Berlin - Den Stadtplan in ihrem Dienstzimmer am Köllnischen Park in Mitte hat Bettina Jarasch von ihrer Vorgängerin Regine Günther übernommen. Die Gemälde gegenüber sind neu, sie stammen von ihrem Schwiegervater. Doch viel Zeit, sich über die Bilder zu freuen, hat die neue Senatorin für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz nicht. Die Grünen-Politikerin hat ein großes Ressort übernommen – und die Mobilität ist das Thema, das in Berlin am heftigsten diskutiert wird. Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt die 53 Jahre alte gebürtige Augsburgerin, was für die ersten 100 Tage auf dem Programm steht, wie der Bau von Radfahrstreifen sowie Busspuren beschleunigt werden soll, wo U-Bahn-Strecken entstehen – und was sie der BVG rät.

Frau Jarasch, plötzlich sind Sie Senatorin – wie fühlt sich das an? Hat sich Ihr Leben verändert?

Ja! Mir fehlt zum Beispiel Bewegung. Im Moment nutze ich dazu jede Gelegenheit. Auf dem Weg zu diesem Gespräch zum Beispiel habe ich sehr bewusst nicht den Aufzug genutzt, sondern bin die Treppe hochgestiegen. Ich hätte sonst das Gefühl, vor lauter Aktenbergen und Videokonferenzen völlig aus dem Training zu kommen. Ich bin ein Mensch, der sich gern bewegt. Das passt ja auch zum Ressort.

Hat Ihnen jemand davon abgeraten, dieses Amt zu übernehmen?

Es gab durchaus die Empfehlung, mir das Leben leichter zu machen. Sicher hätte ich es bequemer, wenn ich nicht Senatorin für die grünen Kernthemen geworden wäre. Aber das würde nicht zu mir passen. Schließlich bin ich ein Jahr lang als Spitzenkandidatin der Grünen durch Berlin gelaufen und habe mich bemüht, die Berliner für die Mobilitätswende, den Klimaschutz und den dafür nötigen Umbau dieser Stadt zu gewinnen. Genau deshalb habe ich nun Verantwortung übernommen. Ich habe großen Respekt vor dem Berg an Arbeit, der vor mir liegt. Aber ich bin auch begeistert darüber, auf welch großartige Ressourcen ich in dieser Verwaltung zurückgreifen kann, wie viele engagierte Menschen in diesem Haus für unsere Sache brennen.

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Es hieß, dass Sie ursprünglich für das Amt der Berliner Gesundheitssenatorin vorgesehen waren. Für Ihren Posten war der bisherige Grünen-Landeschef Werner Graf im Gespräch. Ist Ihr jetziges Amt die zweite Wahl?

Ganz im Gegenteil: Mein Amt ist genau das Richtige für mich. Wir haben nie öffentlich über unsere Pläne gesprochen, und wir haben uns als Grüne auch nicht an Spekulationen beteiligt. Mit unseren Vorschlägen für die Posten im Berliner Senat sind wir erst dann nach draußen gegangen, als alles spruchreif war. Darauf bin ich heute noch stolz.

Was können die Berlinerinnen und Berliner von Ihnen erwarten?

Ich habe eine Vision für Berlin. Und mein Eindruck ist, dass diese Vision von vielen Menschen geteilt wird: Ich möchte Berlin zu einer grünen Stadt mit mehr Lebensqualität machen. Und ich möchte das Versprechen einlösen, das mit der Mobilitätswende untrennbar verbunden ist: Alle Berliner, ob sie im Zentrum oder am Stadtrand wohnen, sollen überall auch ohne eigenes Auto mobil sein können. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit – und eine Frage der Freiheit! Und diese Freiheit soll weder vom Geldbeutel noch von der Wohnadresse abhängen.

Ich möchte das Versprechen einlösen, das mit der Mobilitätswende untrennbar verbunden ist.

Bettina Jarasch

Sie haben ein Politikfeld übernommen, in dem, gelinde gesagt, ziemlich kontrovers diskutiert wird. Autofahrer fürchten um ihre Privilegien, Radfahrer fordern rasche Verbesserungen ein, um nur zwei Beispiele zu nennen. Fühlen Sie sich für den Dauerstreit, der Ihnen bevorsteht, gerüstet?

