BerlinDas nächste Kapitel im Kampf gegen die immer höheren Corona-Infektionszahlen ist angebrochen: Ab diesem Wochenende gilt auf Wochenmärkten und in den größten Einkaufsstraßen der Stadt auch im Freien die Maskenpflicht. Um die neue Regel durchzusetzen, sollen dieses Wochenende rund 1000 Beamte von Polizei und Bundespolizei im Einsatz sein. Die meisten Berliner halten sich an die neuen Regeln.

In der Tauentzienstraße, auf dem Kurfürstendamm, in der Schloßstraße, der Wilmersdorfer Straße und der Bergmannstraße müssen Passanten nun auch im Freien eine Maske tragen. Auch die Karl-Marx-Straße, die Bölschestraße, die Alte Schönhauser Straße, die Friedrichstraße und in die Spandauer Altstadt sind von der neuen Regelung betroffen. Die Straßen wurden von der Innenverwaltung bestimmt - denn hier kann der erforderliche Mindestabstand oft nicht eingehalten werden, weil teilweise sehr viele Menschen unterwegs sind.

Bereits am Sonnabend waren insgesamt bis zum Nachmittag 500 Einsatzkräfte von Polizei und Bundespolizei in den Straßen unterwegs. In der Friedrichstraße liefen die Kontrollen in den Morgenstunden allerdings sachte an. Gegen 11 Uhr patrouillieren fünf Beamte auf Höhe der Kreuzung Unter den Linden und weisen Passanten ohne Maske auf die neue Regelung hin. Ein Mann, der ohne Mundschutz erwischt wird, reagiert mit Unverständnis. „In den Querstraßen gilt die Maskenpflicht nicht, obwohl dort auch viele Leute unterwegs sind. Das verstehe ich nicht.“ Die erste Bilanz des Teams klingt dennoch positiv. „Die meisten Passanten tragen ihre Masken und halten sich an die Regeln“, sagt eine Polizistin.

Das gleiche Bild in der Steglitzer Schloßstraße, hier sind am Vormittag Polizisten in Zweiergruppen unterwegs. Ein Pärchen aus Potsdam wird ohne Masken erwischt. „Wir finden die Maskenpflicht im Freien übertrieben“, sagt der junge Mann. „Gestern konnte man hier noch ohne Mund-Nasen-Schutz herumlaufen, heute soll das plötzlich nicht mehr gehen.“ Im Schatten der Kreisel-Bauruine hat nur eine ältere Dame keine Maske angelegt. Angesprochen darauf reagiert sie gereizt. „Warum ich keine trage? Das geht Sie gar nichts an.“ Sonst geht es hier aber wesentlich gelassener zu: Die meisten Passanten haben sich ordentlich verhüllt - wie Marion Räder. „Ich weiß als Apothekerin zwar, dass so ein OP-Schutz mehr die anderen als mich schützt. Aber es ist mir wichtig, zu signalisieren, dass ich Menschen nicht gefährden will“, sagt sie. Ein anderer Spaziergänger kritisiert die fehlende Beschilderung. „Dass man hier eine Maske tragen muss, steht nirgendwo. Aber wenn es hilft, setze ich sie gern auf.“

Erste Bilanz der Berliner Polizei: 80 bis 90 Prozent der Menschen halten sich an die neue Maskenpflicht

Schilder finden sich bisher tatsächlich kaum – und die Polizisten, die im Einsatz sind, haben damit zu kämpfen. „Das soll in den nächsten Tagen nachgeholt werden“, sagt ein Polizeibeamter, der im Bergmannkiez mit Kollegen die Einhaltung der Maskenpflicht kontrolliert. Tatsächlich seien hier einige Menschen ohne Maske unterwegs gewesen, nicht aber aus bösem Willen. Viele, die ohne Mund-Nasenschutz erwischt werden, wüssten gar nicht, dass es die Regel gibt.

