Berlin - Wer auf die Berliner Staukarte schaut, käme nicht darauf, dass eine Pandemie wütet. Stillstand auf der Stadtautobahn und der Leipziger Straße, zähfließender Verkehr auf dem Tempelhofer Damm und der A114 in Pankow: Obwohl Politiker und Virologen die Bürger auffordern, ihre Mobilität einzuschränken, muten Berlins Straßen jeden Tag aufs Neue ziemlich voll an – als gäbe es Corona nicht.

Daten, die jetzt bekannt wurden, bestätigen den subjektiven Eindruck. So wurde an Messstellen des Senats ermittelt, dass der Verkehr auf wichtigen Berliner Straßen im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie kaum zurückgegangen ist. Ein Forschungsprojekt des Meinungsforschungsinstituts Infas und des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) ergab, dass die Autonutzung sogar zugenommen hat. „Das Auto ist der Gewinner der Corona-Pandemie“, bilanziert Infas-Bereichsleiter Robert Follmer. Auch in Berlin.

Die tägliche Staukarte ist ein Service der Verkehrsinformationszentrale Berlin, kurz VIZ. Dort beobachten Fachleute, wie sich der Straßenverkehr entwickelt. Nun haben sie eine Auswertung für drei wichtige Straßenzüge in Berlin vorgelegt: die Leipziger Straße in Mitte, die Bornholmer/Wisbyer Straße in Prenzlauer Berg sowie die Frankfurter Allee in Friedrichshain. Was die dortigen Messstellen im März meldeten, wurde mit der durchschnittlichen werktäglichen Verkehrsbelastung während der ersten Märzwoche 2020 verglichen. Das Ergebnis: Der Verkehr hat abgenommen – aber nur leicht.

Mobilfunk-App zeichnet alle Ortsveränderungen auf

„Werktags liegt die Verkehrsstärke im Durchschnitt bei 90 Prozent“, fasst Jan Thomsen, Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne), zusammen. Allerdings gab es auch März-Tage, an denen sich die Belastung der Leipziger Straße und der Bornholmer/Wisbyer Straße auf hundert Prozent summierte. An diesen Tage schlugen die Messstellen genauso oft an wie vor Beginn der Pandemie.

Eine frühere Auswertung zeigt, dass im vergangenen Jahr auf einigen Berliner Straßen zeitweise sogar mehr Autos unterwegs waren als 2019. So wurde auf der Berliner und Potsdamer Straße in Zehlendorf von August bis Mitte Oktober eine Belastung von mehr als hundert Prozent gemessen.

Auch die Forscher bei Infas und im WZB verzeichnen eine Zunahme der Autonutzung in Berlin. Dort wurde ermittelt, wie sich die Mobilität im ersten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum ersten Quartal 2019 entwickelt hat. Ein bemerkenswertes Ergebnis war, dass private und Carsharing-Pkw häufiger in Anspruch genommen werden als vor zwei Jahren, als die meisten Menschen Corona nur mit einer mexikanischen Biermarke in Verbindung brachten. „Die bislang ausgewerteten Daten bewegen sich in einem Korridor von 0 bis zehn Prozent“, sagt Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum. Das heißt: Die Autonutzung in Berlin hat um bis zu zehn Prozent zugenommen.

Mobicor heißt das Projekt, bei dem Infas und das WZB mit Förderung des Bundes die Mobilität in Zeiten von Corona bundesweit erkunden. Dass die Forscher mehrere Informationsquellen nutzen, gibt den Ergebnissen zusätzliches Gewicht. Mobilitätstracking ist ein wichtiges Element: Mobilfunk-Apps zeichnen Ortsveränderungen auf und notieren, welches Verkehrsmittel genutzt wurde. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Befragungen auf Basis einer repräsentativen Stichprobe und auf Interviews, die weiter in die Tiefe gehen. Beides bringt wichtige qualitative Erkenntnisse. In Berlin nehmen 950 Menschen an Mobicor teil, so Andreas Knie. „Bei der Autonutzung wird sowohl die Zahl der Fahrten als auch die Zahl der zurückgelegten Kilometer gemessen“, berichtet er.