Ich habe in meinem politischen Leben immer wieder festgestellt, dass ich gut darin bin, Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven hinter einem gemeinsamen Ziel zu versammeln. Wenn man sich auf ein Ziel verständigt hat, ist es einfacher, Konflikte zu lösen. Außerdem bin ich ein diskursiver Mensch: Ich bin nicht nur neugierig auf die Ideen anderer, ich brauche sie sogar. Ich fordere Widerspruch heraus, weil ich die besten Lösungen haben und lernen will. Wir müssen streiten. Aber natürlich muss ich an einem bestimmten Punkt dann auch entscheiden. Das kann ich.

Benjamin Pritzkuleit
Zur Person

Bettina Jarasch ist seit dem 21. Dezember 2021 Bürgermeisterin von Berlin sowie Senatorin für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz. Sie ist 53 Jahre alt und lebt mit ihrem Ehemann, dem RBB-Abteilungsleiter Oliver Jarasch, und den zwei Söhnen in Wilmersdorf.

Die Grünen-Politikerin
stammt aus Augsburg. Sie arbeitete als Journalistin, unter anderem in ihrer Heimatstadt und in Braunschweig. An der Freien Universität Berlin studierte Jarasch Philosophie, Politik- und Literaturwissenschaft.

Landesvorsitzende der Berliner Grünen
war sie von 2011 bis 2016. Von 2013 bis 2018 gehörte Jarasch dem Bundesvorstand der Partei an. Sie ist Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Sie wirken wie jemand, der sich um Konsens bemüht. Im rauen Berliner Klima muss man manchmal aber auch auf den Tisch hauen können. Glauben Sie, dass Sie das hinbekommen?

Da machen Sie sich mal keine Sorgen! In der Tat ist es mit Zuhören allein nicht getan. Wir können den Menschen in Berlin Veränderungen zutrauen – und Veränderungen werden nötig sein. Umgekehrt bin ich aber bereit, Rücksicht zu nehmen und andere Lösungen zu finden, wenn unsere Maßnahmen Probleme auslösen, die zu wirklich schweren Lebenslagen führen würden. Ich werde nicht mit Scheuklappen durchregieren. Und ich gehe nicht nach der Rasenmähermethode vor.

Was meinen Sie damit?

Ich meine damit, dass es immer auch auf den Einzelfall ankommt – und dass ich gesprächsbereit bin. Ein Beispiel: Wir werden Parkplätze wegnehmen müssen, um Radwege, Lieferzonen für die Wirtschaft oder auch neue Grünflächen zu schaffen. Aber wenn wir feststellen, dass in einem Viertel besonders viele alte und in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen wohnen, werden wir darauf eingehen. Und eine Lösung finden.

Auch innerhalb der Koalition mit der SPD und der Linken werden Sie mit Menschen umgehen müssen, die grüne Einschätzungen zur Mobilitätspolitik absolut nicht teilen. Die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) sieht manches anders. Wie bereiten sie sich auf die Konflikte vor?

Im rot-grün-roten Koalitionsvertrag steht, welche Ziele wir in den kommenden fünf Jahren umsetzen. Damit haben wir eine gemeinsame Grundlage geschaffen, mit der ich sehr gut arbeiten kann. Sicher wird es Konflikte geben – entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Wir müssen wegkommen von der schlechten Berliner Angewohnheit, bei Problemen einander gegenseitig die Schuld zuzuweisen. Zum Beispiel gab es in den vergangenen Jahren oft Streit, weil Wohnungsbau und Verkehrsanbindung nicht immer Hand in Hand gingen. Mit dem neuen Bausenator Andreas Geisel habe ich verabredet, dass unsere Verwaltungen nun beides gemeinsam planen, ohne sich gegeneinander aufzustellen. Ich bin davon überzeugt, dass wir nur dann einen echten Neustart hinbekommen werden, wenn wir Erfolge gemeinsam erarbeiten.

Sie haben bislang nicht in der öffentlichen Verwaltung gearbeitet, dieser Bereich ist neu für Sie. Ist das ein Hindernis oder ein Vorteil?

An der Spitze einer Verwaltung ist es nicht anders als in einem Unternehmen oder einem Verband: Entscheidend ist es, führen zu können. Ich kann führen, und zwar auf eine Art und Weise, die es ermöglicht, Menschen mitzunehmen. Ich gehe offen auf diese Verwaltung zu, in der fast 1500 Menschen arbeiten, und ich freue mich, dass mir hier von Anfang an eine große Bereitschaft begegnet ist, die Dinge zusammen anzugehen. Wir sprechen offen miteinander – auch darüber, warum es so lange dauert, Politik zu verwirklichen. Unser gemeinsames Ziel ist es, die Umsetzung zu beschleunigen.