Leute, die ein Geschäft verlassen, ziehen sich reflexartig die Maske vom Gesicht – schließlich stehen sie unter freiem Himmel. Eine ältere Dame ohne Maske sagt, sie wisse nichts von Maskenpflicht, sie bummele ja bloß auf der Straße. Kurz nestelt sie an ihrem Schal, zieht ihn dann aber nicht hoch. Auch am Kurfürstendamm werden immer wieder Passanten ertappt und auf die Maskenpflicht hingewiesen – obwohl die Polizei hier wesentlich größere Präsenz zeigte. Vor allem Mannschaftswagen der Bundespolizei parken am Straßenrand, überall sind Einsatzkräfte in Zweier- oder Vierergrüppchen unterwegs. Wer erwischt wird, setzt aber auch hier die Maske auf.

Doch es gibt auch sie: die Uneinsichtigen. Wochenmarkt am Arnswalder Platz, später Vormittag: Die große Mehrheit der Marktbesucher trägt Masken, sie gehen rücksichtsvoll miteinander um. In den Schlangen an den Ständen aber stehen sie teilweise so dicht beieinander wie in Vor-Corona-Zeiten. Eine Frau tippt gedankenversunken auf ihr Handy. Sie trägt keine Maske. Auf die Frage, ob sie wisse, dass hier jetzt Maskenpflicht gelte, sagt sie: „Davon weiß ich nichts. Ist doch sowieso alles Quatsch. An der Grippe sterben in jedem Jahr viel mehr Leute. Wird da vielleicht so ein Zirkus gemacht?“

Auch auf dem Kollwitzmarkt trägt die große Mehrheit Masken. Pascale Percin trinkt an einem Stehtisch einen Kaffee. Sie sagt: „Das ist für mich ein sehr emotionales Thema.“ Einerseits sei sie froh, in Deutschland zu sein, wo die Corona-Zahlen noch nicht so stark ansteigen würden wie in ihrer Heimat. Andererseits schaue sie mit Sorge nach Frankreich, wo die Familie und viele Freunde und Bekannte leben. „Mit den verschärften Regeln in Berlin kann ich gut leben“, sagt sie, „wenn damit auch wirklich erreicht wird, dass die Infektionszahlen nicht weiter ansteigen.“

So geht es vielen – und die erste Bilanz der Polizei fällt dementsprechend positiv aus. „Die ersten Erfahrungen aus dem Einsatz zeigen, dass weitgehend Einsicht herrscht und auch Kenntnis darüber besteht, dass auf diesen zehn Einkaufsstraßen Maskenpflicht herrscht“, sagt Winfrid Wenzel vom Polizeipräsidium am frühen Nachmittag. „Als erste vorsichtige Zwischenbilanz kann man sagen, dass etwa 80 bis 90 Prozent der Menschen sich tatsächlich an die neuen Regeln halten und mit Masken unterwegs sind.“ Jene, die nicht mit Masken unterwegs seien, hätten sich fast ausnahmslos einsichtig gezeigt. „Es herrscht große Akzeptanz.“ Bußgelder seien bei den Kontrollen nicht verhängt worden.

Im Verlauf des Nachmittags und Abends solle sich die Einsatztaktik verändern, auch mit Blick auf die einbrechende Dunkelheit am Abend. Man wolle am Abend den Fokus Unter anderem auf Bars und Lokale legen. Die Polizei sei dementsprechend aufgestellt, werde auch in der zweiten Schicht von 18 Uhr bis über Mitternacht hinaus mit 500 Einsatzkräften unterwegs sein. Man sei „angesichts dieser historischen Lage“ dankbar für die Unterstützung der Bundespolizei. „Wir hoffen, dass durch den Einsatz Einsicht und Vernunft sichtbar werden - auch bei denen, die bisher möglicherweise noch nicht ausreichend die Bedeutung der Maskenpflicht verstanden haben“, sagt Wenzel.