20 Prozent Zuwachs – das Fahrrad wird auch in Berlin häufiger genutzt

Die Auswertung für Berlin zeigt, dass es außer dem Auto einen weiteren Gewinner der Pandemie gibt: das Fahrrad. „Erfreulich ist, dass es deutlich an Bedeutung gewonnen hat, wozu sicher auch die Pop-up-Radwege beigetragen haben“, bilanziert Andreas Knie. „Die Nutzung des Fahrrads ist um rund 20 Prozent gestiegen“ – auch hier ist das erste Quartal 2019 der Vergleichszeitraum.

Während der Individualverkehr an Bedeutung gewann, verloren kollektive Transportmittel enorm an Zuspruch. So unterstreichen die aktuellen Zahlen eindrucksvoll, dass Fernverkehr wegen zahlreicher Reisebeschränkungen kaum noch stattfindet. „Die Nutzung von Flugzeugen ist im Schnitt auf rund 15 Prozent gesunken“, so Politikwissenschaftler Knie. Fahrten mit Fernzügen gingen auf 30 Prozent zurück.

Auch der Nahverkehr, der von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und der S-Bahn dominiert wird, musste Einbußen hinnehmen. Bei den Teilnehmern von Mobicor nahm die Nutzung von Bussen und Bahnen in Berlin auf rund zwei Drittel ab. Wobei das offenbar sogar noch ein rosarotes Schlaglicht ist: Denn offiziell spricht man bei der landeseigenen BVG davon, dass das Fahrgastaufkommen derzeit nur etwas mehr als halb so groß ist wie vor Corona.

Zahl der Abonnenten bei BVG und S-Bahn ist um mehr als zehn Prozent gesunken

Berlin liegt im bundesweiten Trend, sagt Robert Follmer von Infas. „Generell zeigen die Daten, dass Menschen, denen es wirtschaftlich gut geht, Autos weiterhin häufig in Anspruch nehmen“, berichtet er. „Wenn ein privates Auto vorhanden ist, wird es auch genutzt. Nicht selten öfter als vor Corona.“ Relativ gesehen habe der motorisierte Individualverkehr sogar einen größeren „Marktanteil“ als vor der Pandemie, denn insgesamt sei die Zahl der zurückgelegten Kilometer gesunken. Zudem sei während Corona die durchschnittliche Besetzung der Fahrzeuge zurückgegangen – auch das ist keine gute Nachricht fürs Klima. „Häufiger als früher sitzt nur der Fahrer im Fahrzeug“, so Follmer.

Interessant seien auch die neuen Pkw-Bestandszahlen für 2020. Laut Kraftfahrt-Bundesamt seien bundesweit selbst 2020 rund 500.000 Autos hinzugekommen. „Das sind weniger als sonst pro Jahr. Aber trotzdem eben mehr“, stellt Follmer fest. „Bei den Pkw nähern wir uns der 50-Millionen-Marke in Deutschland“ – bei rund 55 Millionen Führerscheinbesitzern und gut 41 Millionen Haushalten. Wie berichtet ist im ersten Corona-Jahr auch in Berlin die Zahl der Pkw gestiegen – um mehr als 13.000.

Zwar wurde auch außerhalb von Berlin das Fahrrad stärker genutzt, bilanziert der Infas-Bereichsleiter. „Doch der Aufwind war meist nur punktuell.“ Wo die Infrastruktur schlecht ist, verliere das Rad meist bald wieder an Reiz. Kein Wunder: Wer will sich auf holprigen Radwegen quälen und in autodominierten Städten als Ausgestoßener fühlen, wenn der eigene Pkw die angenehmere Option ist?

Der öffentliche Verkehr, der bereits während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 große Einbußen verzeichnete, leidet weiterhin unter Fahrgastschwund. Leider hätten es viele Verantwortliche versäumt, der fatalen Entwicklung entgegenzusteuern. „Sie gingen davon aus, dass die Nutzer schon zurückkehren.“ Inzwischen zeige sich aber auch, dass sich das soziale Spektrum verändert habe. Gut Verdienende nutzen Busse und Bahnen kaum noch. „Der Nahverkehr hat zunehmend ein Imageproblem.“ Er bleibe zunehmend jenen Menschen überlassen, die keinen hohen ökonomischen Status haben.

Wie berichtet ist die Zahl der Umweltkarten-Abos bei BVG und S-Bahn um mehr als zehn Prozent gesunken. WZB-Forscher Knie geht davon aus, dass weitere Abonnenten kündigen werden. Der Exodus ist noch lange nicht vorbei, befürchtet er. Pech fürs Klima.