Sie sind nicht die erste Berliner Politikerin, die sich darum bemüht. Lässt sich dieses hehre Ziel angesichts der Organisation und des Zustands der Berliner Verwaltung überhaupt erreichen?

Wir werden hier auch neue Wege gehen, damit wir schneller zu Ergebnissen kommen. Für einen Themenbereich, in dem die Unzufriedenheit besonders groß ist, haben wir bereits einen konkreten Plan ausgearbeitet: Es geht um den Ausbau des Radverkehrsnetzes. Rot-Grün-Rot hat sich im Koalitionsvertrag sehr viel vorgenommen, um es offen zu sagen. Dieses Programm wäre unter den jetzigen Voraussetzungen kaum zu schaffen. In den kommenden fünf Jahren möchten wir auf den wichtigsten Verbindungen in Berlin ein Radvorrangnetz einrichten und auch an den Hauptverkehrsstraßen Radwege bauen. Das wären pro Jahr insgesamt rund 280 Kilometer. Zum Vergleich: In den vergangenen fünf Jahren haben wir 130 Kilometer geschafft.

Auch diese Koalition hat also ganz schön viel versprochen. Wie wollen Sie nun mehr Tempo hinbekommen?

Wir werden gemeinsam mit den Bezirken eine Projekteinheit für den Ausbau des Radverkehrsnetzes gründen – und das bereits innerhalb der ersten 100 Tage. Bezirksämter, die mitmachen wollen, sind herzlich eingeladen. Anstatt wie bisher Akten und Pläne hin- und herzuschicken, setzen sich alle Beteiligten an einen Tisch und arbeiten gemeinsam ein Vorhaben nach dem anderen ab. Ich bin davon überzeugt, dass wir dadurch schneller werden. Wir werden uns auch anschauen, ob die landeseigene infraVelo die Projekteinheit unterstützen kann.

Die BVG muss in erster Linie bei den Basics besser werden.

Bettina Jarasch

Die Bezirke kommen auch mit dem vor Jahren vereinbarten Ausbau des Busspurnetzes nicht voran. Wollen Sie auch in diesem Bereich das Verhältnis zwischen Senat und Bezirken neu ordnen?

Auch hier wollen wir sehr rasch dafür sorgen, dass das Netz der Busspuren schneller als bisher erweitert wird. Die Anordnungen liegen vor, aber die Bezirke bekommen es aus vielerlei Gründen nicht hin, alle neuen Sonderfahrstreifen zu markieren. Diesen Bezirken werden wir jetzt eine Kooperation anbieten, die neuen Busspuren werden dann in unserer Regie angelegt. Die BVG ist darauf angewiesen, dass ihre Busse pünktlicher und zuverlässiger fahren können, dies wird vielen Berlinern den Alltag erleichtern. Deshalb ist mir das Thema so wichtig.

Bleiben wir beim öffentlichen Verkehr. Auf der langen Liste im Koalitionsvertrag stehen fünf U-Bahn-Neubauprojekte, für die Ihre Verwaltung die Planungen anschieben muss. Wie gehen Sie jetzt vor?

Bei den Planungen für den U-Bahn-Ausbau werden wir nicht alles gleichzeitig angehen können, sondern müssen Prioritäten setzen. Wir werden uns anschauen, welche U-Bahn-Neubaustrecken voraussichtlich die meisten Fahrgäste anziehen werden, wo wir besonders viele Menschen zum Umstieg vom Auto auf den Nahverkehr motivieren können. Ein weiteres Kriterium ist: Wo können wir durch Lückenschlüsse zusätzliche Umsteigemöglichkeiten schaffen? Auch deshalb werden wir mit der Verlängerung der U3 von der Krummen Lanke zum Mexikoplatz anfangen. Diese Trasse wird im Südwesten Berlins eine Lücke im Netz schließen, und sie wäre wegen ihrer geringen Länge auch relativ zügig realisierbar. Dieses Projekt würde ich gern rasch angehen.

Welches U-Bahn-Projekt ist aus Ihrer Sicht ebenfalls wichtig?

