Gäste im Restaurant Borchardt.
Foto: imago images/Christian Thiel.

BerlinDas Schlimmste, was den meisten Berliner Wirten jetzt passieren könnte, ist schlechtes Wetter. Die Gastronomie leidet unter der Corona-Pandemie, die Umsätze steigen nur langsam. Das wenige, das sie einnehmen, erzielen die Gastwirte vor allem durch die Außengastronomie. Die neue Infektionsschutzverordnung, die der Senat am Dienstag beschlossen hat, dürfte kaum weiterhelfen. So darf jetzt auch am Tresen sitzend gegessen oder getrunken werden – allerdings mit 1,5 Meter Abstand. Immerhin dürfen jetzt sechs Personen an einem Tisch sitzen, egal aus wie vielen Hausständen sie kommen. Das einzige, das jetzt helfen könnte, wäre wohl ein Ende der Maskenpflicht in Innenräumen. Doch das ist nicht in Sicht. Entsprechend skeptisch sind viele Wirte.

Annett Greiner-Bäuerle hat ausgerechnet, wie viele Tage seit Wiedereröffnung des Georgbräu seit Mitte Mai wenigstens kostendeckend gelaufen seien: Bis zum vergangenen Wochenende waren es zwölf. Erst seitdem, so die Chefin der Ausflugs- und Touristengaststätte im Nikolaiviertel, gehe das Geschäft etwas besser. „Langsam kommen die Gäste“, sagt sie im Gespräch mit der Berliner Zeitung, „die Umsätze werden Tag für Tag ein bisschen besser.“

Von der neuen Verordnung verspricht sich die Wirtin nicht viel. Bei ihr isst ohnehin niemand am Tresen. Und was ist mit der 6-Personen-Regel? „Das hilft meinen Gästen. Jetzt müssen sie auf dem Adressbogen nicht mehr lügen“, sagt Annett Greiner-Bäuerle. „Aber es ist natürlich ein Zeichen für Ängstliche, die sich bisher nicht in eine Gaststätte getraut haben.“

Murat Direk mag nicht darüber spekulieren, ob es der fehlende Mut seiner Gäste ist. Er weiß aber, dass ihm Gäste fehlen. „Das Geschäft läuft richtig Scheiße“, sagt er unverblümt. Und das obwohl sein Unter Simons Dach, eine Mischung aus Restaurant, Bar und Café, perfekt liegt: Simon-Dach- Ecke Revaler Straße in Friedrichshain, ein Eingang zum Partyviertel auf dem RAW-Gelände ist gleich gegenüber. Direk ist froh über den Sommer. Seine Gäste sitzen lieber draußen als drinnen. Nur leider gingen viel zu viele lieber in Parks oder zu Spätis, statt zu ihm, sagt er. Und: „Wenn jetzt auch noch das Wetter schlecht wird, sieht’s ganz düster aus.“

Roland Mary berichtet im Gespräch mit der Berliner Zeitung, dass es ihm und seinem Geschäft dagegen „den Umständen entsprechend gut“ gehe. In seinem legendären Promi-Lokal  Borchardt an der Französischen Straße erziele er etwa 70 Prozent der üblichen Umsätze. „Wenn mir vor einem Jahr einer gesagt hätte, dass ich 70 Prozent mache, wäre ich wohl fast in Ohnmacht gefallen. Heute freut man sich“, sagt Mary.

Dennoch möchte sich der Gastronom, der vor allem mit seinen Schnitzeln einen nicht geringen Teil der Fach- und Führungskräfte der Berliner Republik versorgt, „nicht in diese Jammerei einfügen“. Dabei steht man als klassischer Promi-Wirt häufiger im Fokus, als einem manchmal lieb ist. So machten im Mai Bilder vom Bürgersteig vor dem Borchardt die mediale Runde, auf denen man FDP-Chef Christian Lindner in unmaskierter Umarmung eines Gastes sah, der nicht seiner Familie angehörte. Für Mary unangenehmer war, dass in den Artikeln von 300 Gästen im proppenvollen Borchardt die Rede war. Die Zahl stimmte, so Mary, „aber auf drei Etagen verteilt. Wir versuchen vom ersten Tag an, die Hygiene-Regeln einzuhalten. Das Ordnungsamt war da und war begeistert“.

Auch Mary profitiert von seiner Außengastronomie, Tische und Stühle stehen im Innenhof und auf dem Gehweg. „Das hilft wirklich“, sagt der Gastronom. Ein großes Problem sei jedoch die Abstandsregel von 1,5 Meter im Innenbereich.

Eine Ausnahme unter den Sommer-Fans in der Gastronomie stellt Anne-Marie Raue dar, frühere Ehefrau und immer noch Geschäftspartnerin von Zwei-Sterne-Koch Tim Raue. Das asiatisch angehauchte Konzept-Restaurant an der Rudi-Dutschke-Straße in Kreuzberg verfügt über keinerlei Außen-Bestuhlung. „Wir haben uns bewusst gegen ein Terrassengeschäft entschieden“, sagt Anne-Marie Raue, „so haben wir keinen Ärger mit wechselndem Wetter, Insekten oder Lärm.“  Ihre Gäste, die für das 8-Gang-Menü am Abend 218 Euro bezahlen, könne man angemessener in den gut klimatisierten Räumen bedienen.

In Corona-Zeiten haben Raues Hygiene-technisch aufgerüstet. Es wird oft gelüftet, eine Mitarbeiterin ist ausschließlich für die Desinfektion zuständig, am Eingang steht ein mobiles Waschbecken. Der größte Clou ist aber die Einführung des „Fuh Kin Great“-Liefer- und Abholservices. Kunden können sich ein 4-Gang-Menü für 68 Euro abholen oder liefern lassen – aufzuwärmen in der Mikrowelle oder im Topf. Pro Woche gehen 50 bis 60 dieser Take-away-Menüs raus. Darüber steht nichts in der Senatsverordnung.