Neue Botschaft: Diplomatie mit Kultur

Berlin - Eine Schönheit ist das Haus Unter den Linden 70-72 wahrlich nicht. Es war in der DDR der Botschaftssitz der Volksrepublik Polen in Ost-Berlin, seit Jahren steht es leer. Das sieht man inzwischen auch der schmutzig-grünen Fassade an, das Haus passt längst nicht mehr in das Bild des Boulevards am Brandenburger Tor. Nach mehreren Anläufen will die Republik Polen nun auf ihrem Grundstück ab dem kommenden Jahr eine neue Botschaft errichten. Das bestätigte am Mittwoch Botschaftsrat Jacek Biegala. Einen Tag zuvor war in Warschau der Siegerentwurf für den Neubau ausgewählt worden.

Schlicht, aber modern

Die neue Botschaft wird nach dem Konzept des Büros Jems Architekten aus Warschau errichtet, das in einem Wettbewerb des polnischen Außenministeriums mit dem ersten Preis prämiert wurde. Der Entwurf wirkt schlicht, aber modern. Die helle Fassade verzichtet auf Extras und wird von großen Fenstern geprägt. In der Mitte des Hauses sehen die Architekten ein haushohes Atrium vor, auf dem Dach weht die weiß-rote Nationalfahne. Auf dem sehr tiefen Grundstück sind zudem zwei Innenhöfe geplant, um die sich die Büros der Botschaftsmitarbeiter gruppieren sollen. Wie Botschaftsrat Biegala sagt, werde auch das polnische Kulturinstitut, das derzeit seinen Sitz nahe Hackescher Markt hat, in die neue Botschaft einziehen. „Uns ist die Offenheit des Gebäudes zur Straße Unter den Linden sehr wichtig. Wir wollen uns von dem Stadtleben und den Touristen auf dem Boulevard nicht abgrenzen.“

Tatsächlich zählt dieser Abschnitt des Linden-Boulevards zu den am meisten besuchten: Im Nachbargebäude Richtung Brandenburger Tor etwa zeigt Madame Tussauds ihre Wachsfiguren, auf der anderen Seite informiert eine Stiftung über das Leben des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt. Dazwischen, in dem Botschaftsneubau, soll es künftig hinter großen Schaufenstern Ausstellungsflächen etwa für das Kulturinstitut geben.

Nach derzeitigen Plänen soll der Abriss des alten Gebäudes Anfang 2013 beginnen. Ab Herbst wird die neue Botschaft errichtet. Die Kosten schätzt die polnische Regierung bislang auf etwa 40 Millionen Euro. Diese Summe wurde bereits im vergangenen Jahr festgeschrieben. Die neue Botschaft soll 2016 bezogen werden. Der Berliner Senat kennt den Entwurf allerdings noch nicht. Schon seit dem Jahr 2000 hat Polen aber die Genehmigung für den Abriss des denkmalgeschützten DDR-Gebäudes.

Zuvor war im Zusammenhang mit dem Neubau der ungarischen Botschaft auf dem Nachbargrundstück an der Ecke Wilhelmstraße kontrovers darüber diskutiert worden, ob die DDR-Architektur aus den 1960er-Jahren es wert ist, an diesem Ort erhalten zu werden.

Der Senat sagte Nein, er gab die Häuser trotz Denkmalschutz zum Abriss frei. Zum Neubau der Botschaft jedoch gab es Differenzen mit Polen: So sahen erste Entwürfe an der Fassade ein großes Gitter vor, an dem Efeu hochranken sollte. Kritisiert wurde auch, dass das Erdgeschoss vom Linden-Boulevard abgeschottet sei. Der Senat lehnte das 1999 als „nicht genehmigungsfähig“ ab, weil es nicht den Gestaltungsregeln des Boulevards entspreche. Später näherte man sich an, 2004 verzichtete Polen aus Kostengründen auf den Neubau.

„Wir freuen uns, dass auch an dieser Stelle der Linden jetzt etwas passiert“, sagt Daniela Augenstein, die Sprecherin von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD). Der polnischen Seite biete man an, bei den Fragen der weiteren Planung und beim Stellen des Bauantrages zu helfen. Die Stadtentwicklungsverwaltung ist zugleich die Behörde, die den Botschaftsbau genehmigen muss.