Ich werde den geplanten Nutzen-Kosten-Untersuchungen nicht vorgreifen. Doch ich gehe derzeit davon aus, dass die bereits vorgeschlagene Verlängerung der U7 von Rathaus Spandau nach Heerstraße Nord ebenfalls viel bringen und zahlreiche Fahrgäste anziehen würde. Entlang dieser Strecke leben viele Menschen mit geringen Einkünften, die ganz besonders auf einen guten Nahverkehr angewiesen sind. Deshalb hätte die Verlängerung der U7 in Spandau auch einen Gerechtigkeitseffekt.

Die BVG möchte entfernungsabhängige Fahrpreise testen. Halten Sie ein solches Tarifmodell für sinnvoll?

In der Corona-Krise sind viele Menschen vom Nahverkehr aufs Fahrrad und leider auch wieder aufs Auto umgestiegen. Wir müssen gemeinsam mit der BVG und der S-Bahn daran arbeiten, dass sie zurückkommen. Dafür müssen wir in erster Linie bei den Basics besser werden: Wichtig ist, dass Busse und Bahnen pünktlich und zuverlässig, dass Bahnhöfe hell und sauber sind. Außerdem arbeiten wir weiterhin daran, die Busflotte komplett auf emissionsfreie Elektromobilität umzustellen. Das trägt zu dem Ziel bei, Berlin klimaneutral zu machen. Ich spreche gern über neue Tarifmodelle, Vorschläge sind stets willkommen. Doch die Aufgaben, die derzeit zentral und vorrangig sind, liegen woanders.

Viele Berliner U-Bahnhöfe machen einen maroden Eindruck, angenehme Aufenthaltsorte sehen anders aus. Welche Stationen sollten attraktiver werden?

Es gibt einige Bahnhöfe, für die man sich etwas überlegen sollte, damit sich die Fahrgäste wohler fühlen können. Das gilt, zum Beispiel, für einige Stationen auf der U8. Wir sollten uns aber auch um die U- und S-Bahnhöfe am Stadtrand kümmern. Dort müssen wir dafür sorgen, dass auch abends und nachts noch Leben ist, dass die Anlagen hell und einsehbar sind. Um die Mobilitätswende in die Berliner Außenbezirke zu bringen, brauchen wir dort auch Fahrradabstellanlagen, Ladestationen für Elektrofahrzeuge, Mobilitätshubs mit Mieträdern und anderen Sharing-Fahrzeugen. Ziel ist es, dass auch der letzte Abschnitt des Heimwegs ohne eigenes Auto zurückgelegt werden kann.

Wir werden ein neues Verkehrssicherheitsprogramm mit einer breiten Beteiligung erstellen.

Bettina Jarasch

Über den Fußverkehr wird selten diskutiert, dabei wird in Berlin fast ein Drittel der Wege zu Fuß zurückgelegt. Was wollen Sie für die Fußgänger in Berlin tun?

Fußgängerinnen und Fußgänger sind die allerschwächsten Verkehrsteilnehmenden – ihre Bedürfnisse müssen daher im Mittelpunkt stehen. Mit dem Fußverkehrsteil im Berliner Mobilitätsgesetz sind hier bereits die richtigen Grundlagen gelegt. Aber es geht um konkrete Maßnahmen, vor allem um mehr Sicherheit. Vor ein paar Tagen war ich bei einer Mahnwache für eine Seniorin, die von einem rückwärtsfahrenden Lkw getötet wurde. Wir müssen uns darum bemühen, der Vision Zero näher zu kommen – dem Ziel, dass im Straßenverkehr möglichst keine schweren oder tödlichen Unfälle mehr geschehen. Dafür werden wir ein neues Verkehrssicherheitsprogramm mit einer breiten Beteiligung erstellen und auf den Weg bringen. Wir wollen mehr Zebrastreifen und eine schnelle, wirksame Entschärfung von Unfallschwerpunkten. Wir setzen uns dafür ein, dass jeder Bezirk rasch mindestens eine Personalstelle für den Fußverkehr bekommt, um handlungsfähig zu werden.

Wäre es sinnvoll, neue Fußgängerbereiche zu schaffen – zum Beispiel am Hackeschen Markt in Mitte?

