn plötzlich der Pflegefall eintritt.

Kompetente Beratung

„Wir bieten unseren Klienten an, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus zu übernehmen und sie über einen längeren Zeitraum zu unterstützen“, sagt Hosang. Die Beraterinnen stellen dann einen Versorgungsplan auf sowie eine Liste, was in welcher Reihenfolge bis wann zu tun ist. Sie füllen für die Betroffenen Anträge aus oder legen Widerspruch ein, wenn die Krankenkasse die Eingruppierung in eine Pflegestufe abgelehnt hat. „Oder wir verweisen auf das Sozialamt, das gegebenenfalls die Kosten für einen Mobilitätsdienst übernimmt“, sagt Hosang.

Mit Krankenkassen hat die Teamleiterin Erfahrung. Hosang kommt von der Barmer Ersatzkasse, Gabriele Kennin hat in der Pflege gearbeitet und Sabrina Grunwald Sozialarbeit studiert. Sie haben eine Zusatzausbildung zur Pflegeberaterin absolviert. „Das ist eine sehr abwechslungsreiche und spannende Tätigkeit“, sagt Grunwald. „Ältere Menschen bringen ganz viel Lebenserfahrung mit.“ Und nicht immer geht es um das Thema Pflege.

Die Spätaussiedlerin aus Kasachstan hat ein Schreiben des Sozialamtes mit Informationen über ihre Grundsicherung dabei. Sie braucht einen neuen Wasserkocher und auch ein Bügeleisen. Sie will wissen, ob sie das selbst bezahlen muss. „Ja, das müssen Sie„, sagt Grunwald. „Haushaltsgeräte sind in der Grundsicherung enthalten.“ Sie empfiehlt ihrer Klientin, in ein Sozialkaufhaus zu gehen. Dort sei es billiger.

Die 65-Jährige ist nicht zum ersten Mal hier, sie wohnt in dem Hochhaus. „Ich freue mich, dass der Pflegestützpunkt bei uns zu Hause aufgemacht hat“, sagt sie.