Das wäre ein interessantes Projekt, über das ich gern gemeinsam mit dem Bezirk sprechen würde. Mehr Platz für Fußgänger ist ein wichtiges Thema für mich. Über den Verkehrsversuch in der Friedrichstraße zum Beispiel, für den ein Abschnitt für Kraftfahrzeuge gesperrt wurde, gab es aufgeregte Debatten. Auch ich habe mit vielen Beteiligten darüber gesprochen, wie Verbesserungen zu erreichen sind. Das einhellige Votum war stets, dass niemand zum vorherigen Zustand zurück möchte. Niemand will, dass dort wieder Autos fahren. Stattdessen geht es jetzt darum, die Aufenthaltsqualität deutlich zu verbessern und dieses Projekt in Mitte räumlich größer zu fassen. So sollte auch der Gendarmenmarkt einbezogen werden. Dort könnten Straßen zu Fußgängerbereichen werden oder zu Begegnungszonen, in denen Autos weiterhin zugelassen wären, aber langsam fahren müssten. Klar ist, dass wir dieses Projekt von den Fußgängern her denken müssen. Der öffentliche Raum muss für sie attraktiver werden – gerade auch angesichts der Probleme, mit denen der lokale Einzelhandel in der Pandemie kämpft.

Fußgänger sind aber nicht nur im Bezirk Mitte unterwegs.

Richtig. Das ist der Grund, warum ich sage, dass wir die Mobilitätswende auch in die Außenbezirke bringen wollen. Wir müssen überall in Berlin bessere Orte für Menschen schaffen. Orte, an denen wir Pflaster und Asphalt entsiegeln, Bäume pflanzen, Radwege anlegen, Grün schaffen. Wir müssen überall Straßen und Plätze umgestalten, um Berlin an den Klimawandel anzupassen. Denn auch in den Hitzesommern, die uns bevorstehen und die niemand verhindern kann, soll die Stadt lebenswert bleiben. Das ist ein großes Stadtumbauprojekt gemeinsam mit den Bezirken.

Derzeit unterliegt die Einführung neuer Tempo-30-Bereiche strengen Voraussetzungen, flächendeckende Geschwindigkeitsreduzierung ist nicht zulässig. Eine kommunale Initiative fordert den Bund auf, Städten und Gemeinden größere Spielräume zu gewähren. Wird Berlin ihr beitreten?

Auch wir als Kommune brauchen mehr Gestaltungsfreiheit vom Bund, was die Schaffung neuer Tempo-30-Bereiche anbelangt. Ich finde, dass wir alles dafür unternehmen sollten, dass wir diese Spielräume bekommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand im Senat dagegen ist.

Der heutige Tarif der Parkvignette in Berlin ist aus meiner Sicht absurd niedrig.

Bettina Jarasch

Bei den Anwohnerparkgebühren haben die Städte und Gemeinden schon Gestaltungsfreiheit. Bislang durften Parkausweise in Deutschland nicht mehr als 30,70 Euro pro Jahr kosten, seit der Änderung des Straßenverkehrsgesetzes vor anderthalb Jahren gibt es keine Begrenzung mehr. Wird Berlin die neuen Möglichkeiten nutzen?

Im Koalitionsvertrag haben wir einen Betrag genannt: Wir wollen die Gebühr für die Anwohnerparkvignette in Berlin auf 120 Euro pro Jahr anheben. Im Vergleich zu heute sind zehn Euro im Monat eine deutliche Steigerung. Aber wenn man sich vor Augen führt, dass man für zehn Euro im Monat öffentliches Straßenland quasi mieten darf, finde ich das immer noch mehr als angemessen. Der heutige Tarif in Berlin, gerade einmal 20,40 Euro für bis zu zwei Jahre, ist aus meiner Sicht absurd niedrig. Wichtig ist uns, dass die künftigen Einnahmen für den Ausbau des Nahverkehrs genutzt werden. Wir wollen damit weitere attraktive Angebote schaffen, damit immer mehr Berliner eines Tages kein eigenes Auto mehr brauchen.

Was halten Sie von einer City-Maut?

In den Koalitionsverhandlungen haben wir uns darauf verständigt, dass es in dieser Wahlperiode keine City-Maut geben wird. Wir werden stattdessen die Parkraumbewirtschaftung ausweiten und wir sprechen auch darüber, dass jeder Berlin-Tourist ein ÖPNV-Gästeticket erwirbt. Es kann hochattraktiv sein, wenn Gäste der Stadt automatisch eine Fahrkarte für Busse und Bahnen bekommen, sobald sie im Hotel einchecken. Die Kosten werden nach meiner festen Überzeugung niemanden davon abhalten, nach Berlin zu reisen.

Umweltverbände kritisieren, dass in Berlin immer noch neue Straßen geplant werden. Ein Beispiel ist die Tangentialverbindung Ost (TVO), eine neue Verbindung zwischen Marzahn und Köpenick, für die in der Wuhlheide viele Bäume fallen müssten. Was sagen Sie als Grünen-Politikerin dazu?

Es wird Sie vielleicht überraschen, aber wenn es wirklich nötig ist, dann werde ich auch als Grüne eine Straße bauen. Im Fall der TVO bin ich davon überzeugt, dass das nötig ist. Seit vielen Jahren müssen die Menschen in den Wohngebieten von Karlshorst, Friedrichsfelde, Biesdorf und Mahlsdorf große Verkehrsmengen ertragen. Sie müssen endlich entlastet werden. Damit die TVO aber nicht einfach nur mehr Autoverkehr anzieht, werden wir die Ortsteile konsequent verkehrsberuhigen. Und es ist mir wichtig, dass jede neue Straße in Berlin eine Verkehrswendestraße wird. Die TVO wird von Anfang an einen Radweg und Busspuren bekommen. Parallel dazu wird die Nahverkehrstangente verlaufen, eine neue Schienenverbindung im Osten der Stadt, für die wir die Planungen ebenfalls vorantreiben. Die Senatsverwaltung arbeitet mit Hochdruck an dem Projekt TVO. Das Planfeststellungsverfahren soll noch in diesem Jahr beginnen.

Haben Sie Ihren Dienstwagen schon genutzt?

Ja, das habe ich. Es ist ein Elektrofahrzeug. Für mich ist es eine völlig neue Erfahrung, hinten in einem Wagen zu sitzen, der kein Taxi ist. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich es nutzen kann. Einerseits zum Arbeiten, aber auch ganz aktuell, denn beim Fußballspielen mit meinen Söhnen habe ich mich kürzlich am Knie verletzt. Mein elektrisches Dienstfahrrad werde ich daher in Betrieb nehmen, sobald das Knie wieder mitmacht.

Im Internet war ein kurzer Film zu sehen, der Sie dabei zeigt, wie Sie mit dem Fahrrad vor der Senatsverwaltung vorfahren. War das nur Schau, oder werden Sie künftig öfter per Rad kommen?

Das war mein ganz normales privates Fahrrad, ohne Elektroantrieb. Ich bin begeisterte Radfahrerin – aber ich habe schon fast alles durch. Meinen Motorradführerschein zum Beispiel habe ich in Braunschweig erworben, als ich bei der Braunschweiger Zeitung zur Redakteurin ausgebildet wurde. Das Motorrad hat den Umzug nach Berlin aber nicht überlebt. Hier bin ich aufs Fahrrad umgestiegen, weil es praktischer ist.

Manchmal braucht man einen Anstoß, um Gewohnheiten zu ändern.

Bettina Jarasch

Einen Führerschein für Autos besitzen Sie ebenfalls. Haben Sie auch ein eigenes Auto?

Nicht mehr. Wir hatten ein Auto – bis der Motor vor zwei Jahren den Geist aufgab.

Haben Sie einen schlechten Einfluss auf Kraftfahrzeuge?

Da muss ich heftig widersprechen. Es war kein Unfall, sondern wir haben das Auto aufgegeben, weil es mit dem Motorschaden einen Anlass dazu gab. Wir vermissen es nicht. Aber ich weiß dadurch auch: Manchmal braucht man einen Anstoß, um Gewohnheiten zu ändern. Auch wir als Senatsverwaltung wollen solche Anstöße geben, damit Familien nicht nur innerhalb des S-Bahn-Rings gut vorankommen, wo das Angebot schon sehr gut ist. Wir wollen, dass die Menschen auch am Stadtrand auf das eigene Fahrzeug verzichten können. Das hat für uns Priorität.

Berlin - Den Stadtplan in ihrem Dienstzimmer am Köllnischen Park in Mitte hat Bettina Jarasch von ihrer Vorgängerin Regine Günther übernommen. Die Gemälde gegenüber sind neu, sie stammen von ihrem Schwiegervater. Doch viel Zeit, sich über die Bilder zu freuen, hat die neue Senatorin für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz nicht. Die Grünen-Politikerin hat ein großes Ressort übernommen – und die Mobilität ist das Thema, das in Berlin am heftigsten diskutiert wird. Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt die 53 Jahre alte gebürtige Augsburgerin, was für die ersten 100 Tage auf dem Programm steht, wie der Bau von Radfahrstreifen sowie Busspuren beschleunigt werden soll, wo U-Bahn-Strecken entstehen – und was sie der BVG rät.

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